Oper im Palais des Nations: Eine Botschaft des Holocaust an eine Welt im Chaos
Die Oper Der Kaiser von Atlantis entstand im Konzentrationslager Theresienstadt, kurz bevor ihr Komponist Viktor Ullmann nach Auschwitz deportiert wurde. In Genf ist das Werk nun Teil einer zweigeteilten musikalischen Inszenierung, die eine neue Art des Zusammenlebens entwirft.
Die Säle des Palais des Nations verwandelten sich im März von einem Ort streng orchestrierter Verhandlungen zu einer Bühne für die Klänge einer Oper. In einer Zeit, in der die Grundfesten der globalen Ordnung erschüttert werden und ein Dritter Weltkrieg nicht ausgeschlossen scheint, hält eine Oper, deren zweiter Teil seinen Ursprung in den tiefsten Abgründen des Holocaust hat, einem implodierenden System den Spiegel vor.
Unter der Regie und nach der Idee des belgisch-luxemburgischen Regisseurs Stéphane Ghislain Roussel und mit Musik des aus Lettland stammenden Eugene Birman verortet die Produktion von In Virtue Of und Der Kaiser von Atlantis dieses Spiegelbild sowohl im zeitgenössischen als auch im historischen Kontext. Der erste Teil greift auf die Europäische Menschenrechtskonvention zurück, der zweite, Der Kaiser von Atlantis, wurde von Viktor Ullmann in Theresienstadt, einem nationalsozialistischen Konzentrationslager, komponiert.
Das Genfer Publikum erlebt eine eindringliche Mahnung, was auf dem Spiel steht, wenn Systeme, deren eigentliches Ziel ist, die Menschheit zu schützen, zerbrechen und die Diplomatie versagt. «Ich sehe diese Inszenierung definitiv als Spiegel», sagt Roussel gegenüber Swissinfo zwischen den Proben. «In der Politik geht es derzeit darum, die Sprache zu verändern, sie zu missbrauchen. Ich bin wirklich entsetzt darüber, was gerade passiert.»
Im Kreis der Tugend wandeln
In Virtue Of spielt in den Vereinten Nationen, das Publikum nimmt die Plätze der Delegierten ein. Der brasilianische Bariton Michel de Souza interpretiert einen Text, der auf einem auf das Minimum reduzierten, neu geordneten und abgeschwächten Vertrag basiert. Musiker:innen – als Richter:innen verkleidet – begleiten ihn mit einer Partitur, die zwischen Ordnung und Dissonanz changiert. Sprache wandelt sich von einem Instrument der Konsensfindung zu einem Gewirr von Vorbehalten, die Grundrechte untergraben.
«Wenn man erst einmal damit anfängt (grundlegende Menschenrechte auszuhöhlen), beginnt man tatsächlich, die Welt und die Realität zu verzerren», sagt er und verweist auf Parallelen zur zunehmenden Normalisierung extremistischer Ideologien, die einst im öffentlichen Raum undenkbar gewesen wären, sowie zur Umdefinition von Begriffen wie Rassismus, und dessen Ausweitung auf Rassismus gegen Weisse. «Ein Neonazi kann eine Kundgebung auf der Strasse abhalten, und das ist nicht mehr wirklich verboten. Vor zehn Jahren war es das noch, heute ist es fast schon akzeptiert.»
Roussels Sensibilität für Sprache und deren Bedeutung für die Auslotung gemeinsamer Ansichten und Werte wurzelt in seiner Erziehung. Er wuchs in Luxemburg in einem, wie er es beschreibt, privilegierten, international ausgerichteten Umfeld auf. Dort erlebte er ein europäisches, durch die Berufswelt seiner Eltern geprägtes Milieu, in dem grenzüberschreitender Austausch und Kulturinstitutionen zum Alltag gehörten.
«Ich hörte jeden Tag etwa zehn verschiedene Sprachen, manchmal zwölf», erinnert er sich an die Tage auf dem Schulhof. «Aber eben, weil wir unterschiedliche Sprachen sprachen, teilten wir, ohne es benennen zu können, eine Art Vision davon, was es bedeutet, zusammen zu sein.»
Institutionelle Oper
Roussel, ursprünglich als Violinist und Musikwissenschaftler ausgebildet, betrachtet Musik selbst als eine Form von Sprache, wenn auch nicht unbedingt als eine universelle. Später wandte er sich der Regie zu und brachte ein ausgeprägtes Bewusstsein mit, wie Klang, Text und Bedeutung miteinander interagieren.
