Von der Ostsee an den Oeschinensee

Klassenbild: Schülerinnen und Schüler aus Bern zusammen mit jenen aus Greifswald. none

Im Rahmen eines Jugend-Austausches kamen Schülerinnen und Schüler aus Greifswald an der deutschen Ostseeküste in die Schweiz.

Dieser Inhalt wurde am 02. September 2003 - 16:50 publiziert

Sie entdeckten ein überraschend "weltoffenes" und "multikulturelles" Land samt "freundlichen Menschen". Und gewannen neue Freunde.

Der Jugendaustausch machte es möglich: Schülerinnen und Schüler der beiden Gymnasien von Greifswald an der Ostsee und Bern-Neufeld rückten je für eine knappe Woche weg von der Schulbank und schlüpften in die Rolle von Botschafterinnen und Botschaftern ihrer Länder.

Nachdem die 18 Schülerinnen und Schüler der Klasse 1D des Wirtschaftsgymnasiums Bern-Neufeld Ende Juni zu Besuch im Ostsee-Bad Greifswald gewesen waren, weilten ihre 18 deutschen Kameradinnen und Kameraden vom Friederich-Ludwig-Jahn-Gymnasium Ende August für fünf Tage in der Schweiz.

Differenzierteres Bild statt Kuhschweizer und Käseberge

Ziel der von der Stiftung Präsenz Schweiz, der Agentur Schweiz Tourismus und der schweizerischen Botschaft in Deutschland unterstützen Austausch-Initiative ist es, "unsere Kultur und unsere Wesensart unseren Nachbarn näher zu bringen". Die finanziellen Mittel, maximal 3000 Franken pro Austausch-Projekt, gehen dabei ausschliesslich an die deutschen Schulen.

Die Berner Gymnasiastinnen und Gymnasiasten und ihre Lehrer Alfred Schranz und Peter Schwizgebel stellten für die Gäste ein Programm unter dem Thema "Das Jahr des Wassers und die Schweiz" auf die Beine. Das führte die jungen Leute unter anderem nach Genf zur Welt-Meteorologie-Organisation, in die Grotte von Vallorbe, in die Anlagen der Wasserversorgung Interlakens oder in die Dampfzentrale auf dem Berner Gaswerk-Areal.

Begegnungen im Vordergrund

Da die jungen Deutschen in dieser Zeit bei den Familien der Berner Schüler wohnten, war auch neben dem Tages-Programm für intensiven Kontakt gesorgt.

Fast wichtiger als die thematische Wasser-Klammer waren jedoch die gemeinsamen Aktivitäten wie Grillieren, Stadtrundgänge in Bern und Genf oder der Tag mit den Gastfamilien. Nicht fehlen durften selbstverständlich auch Flussbäder in der Aare, welche die meereserfahrenen jungen Greifswalder genossen.

Motto nicht umgesetzt – zum Glück

Das Motto "Von der Nordsee bis aufs Matterhorn", unter das die Dachorganisation ch Jugendaustausch die Kontakte zwischen Schweizer und deutschen Gymnasien stellt, wurde von den jungen Berner Gastgeberinnen und Gastgebern aber nicht strikte umgesetzt.

Zum Glück für ihre Gäste von der flachen Nordsee-Küste. Denn bereits bei der gemeinsamen Wanderung zum Oeschinensee im Berner Oberland seien einige an ihre Grenzen gestossen, schmunzelt Wiebke Schröder.

Neben dieser leisen Klage gab es aber nur wenig Kritik an den gemeinsamen Tagen in der Schweiz. Eine andere betrifft die Brotschneide-Maschine, die eine ihrer Klassenkameradin in ihrer Gastfamilie schmerzlich vermisste.

"Die Brotscheiben waren sooo dick", zeigt die Schülerin mit ihren Händen, "aber vielleicht sollten wir hier einfach etwas mehr essen", sagt sie und lacht.

Menschen aus 170 Ländern...

Müde Füsse hin, dicke Brotscheiben her: Die Begegnung mit der Schweiz und ihren Bewohnern löste bei den jungen deutschen Gästen grosses Staunen aus, und das durchwegs im positiven Sinn. "Ich war überrascht, wie vielfältig und multikulturell die Schweiz ist", bilanziert Georg Ehlers. "In Bern leben Menschen aus über 170 Nationen, wie wir auf dem Stadtrundgang vernahmen." Das sei mehr als beispielsweise in Berlin.

... und ganz tolle Gastfreundschaft

Wiebke Schröder hebt die "ganz tolle Gastfreundschaft" hervor, die sie in der Familie ihrer Berner Kameradin erlebt hat. "Die Schweizer können auch sehr gut organisieren", macht sie den jungen Berner Gastgebern ein weiteres Kompliment. Dass die Begeisterung nachhaltig ist, zeigt Charlotte Rosenthal: "Ich bin in 6 Wochen wieder hier", freut sich die junge Deutsche auf ihre Herbstferien, die sie zusammen mit ihrer Berner Freundin verbringt.

