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Die Schweiz tat sich lange schwer mit der Erinnerungskultur

Ein "Schweizer Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus" ist gefordert. Im Bild das 1953 in Jerusalem erbaute Denkmal Yad Vashem. Keystone / Fabian Von Poser

Die Forderung, auch die Schweiz solle ein Mahnmal für die Shoah errichten, erfährt breite politische Unterstützung – auch in rechtskonservativen Kreisen. Das ist neu. Die offizielle Schweizer Erinnerungspolitik war lange von politischen Gräben geprägt und schritt erst seit den 1990er Jahren zaghaft voran.

Dieser Inhalt wurde am 10. April 2021 - 11:00 publiziert
Miguel Garcia

Dass die Schweiz ein Shoah-Mahnmal errichten soll, diese Forderung wurde schon vor mehr als 25 laut. SP-Nationalrat und Europaratsvertreter Andreas Gross wollte durch einen parlamentarischen Vorstoss erreichen, dass der Bund an die Zurückweisung von jüdischen Flüchtlingen erinnert, die der Vernichtungsmaschinerie der Nazis überlassen wurden.

Der Bundesrat lehnte das Ansinnen jedoch ab: Das Thema sei zu komplex, um als Skulptur dargestellt zu werden. Zudem sei das eine Angelegenheit des Geschichts- und Staatsunterrichts. Die Tatsache, dass in anderen Ländern durchaus auf diese Art der Geschichte gedacht wurde und dass in Berlin gerade ein Gestaltungswettbewerb für ein grosses Shoah-Denkmal lief, erachtete man als irrelevant: In Deutschland gehe es um «die Darstellung eines unermesslichen Leides, das in aller Offenheit und Direktheit erzeugt worden ist», was in der Schweiz nicht gegeben sei. 

Vergessen hatte man den Krieg auch hier nicht: Noch 1989 feierte die offizielle Schweiz als einziges Land Europas die Mobilmachung und damit gewissermassen den Kriegsausbruch von 1939. Mit Stolz erinnerten sich Armee und Regierung an den Zweiten Weltkrieg als Zeit der heldenhaften Verteidigung der Heimat.

Militärvorsteher Kaspar Villiger und «Diamant»-Organisator Oberst Nyffenegger. Keystone

"Auschwitz liegt nicht in der Schweiz"

Kurz darauf begann dieses Selbstbild zu bröckeln. Nachfahren der von den Nazis ermordeten Juden verlangten in den 1990ern die Gelder der Opfer, die noch immer auf Schweizer Bankkonten lagen. Der Westschweizer FDP-Bundesrat Delamuraz wies die Forderungen als Lösegelderpressung zurück und meinte noch Ende 1996 in einem Interview spöttisch: «Manchmal, wenn ich gewissen Leuten zuhöre, frage ich mich, ob Auschwitz eigentlich in der Schweiz liegt.» Neben der Auseinandersetzung um die «Nachrichtenlosen Vermögen» geriet die Flüchtlingspolitik immer stärker ins Zentrum der Debatte. Ausschlaggebend dafür war eine Anfrage der Shoah-Dokumentationsstätte Yad Vashem in Jerusalem, die nach den Namen weggewiesener Juden ersuchte.

Angriff auf die Erinnerungskultur: Karikatur zur 50-Jahr-Feier der Mobilmachung von 1939 Efeu (Ernst Feurer-Mettler), Nebelspalter, 1989

Der Druck führte allmählich dazu, dass sich die Schweiz ihrer Verantwortung stellte. Einen wichtigen Schritt machte Ende 1995 der damalige Bundespräsident Kaspar Villiger (FDP), als er sich erstmals förmlich für das an jüdischen Verfolgten begangene Unrecht entschuldigte. Allerdings bezog sich seine Entschuldigung nur auf den «Judenstempel», an dessen Einführung die Schweiz beteiligt war, und nicht auf die Flüchtlingspolitik im Allgemeinen, stellte Villigers Pressesprecher klar.

Im Dezember 1996 setzte das Parlament schliesslich eine Unabhängigen Expertenkommission (UEK) unter der Leitung des Historikers Jean-François Bergier ein. Sie sollte die Schweizer Finanz-, Handels- und Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg umfassend aufarbeiten. Die Ergebnisse des neunköpfigen Forscherteams wurden jedoch nicht von allen gutgeheissen. Teile der Öffentlichkeit und bürgerliche Parteien lehnten die Studien ab mit der Begründung, sie seien zu einseitig und negativ, und versuchten die kritischen Befunde zu relativieren.

Im Rückblick lässt sich erst nach der Jahrtausendwende ein allmählicher Anschluss an die Internationale Erinnerungslandschaft feststellen. Seit 2004 wird hierzulande am 27. Januar wie in anderen Ländern auch der Befreiung von Auschwitz gedacht. Sowohl der Europarat als auch die UNO führten einen entsprechenden Gedenktag ein, um durch die Erinnerung zukünftige Völkermorde zu verhindern.

Die Schweiz ist zudem Mitglied in mehreren internationalen Organisationen, die sich dem Shoah-Gedenken verschrieben haben, wie etwa die Internationale Shoah Remembrance Alliance (IHRA). 2020 traf sich die damalige Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga mit Shoah-Überlebenden und besuchte eine Gedenkveranstaltung in Auschwitz.
 

