Alain Délétroz – Verteidiger des Kriegsrechts in einer Welt, die nicht mehr daran glaubt
Seine Aufgabe ist es, Kriegsherren zu treffen und sie zu überzeugen, die Zivilbevölkerung zu verschonen. An der Spitze von Geneva Call verfolgt Alain Délétroz diese Mission, während die Staaten selbst immer weniger mit gutem Beispiel vorangehen. Ein Porträt.
Kontakt zu den blutrünstigsten bewaffneten Gruppen der Welt aufnehmen, um sie für die Regeln des Krieges zu sensibilisieren. Sein Beruf ist ungewöhnlich, aber mit seinen 1,90 Metern hat Alain Délétroz die Statur dafür. Hinter seinem intensiven Blick, der zum Zuhören zwingt, verbergen sich jedoch ein Humanismus und eine Sensibilität, die seine ruhige, bedächtige Stimme noch schneller verrät als seine Freundlichkeit. Der Walliser, der die Welt bereist hat, hat seine Herkunft nicht vergessen: Er empfängt uns mit einem Kaffee und bietet uns ein Stück Schokolade an – natürlich aus der Schweiz.
Als wir ihn fragen, was ihn 2017 dazu bewogen hat, diesen Posten anzunehmen, antwortet der Direktor von Geneva Call: «Seit ich sehr jung bin, fasziniert mich, was den Menschen auch in den schlimmsten Situationen menschlich bleiben lässt.» Es ist dieser unerschütterliche «Glaube an die Menschlichkeit», den er aus seiner Kindheit in einer «katholischen Familie in Ayent» mitbringt, der ihn in die humanitäre Arbeit geführt hat. Eine Laufbahn, die er 1994 als Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Moskau begann.
«Was mich in meinen verschiedenen Jobs beeindruckt hat, vor allem in den ersten Jahren als junger Delegierter, war zu sehen, dass dieser Funke Menschlichkeit im Herzen von Menschen wiedergefunden werden kann, die schlimmste Verbrechen begangen haben», sagt er. «Genau daran arbeitet Geneva Call.»
Indem die NGO bewaffnete Gruppen für die Genfer Konventionen sensibilisierte, zielte sie ursprünglich darauf ab, eine Lücke im humanitären Sektor zu schliessen. Ein Vierteljahrhundert später hat sich Geneva Call als unverzichtbarer Akteur im Internationalen Genf etabliert. Auch als einer der diskretesten, obwohl Alain Délétroz bereit ist, einen kleinen Einblick zu gewähren.
Ein Funken Menschlichkeit
Geneva Call steht heute mit über 200 Gruppen in Kontakt, die über die ganze Welt verstreut sind. Sie anzusprechen und ihr Vertrauen zu gewinnen, erfordert eine ausgezeichnete Kenntnis der Lage vor Ort. Deshalb baut die Organisation seit zehn Jahren ein Netzwerk internationaler Aussenstellen auf.
«Es sind nicht mehr die Mitarbeitenden des Genfer Hauptsitzes, die aus dem Flugzeug steigen, um den Dialog aufzunehmen. Unsere Mitarbeitenden vor Ort machen diese Arbeit», sagt Délétroz. Er selbst reist später hin, wenn sich die Gelegenheit ergibt, hochrangige Kommandanten zu treffen.
Wie schafft er es dann, Kriegsherren, mit denen er auf den ersten Blick nichts gemeinsam hat, davon zu überzeugen, ein humanitäres Völkerrecht (HVR) zu respektieren, das ihnen fremd ist? «Die rein juristische Argumentation reicht allein nicht aus, um eine Verhaltensänderung bei bewaffneten Gruppen zu erreichen, die manchmal jahrelang schwere Gewalttagten gegen die Zivilbevölkerung begangen haben», stellt er gleich zu Beginn klar. «Man muss etwas anderes finden.»
Dieses «andere» ist genau jener «Funke Menschlichkeit», den Alain Délétroz seit Beginn unseres Gesprächs erwähnt. «Man muss versuchen zu finden, was in ihrem mentalen Kodex oder ihrer Ideologie es einem ermöglicht, eine Verbindung aufzubauen», präzisiert er und fügt hinzu, dass es dazu «kein Rezept» gebe.
Man kann sich leicht vorstellen, dass seine Sprachkenntnisse – darunter Russisch oder Quechua, das er in seiner Jugend bei peruanischen Indigenen gelernt hat – ein Vorteil sind. Auch sein tiefer Glaube, den er seit jeher pflegt und den er unter anderem während eines zweijährigen Seminars bei der missionarischen Ordensgemeinschaft der Spiritaner in Paris vertieft hat, spielt eine wichtige Rolle.
Denn Délétroz betont, dass kulturelle und religiöse Aspekte bei diesen Gruppen, die ausnahmslos «eine Sache» verfolgen, eine wichtige Rolle spielen.
«Wenn man sie infrage stellt, ist es vorbei. Natürlich fällt es mir als Individuum in bestimmten Konflikten schwer, mir zu sagen, dass ihre Sache gerecht ist», sagt er. Aber die humanitäre Neutralität erlaube ihm, politische Überlegungen beiseitezulassen. «Wir diskutieren nicht darüber, warum die Leute kämpfen, sondern wie sie es tun und welche Verantwortung sie gegenüber der Zivilbevölkerung haben», fügt er hinzu.
