«Ade merci, Schweiz»: Digitale Nomaden zwischen Freiheit und Arbeitsalltag
Das Rauschen des Meeres im Ohr, Sand zwischen den Zehen, Sonne auf der Haut – und der Laptop aufgeklappt auf den Knien. Das Leben als digitaler Nomade klingt verlockend, ist aber nicht immer so frei und unbeschwert wie erwartet. In dieser Folge von «Ade merci, Schweiz» reden wir über die Herausforderungen und die Faszination dieses Lebensstils.
Im Februar sind Seline Graf und Jan Mezger mit ihrem VW-Bus losgezogen. Zuerst nach Valencia in Spanien, später nach Portugal: Figueira da Foz, Salema. Die Destinationen klingen nach Urlaub. Für Graf und Mezger waren sie jedoch die ersten Stationen ihres neuen Lebens als digitale Nomad:innen.
Für Mezger ging damit ein langjähriger Wunsch in Erfüllung: «Mit 32 entdeckte ich das Reisen und merkte, ich will noch mehr von dieser wunderschönen Welt sehen.» Er teilte die Idee mit seiner Partnerin Seline Graf. Nach und nach wuchs auch bei ihr der Wunsch nach diesem Lebensstil, bis die beiden den Entschluss fassten: Jetzt machen wir es.
Hören Sie die dritte Podcast-Folge der zweiten Staffel von «Ade merci, Schweiz» zum Thema digitales Nomadentum:
00:00 Der Traum vom Strandbüro
03:29 Remotes Arbeiten
06:04 Vorbereitung und erste Testphase
10:33 Warum Spanien und Portugal?
11:30 Reiserhythmus und Ruhe finden
14:28 Was tun mit den Zeitzonen?
17:05 Arbeitsrecht, Steuern und Versicherungen
22:32 Angemeldet bleiben oder abmelden?
25:09 Die Optimierungsfalle
28:49 Heimweh-Playlist
32:42 Instagram vs. Alltag
36:47 Selbstdisziplin
40:08 Sozialleben
44:36 Mental Load
46:30 Kritik am Lifestyle
48:00 Vorschau
Nur für junge Menschen?
Schon vor knapp 25 Jahren startete Lorenz Ramseyer ins digitale Nomadentum, damals noch ohne Laptop, Smartphone oder Hotspot. Diesen Lebensstil – nun mit allen modernen Technologien – pflegt der Präsident des Vereins Digitale Nomaden SchweizExterner Link noch heute: seit zehn Jahren Teilzeit, mit mehr Verwurzelung in der Schweiz.
Für Ramseyer steht fest, das Alter spielt beim digitalen Nomadentum keine Rolle. Entscheidend sei, ob einem der Lebensstil zusagt. «Wichtig ist, zu merken: Liegt mir das? Kann ich so arbeiten?», sagt er. «Viele entscheiden sich auch nach einer Karriere für diesen Schritt. Der Vorteil dabei: Man bringt bereits ein eigenes geschäftliches Netzwerk mit, auf das man aufbauen kann.»
Ob jung, mitten in der Karriere oder kurz vor der Pensionierung, Interessierten rät Ramseyer, vor ihrer Abreise Erfahrungen mit dieser Arbeitsweise in der Schweiz zu sammeln, etwa in Coworking-Spaces oder im Zug. Dazu kommen Grundsatzfragen: Eignet sich mein Unternehmen fürs Remote-Arbeiten? Oder für Angestellte: Darf ich das überhaupt?
Nicht alles wie geplant
Graf und Mezger sind heute selbständig. Beide arbeiten für das Filmproduktionsunternehmen Cine Studio, das Mezger vor fünf Jahren gegründet hat. Remote-Arbeiten kannten sie bereits vor ihrer Abreise. «Ich arbeitete schon immer gerne unterwegs, sei es im Zug oder auf irgendeinem ‹Hogger›», sagt Jan Mezger.
