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Rohstoffhandel in der Schweiz boomt



Chinas Rohstoff-Hunger hat den Handel mit Rohstoffen verändert.

Chinas Rohstoff-Hunger hat den Handel mit Rohstoffen verändert.

(Reuters)

Die in der Schweiz schon lange etablierte Rohstoff-Handelsindustrie läuft auf Hochtouren: Die Preise steigen, und immer mehr neue ausländische Firmen drängen auf den Markt, vor allem in Genf.

Genf entwickelt sich immer mehr zu einem globalen Rohstoff-Hub. Beim Handel mit Kaffee, Zucker, Baumwolle, Getreide und Ölsaaten nimmt die Stadt schon heute eine dominierende Stellung ein. Nach Ansicht von Marktkennern steht Genf zudem davor, London als Erdölhandelszentrum vom Spitzenplatz zu vertreiben.

Neben Genf haben Erdöl-, Gas- und Metallhändler auch in Zug eine grosse Präsenz. Rohstoffhandel wird in etwas geringerem Ausmass aber auch in Zürich, im Tessin sowie in einigen weiter abgelegenen Orten betrieben.

Der Boom im Rohstoffhandel führte dazu, dass jüngst auch Russlands grösster Erdölkonzern Rosneft eine Handelsabteilung in Genf eröffnete. Und Bashneft, ein weiterer russischer Ölproduzent, liess sich in Zürich nieder. Zudem kursieren Gerüchte, dass der Ölriese Trafigura seine Handelsabteilung von London nach Genf verlegen wolle.

"Vor 20 Jahren, als ich im Rohstoffhandel anfing, war dies ein eher verschlafenes Geschäft, das nicht mit dem Tempo von heute über die Bühne ging", erklärt Konrad Wälti gegenüber swissinfo.ch. Wälti ist Leiter der Abteilung Rohstoff-Finanzierung (Commodity Finance) bei Credit Suisse. "Das Geschäft hat sich in den letzten zehn Jahren enorm aufwärts entwickelt."

Profite schnellen nach oben

Rasant steigende Rohstoffpreise haben im letzten Jahr auch die Einnahmen und Gewinne der Händler steigen lassen. Die KOF, die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, schätzt, dass der Umsatz der Rohstoff-Handelsindustrie in der Schweiz im Jahr 2010 gegen 17 Milliarden Franken betrug – oder anders gesagt, mehr als drei Prozent des Bruttoinland-Produkts. 2009 war der Umsatz bei 12 Mrd. Franken gelegen, 2000 bei nur gerade 1,5 Mrd. Franken.

Auch die Gewinne der Handelsfirmen florieren: So vermeldete die in Zug ansässige Glencore, die vor allem mit Metallen und Öl handelt, für 2010 einen Gewinnsprung von 40% auf 3,8 Mrd. Dollar. Und beim Bergbaukonzern Xstrata explodierte der Betriebsgewinn um 75% auf 7,65 Mrd. Dollar.

Die Anziehungskraft, vor allem von Genf, kommt auch von den gut ausgebauten Unterstützungsstrukturen, die im Lauf der Jahrzehnte rund um die Rohstoffhändler-Branche entstanden sind.

In der Stadt wimmelt es von Anwaltskanzleien, Financiers, Beratern, Frachtspezialisten. Auch hat der weltweit grösste Warenprüfkonzern SGS seinen Hauptsitz in Genf.

Ein 2007 präsentierter "Masterplan Finanzplatz Schweiz" hatte den Wert dieser Dienstleistungen auf etwa 4,7 Milliarden veranschlagt (mit rund 10'000 Beschäftigten und mit Steuerabgaben von etwa 900 Mio. Franken) – Zahlen, die mit der Erholung nach der globalen Finanzkrise wieder mehr Bedeutung erhalten könnten.

"Egal, ob jemand einen spezialisierten Anwalt, eine Überprüfungsfirma, Banken oder Frachtfirmen brauchen, all diese Profis findet man in Genf. Es ist diese Bündelung von Angeboten, welche diese Industrie in der Schweiz antreibt", erklärt Wälti weiter.

Finanz-Innovationen

Der alteingesessene Finanzplatz Schweiz, komplett mit seiner Politik der Vertraulichkeit und Diskretion, nach der sich Händler so sehnen, ist das Schmieröl im Getriebe des Rohstoffhandels. Die Geldinstitute gewähren die nötigen Kreditlinien für die riesigen Verschiffungen von Rohstoffen von einer Seite der Welt auf die andere.

Die Paribas Bank in Genf war in den 1970er-Jahren Vorreiterin des Systems, Kreditlinien mit dem Wert von Schiffsladungen abzusichern. Diese Innovation ermöglichte es nicht nur auf einen Schlag auch kleineren Händlern, grosse Volumen an Rohstoffen durch die Welt zu verfrachten, sondern sie ist bis heute der Standard zur Finanzierung solcher Transporte.

Der grosse, diversifizierte Erfahrungsreichtum mache Genf heute für ausländische Rohstoff-Firmen attraktiver denn je, erklärt Emmanuel Fragnière. Er gibt an der Genfer Fachhochschule für Wirtschaft (HEG) Kurse zum Thema Rohstoff-Handel.

