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Wird Galileo ohne die Schweiz ins All starten?

Vorläufig sind es nur Computer-Anaimationen: ESA-Satelliten für als Navigationshilfe via Weltall.

(Keystone)

Europa will sich mit einem eigenen Satelliten-Navigationssystem von den USA unabhängig machen. Die Schweiz prüft eine Teilnahme.

Sie muss sich allerdings vor 2006 entscheiden.

Das Projekt Galileo ist ambitiös, der Fahrplan "sehr sportlich", sagen Raumfahrt-Spezialisten in Brüssel. Bereits 2008 soll ein Netz aus 30 europäischen Satelliten in einer Umlaufbahn von 20'000 Kilometern die Erde umkreisen und laufend Signale senden, die jedem Schiffskapitän, Autofahrer und Handybesitzer eine metergenaue Positionierung ermöglichen werden.

3,5 Mrd. Euro (rund 5,5 Mrd. Franken) wird dieses Unternehmen kosten – eines der grössten Raumfahrtprojekte, das die Europäische Union (EU) und die Europäische Weltraumorganisation (ESA) bisher lanciert haben. Mit etwas Verzögerung hat nun auch das ESA-Mitglied Schweiz an einer Teilnahme Interesse bekundet.

Heute bestimmt das US-Militär

Galileo ist der Versuch Europas, sich aus der Abhängigkeit der USA zu befreien. Will sich nämlich heute ein Europäer in Raum und Zeit genau orientieren, geht das nicht ohne Hilfe der Amerikaner. Deren "Global Positioning System" (GPS) ist neben dem kleineren russischen System das einzige Ortungssystem, mit dem eine Positionierung heutzutage möglich ist.

Das amerikanische GPS ist jedoch nur bedingt zuverlässig, denn es steht vollständig unter Kontrolle des Pentagon: Das US-Verteidigungsministerium kann den Datenfluss jederzeit unterbrechen oder die Signale verändern, was im Golf- und im Kosovo-Krieg bereits geschehen ist.

Selbst ausserhalb von Krisenzeiten sind die genauen Positions-Signale ausschliesslich dem US-Militär vorbehalten. Zivile Nutzer können ihre Position nur auf rund fünfzig Meter genau bestimmen, was etwa für Flugleit-Systeme zu unpräzis ist.

Schweizer mit 35 Mio. beteiligt

Das eigene System soll Europa nun vom Pentagon unabhängig machen. Zudem hat im letzten Herbst auch China mit der EU einen Zusammenarbeits-Vertrag unterzeichnet.

Das Projekt wird unter rein ziviler Leitung stehen und soll ohne Signal-Einschränkungen und deshalb metergenau funktionieren.

Diese Perspektive hat auch das Interesse der Schweiz geweckt. Sie ist als ESA-Mitglied bereits am Projekt Galileo beteiligt und wird 35 Mio. Franken zu den Kosten beisteuern. Für eine längerfristige Teilnahme müsste sich die Schweiz jedoch finanziell wesentlich stärker engagieren.

Sondierungsgespräche im Gang

Der Bundesrat hat das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) im vergangenen Dezember mit Abklärungen beauftragt: Was müsste die Schweiz ins Galileo-Projekt einbringen? Welche Mitsprache würde man erhalten? Und welches wären letztlich die wirtschaftlichen Vorteile eines Engagements?

Eine erste Sitzung mit EU-Fachleuten habe stattgefunden, heisst es beim Bundesamt für Strassen (Astra), das zusammen mit dem Eidgenössischen Integrationsbüro und dem Büro für Weltraumangelegenheiten (SSO) die "Sondierungsgespräche" führt. Antworten gebe es noch keine, sagt Adrian Sollberger vom Integrationsbüro gegenüber swissinfo. Die Schweiz stehe nicht unter Zeitdruck.

Ein milliardenschwerer Markt

Aus wirtschaftlicher Perspektive wäre eine Teilnahme zweifellos interessant. Die Satelliten-Navigation gilt als eine Schlüsseltechnologie mit unzähligen industriellen Anwendungs-Möglichkeiten.

