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Agro-Investitionsboom im Rampenlicht

Cantaloupe-Melonen-Plantagen von Del Monte in den Sierra de las Minas in Guatemala – die Melonen werden vor allem in die USA exportiert.

(Thomas Kern)

Mit einer Kundgebung in Genf haben Kritiker gegen den rasch wachsenden Trend zu Investitionen in Ackerlandflächen protestiert. Die Investitionen haben aus ihrer Sicht fatale Auswirkungen und bedrohen die Ernährungssicherheit in vielen Entwicklungsländern.

Die zweite "Jetfin AGRO"-Konferenz für Investoren, die ihr Geld in Agrarland und Wasser anlegen wollen, fand letzten Dienstag in Genf statt. Das globale Phänomen der Landnahme (Land-Grabbing) weitet sich immer mehr aus, während Staaten versuchen, Richtlinien für den Umgang mit dem umstrittenen Thema zu erarbeiten.

Aktivisten von rund 25 Schweizer Nicht-Regierungsorganisationen und Gewerkschaften demonstrierten vor dem Konferenzort, dem Genfer Nobelhotel Kempinski, gegen die steigende Tendenz von Investitionen in Agrarland und Wasser in Entwicklungsländern. Aus ihrer Sicht bedrohen solche Investitionen unter anderem die Rechte der lokalen Bevölkerung auf Nahrung und Wasser und heizen die Spekulation an.

"Wir müssen auf dieses neue Phänomen reagieren. Es geht nicht an, dass Pensionskassen-Fonds massiv in Projekte investieren, für die an dieser Konferenz geworben wird", erklärte Margot Brogniart, die Koordinatorin der Protest-Koalition.

Dass die aktuelle Konferenz bereits das dritte solche Treffen in Genf innerhalb eines Jahres sei, mit weiteren noch diesen Monat und im September, zeige das wachsende Interesse der Investoren und die wichtige Rolle, die Genf dabei spiele, sagte die Entwicklungsexpertin Ester Wolf vom Hilfswerk Brot für alle.

"Genf wird zu einem Angelpunkt für solche Investitionen", erklärte Wolf gegenüber swissinfo.ch.

Lichtblick

An der "Jetfin AGRO"-Konferenz diskutierten Investoren, Vermögensverwalter und Rohstoff-Experten aus aller Welt über Investitionsstrategien für die Landwirtschaft, die als "Lichtblick in der heutigen Investitions-Welt" bezeichnet wurden.

Erörtert wurde unter anderem der Aufbau von Agro-Business-Portfolios, die Absicherung von Verträgen für Agro-Investitionen, Agrar-Rohstoffe und Investment-Destinationen wie Indien, Lateinamerika und die USA. Zur Sprache kamen auch Investitions-Strategien für Holz und Wasser.

Länder aus dem Mittleren Osten, aber auch China, Südkorea und weitere Staaten, die in den vergangenen vier Jahren zweimal von einer Nahrungsmittelkrise mit rasant steigenden Preisen erschüttert worden waren, machen sich Sorgen um die Versorgung ihrer Bevölkerung mit Lebensmitteln und investieren daher immer mehr in Agrarland in anderen Staaten, vor allem in Afrika.

Die jüngste Finanzkrise hat eine neue Welle privater Investitionen im Agrarbereich ausgelöst, Anleger wollen vermehrt diversifizieren.

Es handle sich dabei um eine Modeerscheinung, sagte einer der Konferenzteilnehmer,  der Genfer Vermögensverwalter Philippe Szokolóczy-Syllaba, Gründer von My Global Advisor.

Investitionen in die Landwirtschaft oder in spezifische Projekte blieben aber sehr komplex, erklärte er. Es gebe ein Rennen um qualitativ hochstehendes Land, das nicht zu teuer sei – und es brauche grosse finanzielle Aufwendungen.

Banken und Fonds

In der Schweiz sind eine Reihe Banken, Investment-Fonds und Firmen offen in dem Bereich aktiv. Bei vielen weiteren wird davon ausgegangen, dass sie hinter den Kulissen aktiv sind.

2009 waren die Schweizer Grossbanken Credit Suisse und UBS beteiligt an einer Aktien-Emission für die Golden Agri-Resources. Diese Firma aus Indonesien ist das zweitgrösste Palmöl-Plantagen-Unternehmen der Welt.

Die Privatbanken Sarasin und Pictet empfehlen Investitionen im Agro-Bereich. Daneben wurden in der Schweiz Investment-Fonds wie GlobalAgriCap in Zürich, GAIA World Agri Fund in Genf oder Man Investments in Pfäffikon gegründet.

Myret Zaki, stellvertretende Chefredaktorin des Westschweizer Finanzmagazins Bilan, die an der Konferenz teilnahm, sagte, zurzeit sei der Drang nach Diversifizierung von Anlage-Portfolios sehr gross.