Und doch, die Realität in Valencia entsprach nicht ganz dem, was sie sich vorgestellt hatten. «Wir haben uns im Februar zu fest darauf versteift, aus dem Bus heraus zu arbeiten», sagt Mezger. Kälte und Regen liessen die beiden umplanen: Coworking in der Stadt anstatt Campingstuhl und Laptop auf dem Schoss.
Auch bezüglich Reisen merkten sie rasch, ihr Vorhaben war anspruchsvoll. «Zu Beginn packten wir praktisch jedes Wochenende unsere Sachen», sagt Mezger. Neben dem Entdecken neuer Orte blieb die Arbeit bestehen. «Wir haben ganz normal von Montag bis Freitag gearbeitet. Man ist dann immer in diesem rollenden Prozess und kommt nicht zur Ruhe.»
Ramseyer rät von allzu schnellen Ortswechseln ab, «damit man eine gewisse Routine entwickeln kann». Und trotzdem: «Das Wort Nomaden heisst, man probiert verschiedene Orte aus.» Stabilität kehre laut dem Experten ab zwei bis vier Wochen ein.
Graf und Mezger nutzten ihre ersten Monate unterwegs bewusst auch als Vorbereitung, um dieses Leben längerfristig zu führen. Obwohl nicht alles nach Vorstellung lief, war es «trotzdem perfekt. So, wie wir es uns wünschen», sagt Graf.
Bali, Bolivien oder doch Belgien?
Für alle, die selbst mit dem Gedanken ans digitale Nomadentum spielen, beginnt die Vorbereitung bereits, bevor die Koffer gepackt sind, die Wohnung geräumt ist und Abschied genommen wurde.
Am Anfang steht die Grundsatzfrage: Wohin soll es gehen? Spanien und Portugal eigneten sich gut als erste Reiseziele für Einstiegsnomad:innen, sagt Ramseyer. «Dort gibt es eine grosse Community; man findet schnell Leute, die gleich arbeiten, und niemand schaut dich schräg an, wenn du den Laptop aufklappst.» Auch das stabile Internet sowie der geringe Zeitunterschied (die Schweiz liegt eine Stunde vor Portugal) sprächen für die beiden Länder in Westeuropa. Hinzu kommt, dass sie zu den weltweit über 60 Ländern gehören, die ein Digital-Nomad-Visum oder vergleichbare Visa für Remote-Worker anbieten – als Schweizer:in profitiert man vom freien Personenverkehr.
Im Audio- und Video-Podcast «Ade merci, Schweiz» erhalten Sie authentische Einblicke in das Leben und die Erfahrungen von Auslandschweizer:innen. Gemeinsam mit Fachleuten beleuchten wir Herausforderungen und Höhepunkte rund ums Auswandern und Leben im Ausland, vom Auswandern mit Kindern bis hin zum Ankommen in einer neuen Sprache und Kultur. Den Podcast «Ade merci, Schweiz» gibt es auch auf Französisch.
Ist das Reiseziel einmal bestimmt, kommt der anstrengende Teil: das Administrative. Zwar gibt es Unterschiede, ob jemand selbständig oder angestellt ist, trotzdem müsse «jede Situation individuell abgeklärt werden», betont Ramseyer.
Grundsätzlich rät der Experte, sich in der Schweiz nicht abzumelden. «Das gibt Sicherheit, gerade in Bezug auf Krankenkasse oder Vorsorge.» Trotzdem sollte man Grundlegendes klären. Bei der Krankenkasse etwa, ob es sinnvoll ist, eine Zusatzversicherung abzuschliessen.