Störungen im Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage bei den Rohstoffen, denen vor allem Bevölkerungswachstum, Änderungen der Ernährungsgewohnheiten und die wirtschaftliche Beschleunigung aufstrebender Wirtschaften zu Grunde lägen, hätten das Geschäft der Händler neu definiert, argumentiert Fragnière.

So habe der Nachfrageschub nach Eisenerz in China die Verschiffungskosten in die Höhe getrieben. Es sei daher für Kohlenhändler noch wichtiger geworden, das Frachtgeschäft zu verstehen. Und Getreidehändler müssten wegen des Wachstums bei Biotreibstoff besser Bescheid wissen über alternative Treibstoffe.

Soziale Krise?

"Vor einigen Jahren konnten sich Spitzenhändler noch die Spezialisierung auf einen Sektor leisten", so Fragnière gegenüber swissinfo.ch. "Die jüngste Volatilität hat jedoch die Interkonnektivität des Rohstoffhandels vergrössert."

"Es ist für Händler noch wichtiger geworden, sich an Orten zu konzentrieren, wo sie ein breites Angebot an Expertise finden", sagt Fragnière.  "Und das hat die Attraktivität Genfs als beste Lage noch erhöht."

Doch die dichte Konzentration an Unternehmen und Beschäftigten könnte Genf einen hohen Preis abfordern. Die Stadt spürt schon heute Belastungen aus dem Zustrom ausländischer Firmen: Die Immobilienpreise steigen, die Platzverhältnisse werden eng.

"Das neue Eldorado wurde zu einem noch grösseren Magneten, und es besteht ein Risiko, dass dies zu sozialen Krisen führen könnte", sagt Fragnière.

"Die Politiker sind glücklich, dass sie mehr Steuern einziehen können. Aber sie müssten für die Vermarktung des Standortes Genf nun eine kohärente Politik entwickeln, welche auch die strukturellen Probleme berücksichtigt."

EINFLUSS DER ROHSTOFFHANDELS-INDUSTRIE

Der genaue Einfluss der Rohstoffhandels-Industrie in der Schweiz ist aufgrund der Verschlossenheit der Branche schwer einzuschätzen. Gewisse Marktbeobachter gehen aber davon aus, dass etwa 70% der russischen Ölhandelsgeschäfte über die Schweiz abgewickelt werden, und dass etwa ein Drittel des Handels mit Rohöl-Produkten in Genf über die Bühne geht.

Genf liegt zudem beim Handel mit Kaffee, Zucker, Getreide und Ölsaaten auf dem ersten Platz, den Rang als weltweit grössten Handelsplatz für Baumwolle teilt sich die Stadt mit London.

Die Genfer Fachhochschule für Wirtschaft (Haute École de Gestion, HEG) schätzt, dass etwa 40% des gesamten Rohstoffhandels in Genf abgewickelt werden. Man geht davon aus, dass der Industriezweig rund 10% aller Unternehmenssteuern der Stadt generiert.

In der Region zwischen Genf und Lausanne sind heute etwa 400 Firmen im Sektor Rohstoffhandel tätig. Sie beschäftigen knapp 10'000 Personen und schlagen gemeinsam globale Rohstoffe im Wert von etwa 800 Milliarden Dollar um.

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GESCHICHTE DER ROHSTOFF-INDUSTRIE

Schweizer Städte wie Winterthur, Luzern und Lausanne wussten aus der zentralen Lage der Schweiz in Europa schon früh Kapital zu schlagen und haben eine lange Tradition im Handel mit Rohstoffen wie Baumwolle oder Kaffee.

So gründeten die Gebrüder Volkart aus Winterthur 1857 ein Unternehmen, das im Handel mit Baumwolle, Kaffee und Gewürzen aus Indien und Sri Lanka tätig war. Die Basler Handelsgesellschaft war eines der frühen Unternehmen im Handel mit Kakaobohnen.

Nach den beiden Weltkriegen richteten Rohstoffhändler ihren Blick verstärkt in die neutrale Schweiz, deren Wirtschaft und politische Strukturen die Konflikte fast unbeschädigt überstanden hatten.

Die ersten Getreidehandelshäuser waren bereits in den 1920er-Jahren entstanden. Die Schweiz wurde für Firmen aus den Vereinigten Staaten ein neutraler Ort, von dem aus sie in der Zeit des Kalten Kriegs Handel mit Ostblockstaaten betreiben konnten.

Als schliesslich der Boom der Erdöl-Industrie im Nahen Osten begann, verhalf die Popularität, die Genf bei Reisenden aus der Region hatte, der Stadt zu einem weiteren Vorteil. In den 1960er-Jahren zogen neben den Ölhändlern auch Baumwollhändler, die Ägypten verlassen hatten, in die Stadt.

Und in den 1990er-Jahren folgten russische Erdölkonzerne, was zur Ansiedelung einer Rohstoffhandels-Industrie in Zug führte.

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(Übertragung aus dem Englisschen: Rita Emch), swissinfo.ch


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