"Das Rendite-Potenzial von Agro-Investitionen ist nicht enorm, vielleicht so um die 20%, und die Investitionen können sehr volatil sein", erklärte sie gegenüber swissinfo.ch. "Doch die Leute wissen, dass sie langfristig im Wert eigentlich nur steigen können."

Institutionelle Anleger wie Pensionskassenfonds seien von den jüngsten Entwicklungen auf dem Finanzmarkt etwas verwirrt und neuen Arten von Investitionen gegenüber offen, sagte Zaki. "Was früher als exotisch angesehen wurde, ist heute die Norm."

Schweizer Firmen

Auch Firmen mit Sitz in der Schweiz sind an grossen Landwirtschafts-Projekten beteiligt. Darunter Glencore, die weltweit grösste Rohstoff-Handelsfirma, die in der ganzen Welt über rund 300'000 Hektaren Land verfügen soll.

2008 lancierte die in Genf ansässige Firma Addax Bioenergy ein profiliertes Zuckerrohr-Ethanol-Projekt auf 10'000 Hektaren Land, das von Sierra Leone gepachtet wurde. Das Unternehmen hofft, mehr als 2000 Stellen zu schaffen, wenn das Projekt 2013 voll im Gange ist.

"Wir müssen viel klarer wissen, welche Schweizer Firmen im Ausland Agrar-Investitionen tätigen", sagt Maya Graf, die für die Grüne Partei im Nationalrat sitzt.

Sie hat eine Reihe parlamentarischer Anfragen eingereicht, die sich mit dem Phänomen der Landnahme befassen. Unter anderem will sie wissen, wie man am besten sicherstelle, dass bei Agrar-Investitionen die Menschenrechte in den betroffenen Ländern eingehalten würden

"Die Schweiz bemüht sich aktiv darum, das erneute öffentliche und private Interesse an Investitionen in die Landwirtschaft zu einer Win-Win-Situation für alle Beteiligten zu machen", erklärte Carole Wälti, Sprecherin des Schweizer Aussenministeriums.

So unterstützt die Schweiz auf internationaler Ebene die Bemühungen zur Stärkung von Mechanismen zur Regulierung von Investitionen in Agrarland und andere natürliche Ressourcen.

Dazu gehören die "Freiwilligen Richtlinien zur verantwortungsvollen Gouvernanz bei der Nutzung von Land und anderen natürlichen Ressourcen". Experten hoffen, dass bei der nächsten Sitzung des FAO-Komitees für globale Ernährungs-Sicherheit im Oktober 2011 ein entsprechender Text verabschiedet werden kann.

Wachsender Trend

Gemäss dem im August 2010 publizierten Bericht "Global Land Project" der Universität Kopenhagen wurden in den vergangenen Jahren in 27 afrikanischen Staaten 177 Verträge (Pacht oder Kauf) über insgesamt 51-63 Millionen Hektaren Land abgeschlossen.

Die Weltbank geht für 2009 von einer Fläche von Landdeals im Umfang von 45 Millionen Hektaren aus – nach 4 Millionen zwischen 2006 und 2008.

Gemäss der Nichtregierungs-Organisation International Land Coalition sind ausländische Investoren in der einen oder anderen Form in Deals im Umfang von gegen 80 Millionen Hektaren Land verwickelt, die Hälfte der Fläche betreffe Afrika.

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Schweizer Position zu Verhaltenskodex

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) unterstützt die Bestrebungen, globale Mechanismen und Regeln zum Erwerb von oder Investitionen in Landwirtschaftsflächen und andere natürliche Ressourcen (Wasser, Biodiversität etc.) zu verbessern.

Die Schweiz unterstützt die Pläne für einen offenen, weltweiten, transparenten Konsultationsprozess für "verantwortliche Prinzipien für Agrar-Investitionen". Ziel ist es, dass bei den Landdeals die Rechte der direkt betroffenen Bevölkerungen eingehalten werden, darunter das Recht auf Nahrung und Wasser.

Über die DEZA beteiligt sich die Schweiz politisch und finanziell auch an der Erarbeitung "Freiwilliger Richtlinien zur verantwortungsvollen Gouvernanz bei der Nutzung von Land und anderen natürlichen Ressourcen". Die Richtlinien sollen beim nächsten Treffen des FAO-Komitees zur globalen Ernährungsmittelsicherheit (CFS) im Oktober diskutiert und verabschiedet werden.

Die Schweiz unterstützt die Stärkung solcher Richtlinien, die sich an Regierungen, die Zivilgesellschaft, den Privatsektor und auch an Akademiker richten sollen. Sie wird sich auch dafür einsetzen, die Umsetzung der Richtlinien nach ihrer Verabschiedung in der Schweiz voranzutreiben.

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(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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