Die erste Aufführung von In Virtue Of fand vor vier Jahren in Luxemburg statt, unter anderem im ehemaligen Sitz des Europäischen Parlaments. Das Stück entstand in einer Zeit, die von der Covid-19-Pandemie geprägt war. Das Gefühl einer gemeinsam erlebten globalen Verwundbarkeit verstärkte die Idee einer kollektiven Verantwortung angesichts der Sorgen um einen zunehmenden Autoritarismus.
Seitdem hat Roussel die Inszenierung überarbeitet, dabei aber an seinem ursprünglichen Konzept festgehalten, sie in institutionellen Kontexten aufzuführen. «Das Besondere hier in Genf ist, dass die Vereinten Nationen nicht nur europäisch sind», sagt er. «Es ist eine globale Vision, eine weltumspannende Vision davon, wie die Gemeinschaft und die Länder eine Kommunikation und eine Art gemeinsamen Boden für politische Stabilität schaffen können.»
Vinicius Marignac, Junior-Portfoliomanager bei Gama Asset Management, der die Aufführung besuchte, freute sich über die seltene Gelegenheit, eine Oper im UN-Gebäude selbst zu erleben, und war begeistert von den Inszenierungsentscheidungen, die Grenzen verwischten, wie etwa durch die Platzierung von Darsteller:innen im Publikum. «Davon bin ich wirklich ein Fan», sagte er, während Sicherheitskräfte – sowohl Schauspieler:innen als auch echte – das Publikum beim Verlassen des Saals beobachteten.
Eine eindringliche Stimme aus dem Holocaust
Für Roussel ist die Zweiteilung des Abends, die Diptychon-Struktur, essenziell, da In Virtue Of den Weg für Der Kaiser von Atlantis ebnet. Die Oper, eine kaum verhüllte Allegorie auf totalitäre Macht, wurde zu Ullmanns Lebzeiten nie aufgeführt; die Proben wurden von den Nazis gestoppt, bevor er nach Auschwitz deportiert wurde.
Das historische Gewicht von Der Kaiser von Atlantis wird noch verstärkt durch die unglaubliche Geschichte, wie die Originalpartitur überlebte. Wie Heidy Zimmermann, Kuratorin der Paul-Sacher-Stiftung in Basel, erklärt, blieben die Manuskripte des Komponisten nach dem Krieg durch eine Reihe ungewöhnlicher Übergaben erhalten. Sie gelangten aufgrund von Ullmanns Verbindungen zu der anthroposophischen Bewegung, einer von Rudolf Steiner begründeten spirituellen Philosophie, in die Schweiz. Steiner half, das Archivmaterial aus London zu überführen.
Zimmermann begann 2018 mit der Arbeit an dem Archivmaterial und intensivierte ihre Recherchen im Zuge der globalen Ereignisse, beginnend mit der Covid-19-Pandemie, über den Krieg in der Ukraine bis hin zum Konflikt zwischen Israel und der Hamas. «Plötzlich wurde es so relevant», sagt sie über Der Kaiser von Atlantis. Das Stück wurde als Einakter mit Musik von Ullmann und einem Libretto von Peter Kien konzipiert.
«Es spricht heute ein Publikum und auch eine Gemeinschaft an, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln dafür interessiert, sowohl aus musikwissenschaftlicher Sicht als auch aus einem breiteren historischen Interesse», fügt Zimmermann hinzu.
Ullmann wurde in Cieszyn geboren, das damals zum Österreichisch-Ungarischen Reich gehörte und heute eine polnische Stadt an der Grenze zur Tschechischen Republik ist. Er war Schüler von Arnold Schönberg und erlangte in den 1920er- und 1930er-Jahren kurzzeitig Berühmtheit. 1930 wurde er in Zürich zum Dirigenten ernannt, wo er sein Interesse an den Theorien des österreichischen Philosophen Rudolf Steiner vertiefte. Obwohl seine Familie noch vor seiner Geburt vom Judentum zum Christentum konvertiert war, wurde Ullmann 1942 nach Theresienstadt und anschliessend nach Auschwitz deportiert, wo er 1944 ermordet wurde. Viele seiner Kompositionen gingen während des Krieges verloren, doch sein Manuskript von «Der Kaiser von Atlantis» blieb erhalten und befindet sich heute in der Schweiz.
