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Fussball zwischen Nationalismus und Weltgemeinschaft

Ausschnitt aus "Identités - mise en scène", eine Collage von Eric Lafargue. swissinfo.ch

Der Fussball ist ständig in Bewegung. Mal verschlägt es ihn in die Ecke des hemmungslosen Chauvinismus, mal träumt er den Traum von der grossen Weltgemeinschaft.

In diesem Spannungsfeld ist die Ausstellung «Hors Jeu» angesiedelt, die vom Ethnographie-Museum Genf (MEG) in der Dépendance in Conches im Rahmen der Euro 2008 konzipiert wurde.

«Fussball steht über den Religionen. Alle Religionen sind im Fussball vertreten», so die Meinung von Joseph Blatter, Präsident der FIFA, nachzulesen im Sonntagsblick vom 11. Januar 2004. John Lennon musste sich einst für ein ähnliches Statement noch beschimpfen lassen.

«Wir Fussballer haben viel zu schenken, sei es dem Fussball oder dem Weltfrieden», erklärte einmal Marco Materazzi, Spieler bei Inter Mailand, Ehrenbotschafter der Weltorganisation für Frieden und… Urheber der Verbalattacke gegenüber Zinedine Zidane an der Weltmeisterschaft 2006.

Solche Sätze werden in einem Raum der Ausstellung auf den Kern ihrer Aussage geprüft. Stimmt es, dass der Sport im Allgemeinen und der Fussball im Besonderen eine Mission für den Frieden und die Völkerverständigung erfüllt, wie uns immer wieder eingehämmert wird?

Berichte aus der Welt des Fussballs werden uns oft nur aus Bildern vermittelt, die Gewaltakte, Zusammenstösse oder das sinnlose Wüten von Gleichgesinnten zeigen.

Wir und die Anderen

«Der Prozess der Identitätsfindung ist oft komplexer, als er scheint. Die Zugehörigkeit zum ‚Wir‘ bildet sich immer nur in Verbindung mit einem ‚Sie‘, das sind jene, von denen man sich zu distanzieren versucht. Fussballmannschaften sind zum Beispiel voll in diesen Prozess eingebunden. Sie müssen als Stellvertreter herhalten, um sich vom Nachbar/Feind radikal abzugrenzen», schreibt der Wissenschaftler Raffaelle Poli im Ausstellungskatalog.

Der Fan trägt seine Zugehörigkeit zur Mannschaft zur Schau. Diese vertritt symbolisch das Kollektiv, dem er sich zugehörig fühlt. Erstaunlich ist jedoch, wie der Fan die Farben wechselt, vom Heimklub zur Nationalmannschaft… Vor einigen Wochen schlugen sich Basler und Zürcher Fans nach einem Match gegenseitig die Köpfe ein. Heute sind die gleichen Aficionados friedlich vereint unter dem Schweizer Kreuz. Unergründlich für jemanden, der keine Fanseele hat!

Ein Spiel zwischen zwei Nationalmannschaften ist ein idealer Moment, um eine territoriale Zugehörigkeit auszudrücken. Die Spieler auf dem Feld werden vom Publikum als Vertreter eines Landes wahrgenommen, dem sie dann auch verpflichtet sind. Die internationalen Wettkämpfe – die Fussball-Europa- oder die Weltmeisterschaft – sind die seltenen Momente, wo Fahnen geschwungen und Hymnen gesungen werden.

Clown-Nasen!

Einst waren nur die Fahnen bunt, heute ist der Supporter farbenprächtig gekleidet und geschminkt bis hinter die Ohren. «Dies ist ein ziemlich neues Phänomen und wurde im Team des MEG heftig diskutiert, weil wir nicht alle derselben Generation angehören», meint Christian Delécraz, einer der Kuratoren der Ausstellung.

Und er fügt hinzu: «Ich habe Jahrgang 1954. In der Primarschule lernten wir die Nationalhymne und das war’s dann auch. Höchstens noch am 1. August wurde sie gesungen… heute lernt man die Nationalhymne zwar nicht mehr, doch an Sportveranstaltungen erlebt sie ein eindrucksvolles Comeback. Die Leute sind geschminkt und kleiden sich in den Landesfarben, aber nur für die Dauer der Vorstellung – es ist und bleibt bloss eine Show.»