Profitiert haben aber nicht nur die Gäste, sondern auch die Gastgeberinnen und Gastgeber. "Ich habe die Schweiz in ihrer Vielfalt neu entdeckt", zieht Simon Zurbrügg stellvertretend für seine Klassenkameraden ein Fazit. "Ich habe durch die Augen der Gäste die Schweiz reflektiert. Das zwang mich zu genauerem Hinschauen auf das, was sonst alltäglich und selbstverständlich ist."

Schweiz nur in der Nebenrolle

Der interkulturelle Austausch fand aber nicht nur auf Schüler-, sondernd auch auf Lehrerebene statt. "Wir haben uns auch über unsere verschiedenen Schulsysteme unterhalten", sagt Cornelia Damelow, die am Friederich-Ludwig-Jahn-Gymnasium Geschichte und Sport unterrichtet. Dabei habe sie Anstösse des Berner Kollegen Peter Schwizgebel aufgenommen und in ihre Lektionen eingebaut, beispielsweise beim Thema Nationalsozialismus.

Sie war überrascht über den hohen Stellenwert der deutschen Geschichte im Schweizer Unterricht. Denn die Schweiz spiele in den Geschichtslektionen an deutschen Schulen eine Nebenrolle.

Schwizgebel attestiert, dass die Lehrfreiheit am Berner Gymnasium grösser sei und hebt besonders den projektbezogenen Unterricht hervor. "Das und unsere kleineren Klassen fördern die Selbstständigkeit der Schüler", so der Berner Lehrer.

Beeindruckt zeigte sich die Geschichts-Lehrerin Damelow besonders von der Ruhe, mit der die Menschen in der Schweiz ans Werk gingen. "Hier sind die Menschen auch sehr hilfsbereit und zuvorkommend", lobt sie zudem.

Ihre Greifswalder Kollegin Brunhilde Barnasch nahm die Schweiz vor allem als beeindruckende "Dienstleistungs-Gesellschaft" wahr, namentlich erwähnt sie das bessere Verkehrs-Angebot.

Schlechte Schüler-Versorgung...

Vom Essen in der Berner Schülermensa, es gab für die Gäste gerade eigens gebratene Rösti mit Bratwurst, zeigte sich Damelow ebenfalls angetan. "Die Versorgung der Schüler ist bei uns gerade punkto Essen viel schlechter", klagt sie. Ihre Bemühungen, dies nach ihrem letztjährigen Berner Austausch zu verbessern, seien aber am fehlenden Geld gescheitert. "Die Schulversorgung war zu DDR-Zeiten besser", stellt sie ernüchtert fest.

... und hohe Arbeitslosigkeit

Dass hinter dem Jugendaustausch neben gegenseitigem Klischee-Abbau durch Vermittlung differenzierter Kulturbilder auch handfeste ökonomische Interessen stehen, untermauert Brunhilde Barnasch. "Der Tourismus ist bei uns neben dem Schiffbau das einzige wirtschaftliche Standbein", so Barnasch.

Obwohl Mecklenburg-Vorpommern punkto Tourismus nach Bayern die deutsche Feriendestination Nummer 2 ist und grosse Anstrengungen in dem Bereich unternehme, betrage die Arbeitslosigkeit an der Ostsee aber teilweise über 20%.

Der Berner Lehrer Alfred Schwarz, schon vor dem Jugendaustausch ein Fan der Ostsee-Region, eilt seiner Greifswalder Kollegin quasi als "Doppel-Botschafter" zu Hilfe: "Deutschland ist nicht das typische Ferienland der Schweiz. Das Meer, die Weite und die traumhaften Farben an der Ostsee sind aber wunderbar", schwärmt er. "Ausserdem ist es dort nicht so heiss", fügt Schwarz an. Und trifft nach dem Rekord-Sommer 2003 mit diesem Argument voll ins Schwarze.

swissinfo, Renat Künzi

Fakten

"ch Jugendaustausch" bietet seit 2 Jahren ein Programm mit Deutschland an.

Ziel ist es, deutschen Jugendlichen ein positives Bild der Schweiz zu vermitteln.

Präsenz Schweiz zahlt den deutschen Schulen einen Teil der Reisekosten.

Bisher gab es über 80 Partnerschaften mit deutschen Schulen.

Über 100 deutsche Schulen suchen eine Schweizer Partnerschule.

Die Nachfrage nach deutschen Partnerschulen ist in der Westschweiz grösser als in der deutschen Schweiz.

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