«Es gibt Dinge, an die gewöhnt man sich einfach nicht» – wie Auslandschweizer in Mexiko den Zorn des Drogenkartells erlebt haben
Nach der Tötung des mächtigsten Kartelloberhaupts Mexikos stürzen Bandenmitglieder das Land mit Bränden und Strassenblockaden ins Chaos, besonders im Bundesstaat Jalisco. Schweizer:innen erzählen, wie sie die Stunden der Angst erlebt haben.
Guadalajara im mexikanischen Pazifikstaat Jalisco. Eine moderne Grossstadt, die sich auf ihre Rolle als einer der Austragungsorte der Fussball-Weltmeisterschaft der Männer diesen Sommer vorbereitet. Wer seinen Wohnort in Mexiko wählen kann, endet nicht selten hier. Auch manche:r Schweizer:in wohnt in Guadalajara, da die Stadt weniger Einwohner:innen und bessere Luftqualität hat als der Moloch Mexiko-Stadt und doch alles bietet.
Aber Guadalajara ist auch mitten im Einflussgebiet des Drogenkartells «Jalisco Nueva Generación», der mächtigsten kriminellen Organisation Mexikos. Für gewöhnlich ist das Wirken der Kartelle für Stadtbewohner:innen nicht besonders gefährlich. Auch das Verbrechen ist an einer funktionierenden Wirtschaft interessiert, will, dass Businessleute hier ihre Geschäfte machen, Tourist:innen absteigen und dass reichlich konsumiert wird.
Nemesio Oseguera Cervantes, genannt «El Mencho», wurde im Morgengrauen vom Sonntag, 22. Februar, vom mexikanischen Militär aufgespürt und tödlich verletzt.
Er hatte sein «Kartell Jalisco Nueva Generación» aufgebaut und für die landesweite und internationale Verankerung gesorgt. Die USA wirkten durch Übermittlung von Gemeindienstinformationen an der Operation mit.
Als Folge steckten Kartellmitglieder im ganzen Land Geschäfte in Brand und blockierten Strassen, womit sie die Bevölkerung über einen Tag in Angst und Schrecken versetzt haben.
Der Tod des Kartellchefs
Doch am Sonntag, 22. Februar, wurde das Leben angehalten in Guadalajara. Im Morgengrauen hatte eine mexikanische Militäreinheit El Mencho, den Chef des Jalisco-Kartells, in seinem Versteck südlich der Stadt aufgespürt. Im Schusswechsel wurde er verletzt und starb noch während des Flugs Richtung Mexiko-Stadt. El Mencho wird nicht nur als mächtigster und meistgesuchter mexikanischer Kartellboss eingestuft, sondern auch als mächtigster der Welt.
Der Angriff auf einen Mann dieses Kalibers wird von seinen Gefolgsleuten nicht stumm hingenommen. Noch während des Vormittags verwandelte sich Guadalajara in eine Kriegszone. Geschäfte, Tankstellen und Banken wurden in Brand gesetzt, Bandenmitglieder schossen auf Sicherheitskräfte und zahlreiche Autos, Busse und Lastwagen wurden auf wichtige Strassenverbindungen gestellt und angezündet. Blockaden und Gewalt erfassten 20 Staaten im ganzen Land an diesem Tag. Und im Zentrum die Heimatstadt des Kartells: Guadalajara.
Verlassen und gleichzeitig aufgeladen
«Als alle diese Nachrichten von Blockaden und Unruhen auf unseren Handys eintrafen, dachte ich mir erst nichts weiter», erzählt die Schweizerin Zarina García-Camou. «Solche Vorfälle gibt es in Mexiko. Dann ging alles sehr schnell. Restaurants und Läden schlossen. Ich fuhr mit dem Auto nach Hause und habe die Strassen noch nie so verlassen und gleichzeitig so aufgeladen erlebt.»
Doch es kursierten nicht nur hilfreiche Meldungen, als die durch Blockaden und Gewalt Eingeschlossenen im Internet nach Neuigkeiten suchten. Raymond Domon, der seit fast 30 Jahren in Mexiko lebt, erzählt von KI-Videos, in denen Bewaffnete den Flughafen Guadalajara stürmen und ein Flugzeug in Brand gesteckt wird. «Solche Falschinformation via soziale Medien verunsichern die Menschen noch mehr», sagt er.
Im Laufe des Tages überquerten die Nachrichten der Eskalation den Atlantik. Der aus Vevey stammende Jean-Marc Wintgens informierte umgehend sein Umfeld in der Schweiz. «In der Schweiz hören sie diese Meldungen und denken, wir leben im Bürgerkrieg. Sie sollen wissen, dass es mir gut geht.»
Der Tag nach dem Chaos
Dann kam der nächste Tag. Die Brände waren gelöscht, der Tumult vorbei. Sicherheitskräfte hatten die meisten Blockaden wieder entfernt. Doch der Reporter, der am Montagmorgen im Fernsehen aus Guadalajara berichtete, stand in einer leeren Stadt. Ebenso wie seine Kollegen, die sich aus weiteren Landesteilen zuschalteten, wo zuvor Chaos geherrscht hatte. Schulen blieben geschlossen, Geschäfte öffneten nicht, die Menschen gingen nicht zur Arbeit.
Die Schweizerin Valentina Krucker meldet sich am Montag aus ihrem Haus in Guadalajara, das sie über 24 Stunden nicht verlassen hatte: «Ich sah die Rauchsäulen der brennenden Strassenblockaden von meinem Fenster aus und hörte dazu ständig von überall Warnungen über mögliche Gefahren.» Mit ihrem kleinen Sohn im Haus verschanzt, musste sie Ruhe bewahren, damit das Kind nicht noch mehr Angst bekam. «Auch nach all den Jahren, die ich in Mexiko wohne – es gibt Dinge, an die gewöhnt man sich einfach nicht», sagt die Mutter.
An ihrer Pressekonferenz am Montag lobte Präsidentin Claudia Sheinbaum die erfolgreiche Operation und betonte, der Schutz der Bevölkerung habe Priorität. Doch noch können sich die mexikanischen Sicherheitsstrateg:innen nicht zurücklehnen. Denn gerade hat ihnen ein Kartell gezeigt, dass es auch mit abgeschlagenem Kopf voll funktionsfähig ist.
Editiert von Janine Gloor/Melanie Eichenberger.
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