Doch der Ethnologe zweifelt, und mit ihm alle, die noch ein Restchen historisches Bewusstsein haben. Denn harmlos ist das Ganze nicht: «Man sollte vorsichtig sein und bei Patriotismus und Nationalismus immer auch die Geschichte im Hinterkopf haben. Man kann schnell abdriften», unterstreicht Christian Delécraz.

Das instrumentalisierte Spiel

Weil der Fussball eng mit der Bildung von nationalen Identitäten verbunden ist, wird er auch oft für politische Zwecke instrumentalisiert. Immer wieder geht es um das Bekenntnis zur Nation, die Überlegenheit einer Ideologie oder den Kampf um Unabhängigkeit.

Weltcup, Europacup, Afrikacup und andere sportliche Grossereignisse wurden oft als propagandistische Schaufenster missbraucht. Es ist die grosse Gelegenheit, ins Rampenlicht zu treten, um Macht zu festigen, nationale Unabhängigkeit zu fordern oder bloss Propaganda zu machen.

Ein Beispiel? Mussolini betrachtete das Stadion als gesellschaftlichen Raum, den man erobern und beherrschen muss. Er benutzte die Fussball-Weltmeisterschaft von 1934 in Italien, um mit der Allgegenwärtigkeit von faschistischen Symbolen die Macht seines Regimes zu demonstrieren.

Aber auch Spieler haben das runde Leder zu Propagandazwecken missbraucht. 1956, im Kampf für die Unabhängigkeit Algeriens, boykottierten Profibussballer die französische Meisterschaft. Stattdessen bestritten sie mit der Mannschaft des «Front de Libération Nationale (FLN)» Freundschaftsspiele rund um die Welt und präsentierten ein Algerien, das als Nation so noch nicht existierte.

Auf in eine strahlende Zukunft

Die Zeiten sind vorbei, als der Fussball als «Opium des Volkes» verschrien wurde. Heute wird er vielmehr als Instrument im Kampf für Frieden und Gerechtigkeit eingesetzt. Die Ziele sind hoch gesteckt: Fussball soll völkerverbindend wirken, neuen Generationen ein Vorbild sein und die Gewalt bekämpfen.

Die höchsten Fussballbosse reisen um die ganze Welt und verkünden die Verdienste dieses Sports, der heute als Lebensschule und sogar als Allerweltsmittel gilt…

Das wirft jedoch auch einige Fragen auf: Ist dies wirklich die Aufgabe des Fussballs? Wer profitiert am meisten von dieser «humanistischen» Sicht des runden Leders? Der Planet Erde… oder seine Regierungen und die Institutionen, die den Fussball verwalten? Anders gesagt, haben wir es hier nicht auch mit einer effizienten Instrumentalisierung zu tun?

swisinfo/MEG

Die Austellung «Hors Jeu» ist im Ethnographie-Museum Genf (MEG), in der Dépendence in Conches, Chemin Calandtini 7, Conches, zu sehen. Sie dauert vom 21.Mai 2008 bis zum 26. April 2009.

Für die Realisierung von «Hors Jeu» hat das MEG verschiedene Fachleute vom internationalen Institut für Sportwissenschaft Neuenburg beigezogen.

Zu den Partnern dieser Ausstellung gehört auch swissinfo. Auf Bildschirmen informiert der Special «Euro 08» von swissinfo in der Ausstellung über das aktuelle Fussballgeschehen.

Zur Ausstellung hat das MEG unter dem Titel «Hors jeu – Football et société» ein Buch unter der Leitung von Raffaele Poli herausgegeben.

Das Vorwort schrieb der Ethnologe Christian Bromberger und der Katalog enthält ein Interview mit dem Psychologen und ehemaligen Schweizer Internationalen Lucio Bizzini.

136 Seiten, 120 farbige Illustrationen von Éric Lafargue und Johnathan Watts und Zeichnungen von Pierre-Alain Bertola.

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