Manuskript des Grauens
Anhand von Faksimiles der Quellen verdeutlicht Zimmermann die materiellen Bedingungen, unter denen das Werk entstand. Teile des Librettos wurden auf wiederverwendeten Verwaltungsformularen getippt. Dieses Papier diente ursprünglich zur Registrierung der im Ghetto ankommenden Gefangenen und enthielt Namen, Herkunft und in manchen Fällen auch Sterbedaten. Die Kunst überlagert buchstäblich die bürokratischen Aufzeichnungen der Verfolgung.
«Die Parallelen zu aktuellen Ereignissen sind wirklich frappierend», sagt Martial Debély, ein pensionierter Sozialarbeiter. «Man muss den Kontext kennen, um die Kraft dieses Werkes, dieser Komposition, zu erfassen. Das ist die Kraft der Kunst.»
Die Oper selbst ist Satire und Überlebenskampf zugleich. Ihr Libretto verspottet autoritäre Macht und entwirft eine Welt, in der der Tod sich weigert, beim Massenmord mitzuwirken – daher der Originaltitel Die Tod-Verweigerung. «Es ist eine ziemlich direkte Satire auf Nazi-Deutschland», fügt sie hinzu.
Der Humor wird bereits in der Eröffnungsszene deutlich. Als der Tod Harlekin fragt, welcher Tag sei, antwortet dieser, er verliere den Überblick, da er ja nicht mehr täglich sein Hemd wechsle. Der Tod erwidert scherzhaft, er müsse «im letzten Jahr ja tief im Dreck stecken», eine deutliche Anspielung auf das Leben im Lager, wo die Gefangenen ihre Kleidung weder waschen noch wechseln durften.
«Das ist die klassische Funktion jüdischen Humors, jüdischen Witzes», sagt sie. «Wie übersteht man eine schlimme Situation? Man macht einfach Witze darüber.»
Die Oper, fügt sie hinzu, sei auf drei Ebenen bedeutsam. Erstens als Beispiel für diese historische Situation, «Kunst in einem NS-Lager zu erschaffen, was das bedeutet, wie es möglich ist», zweitens als universelles Musik- und Opernwerk, das auch heute noch relevant ist, losgelöst von seinem Ursprung. Und schliesslich sei es auch ein «faszinierendes Musikstück».
Musik, die den Zeitgeist widerspiegelt
Die Partitur greift eine Vielzahl musikalischer Stile auf. Die Zuhörer:innen kommen in den Genuss Wagnerschen Opernarien, durchsetzt mit gesprochenen Passagen, volksliedhaften Melodien und musikalischen Zitaten, die dem damaligen Publikum vertraut waren. Wiegenliedmotive wie Schlaf, Kindlein, schlaf tragen zu einer Klangwelt bei, die Hoch- und Populärkultur miteinander verbindet. Die Oper gipfelt in einem Choral, wie er aus der christlichen Tradition bekannt ist.
De Souza verkörpert auch den Kaiser von Atlantis. Seine Darstellung bildet das verbindende Element zwischen den beiden Teilen der Diptychon-Oper, die auf getrennten Bühnen aufgeführt werden. Die Zuschauer:innen müssen vom Palais des Nations zur Comédie de Genève wechseln, nur eine kurze Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln entfernt. Sie lassen die verwirrende, ihrer ursprünglichen Ideale und Bedeutungen beraubte zeitgenössische institutionelle Sprache hinter sich und tauchen ein in die düstere historische Realität von Ullmanns Werk.
«Allein die Tatsache, dass man das Theater verlässt und sich an einen anderen Ort begeben muss, ist an sich schon eine körperliche Anstrengung», sagt Roussel. «Je mehr man die Menschen dazu bringt, Dinge zu fühlen, desto besser kann man ihnen helfen oder sie begleiten, menschlich zu sein, am Leben teilzuhaben.»
Die universellen Themen der Oper und ihre Aktualität gingen an dem Publikum nicht vorbei. «Frieden ist das Höchste», sagte Tidiane Souare, der aus der Elfenbeinküste stammt, seit drei Jahren in Genf lebt und eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner absolviert, nach dem Besuch beider Aufführungen. «Wenn Frieden herrscht, können wir alle erwachsen werden, wir alle gründen Familien. Wenn Krieg herrscht, schaffen wir das nicht. Die Folge ist Migration.»
Roussel lehnt die Idee ab, dass Kunst die Welt retten kann. Er sagt jedoch: «Kunst ist Teil des Prozesses, eine neue Art des Zusammenlebens zu etablieren.»
Editiert von Eduardo Simantob und Virginie Mangin; Übertragung aus dem Englischen mit der Hilfe von KI-Tools: Petra Krimphove
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