Weissrussland: Falsche Hoffnungen auf besseres Leben

Prostituierte aus dem Osten Europas schaffen auch in Zürich an. Ex-press

In Weissrussland sinkt die Zahl der Opfer von Menschenhandel - auch dank einem von der Schweiz finanzierten Projekt.

Dieser Inhalt wurde am 17. Juni 2008 - 08:32 publiziert

Der Plattenbau sieht aus wie jeder andere in den Wohnvierteln von Minsk. Strassennamen, Hausnummern und Wohnungsnummer sind die einzigen Wegweiser in der tristen Monotonie.

Doch genau diese Anonymität sucht die Nichtregierungs-Organisation La Strada, die sich hier mit finanzieller Unterstützung aus der Schweiz eingemietet hat.

Shelter - Schutzraum - nennt die weissrussische NGO die Dreizimmerwohnung.

Der einzige seiner Art im ganzen Land. Hier bekommen Opfer von Menschenhandel die Chance, ein neues Leben in der alten Heimat zu beginnen.

"Viele Frauen haben Angst, dass sie in Weissrussland nicht mehr leben können, weil ihre Situation seit ihrer Ausreise nur schlimmer geworden ist", erklärt Irina Alchowka von La Strada die Probleme der Rückkehrerenden. Viele fürchten auch, dass ihre Schlepper sie aufspüren könnten.

Schweizer Unterstützung

Seit 2004 unterstützt die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) La Strada und die Internationale Organisation für Migration IOM in ihrem Kampf gegen Menschenhandel - mit deutlichem Erfolg, wie Dietrich Dreyer, Leiter des Schweizer Kooperationsbüros in Minsk, feststellt.

Seit 2005 hat sich die Anzahl der offiziell registrierten Fälle auf etwa 180 im Jahr fast halbiert. 2008 werde zeigen, ob es sich um einen nachhaltigen Trend handle.

Trotzdem dürfte die Dunkelziffer in jedem Fall um ein Vielfaches höher sein. Neben der Reintegration von Opfern steht vor allem die Prävention im Mittelpunkt.

Allein seit August 2005 hat die Deza dafür 383'000 Franken bereitgestellt. Ende Juni läuft das Projekt aus. "Wir sind glücklich, dass der Staat das wieder in die Hände nimmt", sagt Dreyer. Das Schweizer Engagement habe nur kurzfristig eine Lücke stopfen wollen. Auch die US-Regierung attestiert Minsk deutliche Fortschritte.

Von bester Freundin verkauft

Auch Marina (Name von der Redaktion geändert) hat von La Strada schon ein Obdach bekommen. Als ihr Partner starb, überredete ihre beste Freundin sie, nach Moskau zu ziehen. Sie könne dort für einen Bekannten auf dem Markt Jeans verkaufen und durch den Ortswechsel mit ihrer Trauer fertig werden, sagte diese.

In Moskau angekommen, führte man sie in eine schäbige Wohnung. Mehrere Frauen schliefen auf Matratzen auf dem Boden. Sie müsse in einem Bordell arbeiten, um das Geld für die Fahrkarte nach Moskau abzuarbeiten, erklärte der Zuhälter ihr. Ihren Pass behalte er solange.

Marinas Freundin, ebenfalls zur Prostitution gezwungen, erhielt im Tausch ihre Freiheit zurück. "Sie hat mich verkauft", sagt Marina bitter. "Mich und unsere Freundschaft." Erst als sie schwanger wurde, durfte sie gehen.

Eingespielte Abläufe

Oft sind es junge Frauen ohne Ausbildung wie Marina, die den Schlepperbanden zum Opfer fallen, erklärt Irina Alchowka. Das Schema sei fast immer das gleiche.

"Es wird für viel Geld eine Arbeit angeboten, für die man absolut keine Qualifikation braucht", so Alchowka. "Dann reisen die Frauen über ein Touristenvisum ein und müssen statt als Kindermädchen oder Kellnerin als Prostituierte arbeiten."

Informationsarbeit

Aufklärungsarbeit durch La Strada und die Behörden ist angesagt. Mit öffentlichen Kampagnen, Filmen und Veranstaltungen versucht die NGO potenzielle Risikogruppen wie Schüler, Studierende und Auszubildende zu warnen.

"In den Städten gibt es heute nahezu keine registrierten Fälle mehr", zieht Dreyer Bilanz. Zudem gibt La Strada ihr Wissen an Lehrer, aber auch an andere NGOs weiter.

Nach dem Auslaufen der Schweizer Finanzierung werden die Frauen von La Strada ihre Arbeit fortsetzen. Schon jetzt arbeiten sie dank der Unterstützung mehrerer Stiftungen.

Schlepper härter anfassen

Neben der finanziellen Komponente habe das Schweizer Engagement der NGO auch im Umgang mit der weissrussischen Bürokratie den Rücken gestärkt, sagt Alchowka. So konnte La Strada bei der Regierung für wirksamere Gesetze gegen Menschenhandel eintreten. Nun drohen Schleppern mehrere Jahre Gefängnis.

Marinas Peiniger kam dagegen bereits nach wenigen Monaten wieder auf freien Fuss. "In Weissrussland traut sich niemand mehr, Menschenhandel zu organisieren", sagt Dreyer. Heute operierten Schlepper höchstens noch aus den umliegenden Ländern.

Illegal

Dagegen sehen viele Zielländer in den Opfern von Menschenhandel immer noch illegale Migranten, die in erster Linie gegen Visa-Vorschriften verstossen haben, kritisiert La Strada.

"Deshalb gehen viele nicht zur Polizei", erklärt Irina Alchowka. "Ihnen geht es nicht um das grosse Geld, sondern ums Überleben." Viele brauchen Geld, um ihr Kind zu ernähren oder ihren Eltern zu helfen. "Dafür darf man sie nicht verurteilen."

Als Marina nach Weissrussland zurückkehrte, stand sie vor dem Nichts. La Strada half ihr, eine Wohnung zu finden und finanziert nun ihre Ausbildung. Nach der Rückkehr sei das Schlimmste gewesen, alle zu belügen. "Keiner wusste, wo ich in der Zeit gewesen bin." Erst den Frauen von La Strada konnte sie ihre Geschichte erzählen.

swissinfo, Erik Albrecht, Minsk

Menschenhandel

Internationale Organisationen werten als Opfer von Menschenhandel jene Menschen, die mittels Gewalt, Betrug oder Nötigung ausgebeutet werden. Man unterscheidet zwischen Ausbeutung der Arbeitskraft und sexueller Ausbeutung.

Zahlen zu Menschenhandel sind schwer zu ermitteln. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) schätzt, dass in Osteuropa nur etwa 35% der Fälle statistisch erfasst werden.

Die Internationale Organisation für Arbeit (ILO) geht davon aus, dass sich weltweit 12,3 Millionen Menschen in erzwungenen Arbeitsverhältnissen oder sexueller Sklaverei befinden.

Demnach sind 80% der Opfer Frauen. Bis zu 50% sind minderjährig.

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