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Stolpersteine und das Gedenken von unten

Keystone / Ennio Leanza

Stolpersteine sind in Europa als Gedenkform für die Opfer des Holocaust etabliert. Nun werden sie auch in der Schweiz vermehrt verlegt. Ein neu gegründeter Verein möchte mit dieser dezentralen Alternative zu Denkmälern die Gedenkkultur bereichern.

Dieser Inhalt wurde am 10. April 2021 - 11:00 publiziert
Miguel Garcia

Am 27. November 2020 wurden in Zürich erstmals «Stolpersteine» verlegt im Gedenken an Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Zwei der sieben Gedenksteine sind Lea Berr und ihrem Sohn Alain gewidmet. Quadratische Messingplatten mit knapp zehn Zentimetern Kantenlänge geben Aufschluss über ihr Schicksal.

Berr wurde 1915 in Argentinien in eine jüdische Auslandschweizer-Familie geboren. 1937 kehrte sie zurück in die Schweiz und heiratete einen Franzosen. Dadurch verlor sie ihre Schweizer Staatsbürgerschaft. Mit ihrem Ehemann zog sie nach Nancy. Dort kam 1942 das gemeinsame Kind Alain zur Welt. Zwei Jahre später verhaftete die Gestapo die Familie und deportierte sie nach Auschwitz, wo Lea und Alain ermordet wurden.

Lea Berr mit ihrem Sohn Alain. Bild aus: Die Schweizer KZ-Häftlinge. 2019 © by NZZ Libro

Die Verlegung der Stolpersteine Externer Linkan der Clausiusstrasse 39 in Zürich, wo die Familie Berr gewohnt hatte, organisierte der kürzlich gegründete Verein Stolpersteine Schweiz. Der Vorstand wird präsidiert von Res Strehle, dem ehemaligen Chefredaktor des "Tages Anzeigers".

Unterstützt wird er von der Schriftstellerin und Dozentin Ruth Schweikert, dem reformierten Pfarrer und Kolumnisten Roland Beat Diethelm, dem Unternehmensberater Roman Rosenstein sowie dem Historiker Jakob Tanner. Der Gedenkanlass wurde von den Medien breit aufgenommen und von allen Seiten begrüsst.

Passanten zum Nachdenken anregen

Die Idee für die Stolpersteine stammt vom Berliner Künstler Gunter Demnig. Die kleinen im Boden eingelegten Messingtafeln mit Namen und kurzen biografischen Angaben sollen Passantinnen und Passanten zum Nachdenken über das Schicksal der von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Menschen anregen. Gesetzt werden sie in der Regel am letzten frei gewählten Wohnort der Betroffenen vor deren Verhaftung, Flucht oder Vertreibung.

Dem Initiator geht es dabei um ein individuelles Gedenken: «Die Nationalsozialisten wollten die Menschen vernichten, zu Zahlen machen und selbst die Erinnerung an sie auslöschen», ist auf seiner Webseite zu lesen. Demnig möchte diesen Prozess umkehren und die Namen der Opfer zurück an die Orte ihres Lebens in den Städten bringen. Zentrale Gedenkstätten seien in der Öffentlichkeit häufig zu wenig sichtbar.

Gunter Demnig verlegt Gedenksteine mit der Aufschrift: "Stolpersteine und die spanischen Republikaner in den Nazilagern" in Madrid. Antonio Navia / NurPhoto

Das Konzept hat sich seit der Jahrtausendwende von Deutschland ausgehend als Grassroot-Bewegung in ganz Europa verbreitet und gilt heute als grösstes dezentrales Mahnmal der Welt. Mittlerweile wurden in 25 Ländern von Spanien bis Russland über 75’000 Steine gesetzt.

Vergessene Schweizer Opfer

Dass auch in der Schweiz Stolpersteine verlegt werden, mag erstaunen, zumal hier keine Vertreibungen oder Deportationen stattfanden. Die Schweiz war lange eine Insel im europäischen Stolpersteinmeer. Dabei gab es durchaus Verfolgungsschicksale, an denen die Schweiz ihren Anteil hatte. In den 1990er-Jahren brach eine Diskussion über die Schweizer Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs und ihre Mitverantwortung für den Tod von verfolgten Juden vom Zaun. Fluchthelfer wie der 1993 rehabilitierte Paul Grüninger waren ebenfalls Teil der Debatte. 2013 wurden schliesslich in Kreuzlingen die ersten beiden Stolpersteine auf Schweizer Boden für zwei weitere Fluchthelfer verlegt.

Weitgehend vergessen gingen dabei die Schweizer Holocaust-Opfer, die wie Lea Berr im Ausland gelebt hatten. 2019 holte sie die Publikation «Die Schweizer KZ-Häftlinge» ins kollektive Bewusstsein. Darin werden über 700 Personen aufgelistet, Auslandschweizerinnen und -schweizer oder solche, die ihre Staatsbürgerschaft verloren hatten. Knapp 500 von ihnen überlebten die Konzentrationslager nicht.

Dieses Buch war es denn auch, welches Roman Rosenstein zur Gründung des Vereins Stolpersteine Schweiz veranlasste. Das Schicksal von Berr sei typisch, sagt der Unternehmensberater, der sich in verschiedenen internationalen Gremien und Institutionen gegen Antisemitismus einsetzt. Sie wurde nicht vom Staat geschützt, weil sie im Ausland lebte und aufgrund ihrer Heirat die Staatsbürgerschaft verloren hatte.

Als sich Berrs Mutter nach ihrem Verbleib erkundigte, meldete die Bundesverwaltung, «die schweizerischen Auslandsvertretungen seien nicht befugt, in dieser Angelegenheit zu intervenieren». Dass Lea Berr und ihr zweijähriger Sohn Alain in Auschwitz ermordet wurden, schloss die Familie schliesslich aus dem Ausbleiben jeglicher Lebenszeichen.

Individuelles Erinnern gegen kollektives Vergessen

Die Stolpersteine können die Lücken in der Gedenkkultur füllen. Nach Zürich sind auch in Basel, Bern und Winterthur Verlegungen geplant. «Die Stolpersteine sollen die Leerstellen kennzeichnen, welche die Verfolgten hinterliessen», sagt Jakob Tanner. Zudem passe die dezentrale Gedenkform bestens zur föderalistischen Erinnerungstradition der Schweiz.

Eine Konkurrenz zu den aktuellen Bestrebungen für ein zentrales Shoah-Denkmal sieht der emeritierte Geschichtsprofessor nicht. «Projekte wie die Stolpersteine können als Bottom-up-Projekt eine Legitimation für ein nationales Denkmal verstanden werden. Sie können zeigen, dass all die einzelnen Schicksale, die hier erinnert werden, auch etwas mit der Schweiz insgesamt zu tun haben, und diese so politisch in die Verantwortung ziehen.»

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