Auch beim Thema Steuern und möglichen Doppelbesteuerungsabkommen empfiehlt es sich, die Details vor der Abreise zu prüfen. Laut dem Eidgenössischen Departement für auswärtige AngelegenheitenExterner Link gilt im EU/EFTA-Raum: Wer den Wohnsitz in der Schweiz hat und für kürzere Zeit (in der Regel weniger als 183 Tage pro Jahr) im Ausland für einen Schweizer Arbeitgeber arbeitet, versteuert sein Einkommen in der Schweiz. Je nach Zielland sollte dies aber individuell abgeklärt werden, sagt Ramseyer.
Was gilt es als digitale Nomad:innen zu beachten? Lesen Sie dazu folgenden Artikel:
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Digital Nomads: Was beim Kurzzeit-Auswandern zu beachten ist
Reisen zu Zeiten des Klimawandels
Ob mit dem VW-Bus durch Spanien und Portugal oder mit dem Flugzeug nach Bali, das Nomadenleben stösst auch auf Kritik, insbesondere im Kontext des Klimawandels.
Diese Kritik sei berechtigt, sagt Ramseyer. Möglichkeiten für ein klimabewussteres digitales Nomadentum gibt es: längere Aufenthalte, «bei denen man nicht pingpong-mässig in der Weltgeschichte herumfliegt». Oder aber: Ganz auf Flugzeug und Auto verzichten. «Ich kenne eine digitale Nomadin, die seit Jahren mit dem Velo in Italien unterwegs ist.»
Und wer sagt denn, man könne nicht in der Schweiz unterwegs sein? Gerade diesen Sommer sei es ein grosses Thema gewesen, aus den Bergen zu arbeiten, sagt Ramseyer.
Optimieren oder geniessen?
Ramseyer rät zwar zur Planung, er warnt aber auch davor, alles dauernd optimieren zu wollen. Das könne «neue Abhängigkeiten» schaffen, was so ganz und gar nicht im Sinne des Freiheitsgefühls des digitalen Nomadentums sei.
«Ich kann die Bank oder den Handyanbieter die ganze Zeit [Anm. d. Red: für bessere Angebote] wechseln. Aber ich muss aufpassen, dass ich nicht in eine Schlaufe komme, in der ich dafür meine Arbeit und meine Zufriedenheit vernachlässige», sagt der Experte.
«Ich bin der Meinung, es geht um ein Freiheitsgefühl, einen Lifestyle. Und das hat manchmal auch einen Preis.»
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Was man nicht unterschätzen sollte, ist die Selbstdisziplin, die dieses Leben voraussetzt. Stellen Sie sich vor: Sie sitzen an einem Strand in Portugal und ringsum lassen Tourist:innen die Seele baumeln – und Sie selbst müssen sich über Ihren Laptop beugen, um eine Deadline einzuhalten. «Zwischenzeitlich war ich neidisch auf jene, die bei uns auf dem Campingplatz gerade Ferien machten», gesteht auch Seline Graf.
«Wer diese Selbstdisziplin mitbringt und klare Strukturen schafft – was wieder im Gegensatz zum Freiheitsbild steht –, kommt langfristig eher auf einen grünen Zweig», ist Ramseyer überzeugt.
Dieser grüne Zweig entspricht nicht unbedingt dem Klischee vom Laptop in atemberaubender Umgebung, wie manche Posts auf den sozialen Medien vermuten lassen. Denn wer hat schon gerne Sonnencreme auf der Tastatur und sitzt gebückt in der Hängematte? «Die Realität sieht nicht so instagrammable aus», sagt Ramseyer. Vielmehr gleicht sie einem normalen Arbeitsalltag mit Tippen, Telefonieren oder Recherchieren – einfach in einer Umgebung, die sich die digitalen Nomad:innen immer wieder neu aussuchen können.
Welche Songs verbinden Sie mit der Schweiz? Wir sammeln Songs von Ihnen und unseren Gästen, die Sie an die Schweiz erinnern, und fügen sie in unsere «Heimweh-Playlist»Externer Link ein. Fehlt Ihr Song? Schicken Sie ihn uns via swissabroad@swissinfo.ch.
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