Gewerkschafter jubilieren, und kämpfen weiter
Arbeitnehmer und Prominenz aus Politik und Kultur feiern am Samstag in Bern das 125-jährige Bestehen des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB).
Die Gewerkschaften seien gerade angesichts des dramatischen Wandels des Arbeitsmarktes nötiger denn je, sagte SGB-Präsident Paul Rechsteiner.
Seit den ersten gewerkschaftlichen Zusammenschlüssen zu Beginn des 19. Jahrhunderts sei klar, dass Lohn nicht nur eine Markt-, sondern auch eine Machtfrage sei. «Heute, im grassierenden Neoliberalismus, mit seinem Kult der Ungleichheit, stellen sich die alten Verteilungsfragen in neuer Schärfe», sagte Rechsteiner. Er bezeichnete die Kampagne «Keine Löhne unter 3000 Franken» als einen der grössten Erfolge der Gewerkschaften in den letzten Jahren.
Ein schwieriges Feld der Auseinandersetzung ist laut dem SGB-Präsidenten die Arbeitszeit, wo wie mit dem Referendum gegen die Ausweitung der Sonntagsarbeit statt für Fortschritte vor allem gegen Verschlechterungen gekämpft werden müsse.
Gemäss Rechsteiner verfügen die schweizerischen Gewerkschaften zurzeit über eine beachtliche Referendumsmacht und über eine stark verbesserte Mobilisierungskraft. Es müsse allen klar gemacht werden, dass der Streik ein Grundrecht sei und untrennbar zur einer Demokratie gehöre.
Die Wirtschaft und die Beschäftigungsstrukturen hätten sich in den letzten Jahrzehnten gewaltig verändert. Die Gründung der interprofessionellen Gewerkschaft Unia und die Öffnung des SGB für Angestelltenorganisationen und Berufsverbände seien eine Antwort darauf, sagte Rechsteiner. «Wenn wir diese zukunftsgerichteten Antworten heute verpassen, dann hat das Folgen für Jahrzehnte.»
Stärke entscheidend
An der Stärke der Gewerkschaften werde sich entscheiden, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickelt. «Der Kampf für anständige Arbeitsbedingungen, bessere Löhne und einen sozialen Staat weist über die materiellen Forderungen hinaus: Es ist ein Kampf für die Würde der Menschen», sagte Rechsteiner.
Prominentester Gast am Jubiläumskongress ist die Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey, Vertreterin der Sozialdemokratischen Partei im Bundesrat. In Bern geht es aber nicht bloss um politische Inhalte. Auftritte haben auch der Filmemacher Alexander J. Seiler und die Schriftstellerin Ruth Schweikert. Für den weiteren kulturellen Rahmen sind ein Chor mit traditionellen Kampfliedern, der Rapper «Greis» sowie Videokünstler und Theaterleute besorgt.
«Lohngleichheit jetzt!»
Bereits am Freitag fand in Bern der 10. SGB-Frauenkongress statt. Die 250 Teilnehmerinnen verabschiedeten das Manifest «Lohngleichheit jetzt!» Damit gaben sie den Startschuss zur Kampagne «Fairpay-Lohngleichheit».
Der Gewerkschafterinnen fordern darin vom Bundesrat die Einsetzung einer ExpertInnenkommission, welche 25 Jahre nach Einführung des
Verfassungsanspruchs «gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit»
Vorschläge für die raschere Umsetzung der Lohngleichheit macht.
swissinfo und Agenturen
Der SGB ist die grösste Gewerkschafts-Verband der Schweiz: Sie zählt 16 Gewerkschaften mit 380’000 Mitgliedern.
Bei der Gründung 1880 waren es 12 Sektionen mit insgesamt 133 Mitgliedern.
Die erste Gerwerkschaft wurde in der Schweiz 1858 gegründet.
Die christlichen Gewerkschaften sind nicht dem SGB angeschlossen, sie bilden seit 2002 den Verband Travail.Suisse.
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