So kommt es manchmal zu Interaktionen, die für einen Aussenstehenden überraschend bis schockierend sein könnten. «Ich habe kürzlich am Telefon ein heikles Thema mit einem Kommandanten besprochen, den man nicht gerade als sanftmütig bezeichnen kann. Am Ende unseres Gesprächs sagte er zu mir: `‹Sie und ich, wir teilen dieselben Werte›», erzählt Délétroz mit einem verlegenen Lachen. Aber mit allen zu reden, ist genau seine Aufgabe.
Wenn er über seine zahlreichen Reisen in Kriegsgebiete spricht, die ihn kürzlich in die Demokratische Republik Kongo geführt haben und ihn demnächst in die Ukraine und in den Nahen Osten führen werden, vermeidet der Direktor sorgfältig, seine Gesprächspartner zu nennen. Das hindert ihn jedoch nicht daran, eine für die normalerweise diskrete Welt des Internationalen Genfs eher seltene Offenheit an den Tag zu legen.
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Erosion des humanitären Rechts
Die Mission von Geneva Call war vielleicht noch nie so schwierig wie heute. Denn wie soll man bewaffnete Gruppen davon überzeugen, die Genfer Konventionen zu respektieren, wenn Staaten, die sie verabschiedet haben, dies selbst nicht tun?
«Keine einzige nationale Armee, die im Kampf steht, verhält sich korrekt», stellt Délétroz bitter fest. Er beklagt eine allgemeine «Erosion des humanitären Völkerrechts», von der Ukraine über Gaza bis zum Sudan.
«Seit den israelischen Bombardierungen auf Gaza haben uns mehrere Kommandanten bewaffneter Gruppen im Nahen Osten sehr klar gesagt: ‹Sprecht nicht mehr mit uns über die Genfer Konventionen. Wenn ein solcher Horror vor unseren Augen geschehen kann, ohne dass sich jemand darüber erschüttert zeigt, warum sollten wir dann diese Regeln respektieren?›», sagt Délétroz.
Seine Teams müssen dann anderswo Argumente finden, in den Verhaltenskodizes anderer Milizen oder in religiösen Texten, die ähnliche Regeln vorschreiben.
«Im Gegensatz zu dem, was man glauben könnte, will die grosse Mehrheit der Gruppen den Dialog fortsetzen», betont Délétroz dennoch. Er räumt jedoch ein, dass der Dialog mit bestimmten Gruppen, insbesondere dschihadistischen, nicht aufgenommen werden kann, da diese ihn ablehnen.
Von seinem Büro aus, das den Place des Nations überblickt, beobachtet Délétroz auch die Entwicklung der Konflikte. «Die grösste Veränderung der letzten zehn Jahre ist der Raum, den bewaffnete Gruppen kontrollieren», sagt er. Dieser hat sich stark ausgeweitet und umfasst inzwischen über 200 Millionen Menschen. Einige Milizen sind zu «De-facto-Behörden» geworden, die ganze Gebiete verwalten.
Eine Entwicklung, die auch die Arbeit seiner Organisation verändert hat, deren Jahresbudget bei rund 20 Millionen Franken liegt. «Am Anfang haben wir im Wesentlichen am Verhalten der Kämpfer gearbeitet. Heute bieten wir auch Schulungen für die Verwaltung und den Schutz der Zivilbevölkerung an.»
Die Hoffnung bewahren
Nach fast zehn Jahren in seinem Amt fragen wir Alain Délétroz, ob er etwas bereut. Der Direktor überlegt einen Moment. «Als ich die Bilder vom 7. Oktober sah, sagte ich mir, dass wir einen Fehler gemacht haben, indem wir nicht mit der Hamas in Dialog getreten sind. Denn keine der Gruppen, mit denen wir arbeiten, tötet Zivilisten mit Gartengeräten», sagt er.
Geneva Call hatte die palästinensische Organisation nie angesprochen, weil bereits viele humanitäre Akteure im Nahen Osten präsent waren. Die Organisation hatte sich daher entschieden, ihre Bemühungen auf andere Konflikte zu konzentrieren, insbesondere in Afrika.
Mit 62 Jahren und trotz der Erosion des Völkerrechts, der Verschlechterung der Sicherheitslage und der Krise im humanitären Sektor weigert sich dieser Vater von zwei Söhnen und drei Töchtern, dem Pessimismus nachzugeben.
«Was mich motiviert, ist zu sehen, wie Menschen, die früher Verbrechen begangen haben, ihr Verhalten ändern, Regeln für ihre Truppen aufstellen und Verstösse sanktionieren. Das gibt uns die Kraft, weiterzumachen.»
Dieses Porträt ist das erste einer Serie über Menschen, die Tendenzen verkörpern, die das Internationale Genf heute prägen. Im nächsten Artikel reden wir mit Alain Werner, Direktor von Civitas Maxima. Einer NGO, die von Genf aus Kriegsverbrecher jagt – in einer Zeit, in der die internationale Justiz unter Druck steht.
Editiert von Samuel Jaberg. Übertragung aus dem Französischen von Claire Micallef
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