Bis in wenigen Jahren wird wohl die Mehrzahl der Autos mit einem Navigations-System ausgestattet sein. Sämtliche Handys werden das Satellitensignal empfangen und eine genaue Positionierung vornehmen können, und möglicherweise werden künftig auch Kinder nur noch mit Ortungsgerät unterwegs sein.

Die wirtschaftlichen Perspektiven sind eindrücklich: Eine EU-Studie spricht von weltweit rund 1,5 Milliarden direkten und indirekten Galileo-Nutzern. Allein in Europa soll Galileo 140'000 Arbeitsplätze schaffen und Erträge von 9 Mrd. Euro pro Jahr einbringen.

Atomuhren aus Neuenburg

Von diesem Kuchen will sich auch die Schweizer High-Tech-Industrie ein Stück abschneiden. Den Auftrag zur Entwicklung der Atomuhren beispielsweise haben das Observatorium Neuenburg und dessen Spin-off-Firma Temex erhalten. Andere Firmen wollen ebenfalls an Ausschreibungen teilnehmen.

Eine offizielle Teilnahme der Schweiz würde die Aussichten dieser Unternehmen, Galileo-Aufträge zu bekommen, zweifellos erhöhen.

Doch auch für die spätere Nutzung der Satelliten-Signale wäre ein Engagement der Schweiz von Vorteil: Die kommerzielle Nutzung der Galileo-Dienstleistungen, etwa für Verkehrsleit-Systeme, wird für Mitgliedstaaten wesentlich günstiger sein als für Drittstaaten.

Militärische Nutzung als Hindernis

Politisch ist eine Teilnahme der Schweiz brisanter. Galileo ist zwar primär als ziviles System konzipiert, doch eine militärische Nutzung ist nicht ausgeschlossen. Die EU-Kommission hat kürzlich erklärt, dass die Raumfahrtpolitik eng verbunden sei mit den Ambitionen der EU, eine eigenständige Sicherheits- und Verteidigungspolitik aufzubauen.

Der Krieg auf dem Balkan hat den Europäern gezeigt, dass die Amerikaner ihre Daten aus dem Weltraum nur nach Gutdünken weitergeben. Diese Abhängigkeit soll beendet werden. Eigene Satelliten würden es etwa EU-Einsatztruppen erleichtern, Truppen-Bewegungen und Munitions-Transporte zu überwachen.

Die militärische Dimension von Galileo sei für die Schweiz aber "eine hoch relevante Frage", heisst es beim Eidgenössischen Integrationsbüro. Ob eine Teilnahme mit dem Neutralitäts-Verständnis der Schweiz zu vereinbaren sei, müsse noch abgeklärt werden.

Die Zeit läuft

Unterdessen schreiten die Arbeiten auf europäischer Seite voran. Die Ausschreibung für die Betreiber-Gesellschaft ist abgeschlossen. Bereits werden Ideen entwickelt, wie die künftige Organisations-Struktur von Galileo aussehen soll.

Diese Diskussion droht die Schweiz zu verpassen. Bereits 2006, nach Abschluss der Entwicklungsphase, wird die Galileo-Leitung an eine EU-Agentur abgegeben. Die ESA wird darin nicht mehr vertreten sein. Das ESA-Mitglied Schweiz wird sich also vor diesem Termin entscheiden müssen, ob sie mitmachen oder draussen bleiben will.

swissinfo, Katrin Holenstein

Fakten

Projektkosten: rund 3,3 Mrd. Euro.

Jährliche Betriebskosten ab 2008: etwa 220 Mio. Euro.

EU-Studie rechnet mit 1,5 Mrd. Galileo-Nutzern und Jahreserträgen von 9 Mrd. Euro.

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In Kürze

Das Satellitensystem Galileo ist ein Gemeinschaftsprojekt von der EU und der Europäischen Weltraumbehörde (ESA).

2005 wird der erste Satellit für Testmessungen im All installiert. Bis 2008 sollen 30 Satelliten fliegen, die eine metergenaue Positionierung ermöglichen werden.

Dank Galileo sollen rund 140'000 Arbeitsplätze entstehen. Die Wirtschaft rechnet mit Milliarden-Umsätzen.

Die Schweiz beteiligt sich als ESA-Mitglied mit 35 Mio. Franken an der Startphase.

Der Bundesrat lässt nun eine direkte Teilnahme an Galileo prüfen.

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