Wie Chalet-Bahnhöfe das Bild der Schweiz geprägt haben
Vom Wallis über Graubünden und das Berner Oberland bis ins Greyerzerland prägen Chalet-Bahnhöfe das Postkartenbild des Landes. Sie entstanden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, im goldenen Zeitalter der Eisenbahn, und haben seitdem sehr unterschiedliche Schicksale erlebt. Eine Ausstellung im Wallis ist ihnen gewidmet.
Ist das Chalet für die Schweiz das, was Schokolade und Uhren sind? «Ja», antwortet Christophe Goumand. Der Walliser Archäologe und Historiker weiss, wovon er spricht – seine Familie väterlicherseits wurde in einem Chalet geboren und aufgezogen.
Und nicht in irgendeinem. Es ist keine Alphütte und auch kein luxuriöses Ferienhaus, sondern eine Eisenbahnstation, an der Reisende ein- und aussteigen können. Ihr Name: «gare-chalet» (Chalet-Bahnhof).
«Mein Grossvater war Streckenarbeiter und für die Gleise am Bahnhof Finhaut im Wallisser Seitental Val de Trient zuständig. Der Bahnhof war ein Holzchalet, in dem er mit seiner Familie lebte», erzählt er.
«Das war in den 1930er-Jahren. In der Gemeinde Finhaut gab es noch einen weiteren Chalet-Bahnhof: Châtelard-Village, der von einer Privatgesellschaft betrieben wurde. Als der Betreiber ihn abreissen wollte, sagte mein Grossvater, der damals in Pension ging: ‹Reisst ihn nicht ab, ich kaufe ihn.› Mit Hilfe eines Unternehmens demontierte er die Holzkonstruktion des Bahnhofs Châtelard und baute sie in Giétroz wieder auf. So wurde dieses versetzte Chalet unser Ferienhaus. Als Kind war ich oft dort.»
Englische Touristinnen und Touristen anlocken
Goumands Begeisterung für Chalet-Bahnhöfe, denen er eine Ausstellung widmet, die bis zum 13. September in der Galerie Victoria in Finhaut zu sehen ist, erklärt sich aus seinem persönlichen Werdegang.
Originalpläne, Modelle sowie alte und aktuelle Fotografien erwarten die Besucherinnen und Besucher. Neben der Entstehung des Schweizer Chalets, die in der Ausstellung dokumentiert ist, kann man die Architektur der Holzbahnhöfe entdecken, die den Streckenverlauf der Linie Martigny–Châtelard im Trienttal säumen.
Sie wird von der privaten Eisenbahngesellschaft Transports Martigny et Régions (TMR) betrieben und ist heute eine «geschützte» Linie. «Das bedeutet, dass man sie nicht abreissen kann», kommentiert der Archäologe.
Chalet-Bahnhöfe prägen auch die Landschaften des Greyerzerlands, des Berner Oberlands, Graubündens oder der Genfersee-Riviera. «Einige von ihnen gehören den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), wie die Bahnhöfe Gland, Coppet oder Roche im Kanton Waadt», so Goumand.
Ob privat oder öffentlich, die meisten sind noch in Betrieb. Sie existieren seit Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts und sind Teil des schweizerischen Eisenbahnerbes. Mit ihnen sollten englische Touristinnen und Touristen angelockt werden, die damals die Schweiz entdeckt hatten.
Rousseau und die Romantik des Chalets
«Meines Wissens gibt es diese Chalet-Bahnhöfe nirgendwo sonst in Europa. In Frankreich beispielsweise findet man zwar welche, aber das sind Holzhäuser. Sie haben keinen kulturellen Wert wie bei uns», sagt Goumand.
Er erinnert auch an die Rolle, die Jean-Jacques Rousseau bei der Idealisierung der Schweizer Alpenlandschaft gespielt hat. In seinem 1761 erschienenen Roman «La Nouvelle Héloïse» räumte der Genfer Schriftsteller und Philosoph dem Chalet einen beachtlichen Platz ein.
Die Schweizer Ingenieure des späten 19. Jahrhunderts lagen nicht falsch, als sie im Chalet-Konzept die Möglichkeit sahen, das Bild einer erträumten Schweiz zu exportieren und daraus beträchtlichen Gewinn zu ziehen.
Das Handwerk der Schweizer Zimmermänner aufwerten
Mit der Erfindung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert erlebten die Bahnhöfe einen Aufschwung, wie auch die neu erbauten Chalets, die zu Haltepunkten für Züge wurden.
Damals gelang es Schweizer Bauunternehmen, vorgefertigte Chalets nach Frankreich zu exportieren. Sie nutzten die Weltausstellung in Paris im Jahr 1889, um ihr Können zu präsentieren.
«Ihr Vorgehen war erfolgreich. Man muss präzisieren, dass die Helvetische Konföderation, die sich damals noch in den Anfängen befand, das Talent ihrer Zimmerleute in bedeutenden Ausstellungen aktiv zur Geltung brachte», sagt Goumand.
Das Ergebnis: Reiche Familien aus ganz Europa bestellten Chalets, um sie auf ihren weitläufigen Anwesen aufzustellen. Das ebenfalls im 19. Jahrhundert entstandene Fertighaus war begehrt. Zu den Käufern gehörte Charles Dickens, der ein Chalet in einem Vorort von London besass. «Es existiert noch immer, inmitten moderner Bauten – dort hat der britische Autor seine Bücher geschrieben», betont unser Gesprächspartner.
Wussten Sie das? Das Chalet eroberte zunächst Europa, bevor es sich in der Schweiz durchsetzte:
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Schicksale der Chalet-Bahnhöfe
Der Walliser hat noch eine ungewöhnliche Anekdote über den Chalet-Bahnhof der «drei Städte» in der Nähe von Ste-Croix parat, der an sich an einem bewaldeten Hang befindet.
Dieser gehört dem öffentlichen Transportunternehmen Travys und verdankt seinen Namen seiner Lage, von der aus man Yverdon-les-Bains (Waadt), Estavayer-le-Lac (Freiburg) und Orbe (Waadt) sehen kann.
Ursprünglich wurde er zum Unterbringen von Streckenarbeitern erbaut und wird seit 1990 vermietet. Heute hält der vorbeifahrende Zug dort nur noch für den einzigen Mieter des Bahnhofs.
Jedem Chalet-Bahnhof sein Schicksal. Klosters-Dorf im Kanton Graubünden wurde 1889 in Betrieb genommen und ist heute ein Café und eine Bäckerei. Die Züge halten dort zwar noch immer, doch diese Haltestelle bietet sonst keine Dienstleistungen mehr an.
Die Bahnhofsvorsteher sind schon seit langer Zeit verschwunden. Heute ist alles automatisiert. Und die modernen Bahnhöfe? «Ah!», sagt Goumand, «überall auf der Welt gleich, Copy-Paste, nur Beton!» Nostalgisch also? «Ja und Nein, ich bleibe vernünftig, man muss mit seiner Zeit leben.»
Editiert von Samuel Jaberg, Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub
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