Die Schweiz akzeptierte nach Verhandlungen mit Deutschland einen Stempel im Pass, der jüdische Deutsche kennzeichnete - und damit die nationalsozialistische Rassengesetzgebung. Keystone/ Photopressarchiv

"Havarie der Erinnerungspolitik"

Ein Mahnmal, wie es 1995 gefordert wurde, existiert aber noch immer nicht. Zwar wurde die Vergangenheit immer besser aufgearbeitet, mit einer offiziellen Erinnerungspolitik tat man sich allerdings schwer: Als im Nationalrat 1997 – ganz ähnlich wie heute - ein Gedenkort gefordert wurde, verfolgte der Bundesrat das nicht weiter. Der Historiker Thomas Maissen sprach später von einer «verweigerten Erinnerung», UEK-Mitglied Jakob Tanner von einer «Havarie der Erinnerungspolitik».

Tanner, der die Idee eines nationalen Holocaustdenkmals unterstützt, betont heute aber, dass es auf Bundesebene keine «ausgeprägte Denkmalkultur» gebe, wie man sie in anderen Ländern kennt. Denkmäler und Erinnerungszeichen seien in der föderalistischen Schweiz eher Sache von Bürgern und Bürgerinnen, Vereinen, Initiativgruppen, Gemeinden, Städten und Kantonen.

Tatsächlich hat die Diskussion um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg in den 1990er Jahren einige lokale Initiativen angestossen. Bis dahin bestanden Erinnerungsorte vorwiegend in Gedenktafeln und -steinen auf jüdischen Friedhöfen. Nun kümmerten sich auch einzelne Politikerinnen und Politiker, Gemeinden und zivilgesellschaftliche Akteure um das Andenken an die Opfer der Shoah oder Schweizer Fluchthelfer wie Paul Grüninger, der 1994 vom Bundesrat rehabilitiert wurde.

Doch die meisten dieser Erinnerungsorte sind weitgehend unbekannt geblieben. Für grösseres Aufsehen sorgte vor allem die Skulptur «Shoah» des Solothurner Künstlers Schang Hutter, die er 1998 anlässlich der Feierlichkeiten zum 200. Jahrestag der Helvetischen Revolution unmittelbar vor die Türe des Parlamentsgebäudes in Bern stellte. Kritiker aus dem In- und Ausland sahen in dem Kubus aus rostendem Stahl eine «naive Allerweltsplastik», die dem Thema nicht gerecht werde, und in Hutter einen «selbsternannten Propheten», dem es nicht zustehe, stellvertretend für ein verfolgtes Volk ein Mahnmal zu errichten.

Die Querelen endeten, als eine Bürgerwehr der rechtsnationalen Freiheitspartei (heute Auto-partei.ch) den «Schrottklotz» nach wenigen Tagen illegalerweise entfernten und dem Künstler zurückschickten. Daraufhin ging die Skulptur auf eine kleine Schweizerreise und stand sogar ein paar Wochen auf dem Paradeplatz in Zürich. SP-Nationalrat Paul Rechsteiner begrüsste wie viele Linke die Kunstaktion Hutters als Kontrast «zum Versuch, das schwierigste Kapitel der Schweizer Geschichte nach offiziellen Wünschen glattzupolieren».

Mittlerweile zählt man in der Schweiz 54 Mahn- und Ehrenmahle, die in Zusammenhang mit der Shoa stehen. Es handelt sich dabei jedoch nicht um gross angelegte Gedenkstätten, sondern um lokale und eher unscheinbare Denkmale oder Artefakte. Dazu kommen zehn Stolpersteine, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Diese transnationale und in ganz Europa etablierte Gedenkform hielt 2013 Einzug in der Schweiz und wird neuerdings durch einen Verein gefördert.

Zwischen erinnern und vergessen

Die beiden neusten Vorstösse könnten nun den Weg zu einem zentralen Shoah-Mahnmal ebnen. Die breite Unterstützung zeigt, dass sich der Umgang der Schweiz mit ihrer Rolle während des Zweiten Weltkriegs in den letzten 15 Jahren entspannt hat. Dass sich mit Alfred Heer auch ein prominenter Vertreter der rechtskonservativen SVP dafür stark macht, lässt aufhorchen. Schliesslich gehörte seine Partei zu den vehementesten Kritikern der Bergier-Kommission - den Flüchtlingsbericht der UEK wie sie gar zurück.

Die überparteiliche Einigkeit erinnert an die mahnenden Worte des amerikanischen Judaisten und Spezialisten für Shoah-Denkmäler James E. Young. Grosse nationale Mahnmale seien meist das Produkt langer Debatten und setzten dadurch eine Art Schlusspunkt. Young vermutet deshalb, dass sie schliesslich eher dem Vergessen zuträglich seien als dem Erinnern. Die Gefahr des Vergessens wird verschärft durch den Umstand, dass es bald keine Überlebenden mehr geben wird, die aus eigener Anschauung von den Gräueltaten der Nationalsozialisten erzählen können.

Insofern ist das Konzept, das dem Bundesrat präsentiert wird, zu begrüssen: Es sieht vor, dass das eigentliche Denkmal von einem Dokumentationszentrum und Bildungsangeboten begleitet wird, um den Auswirkungen von Rassismus und Antisemitismus heute und in Zukunft zu begegnen.

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