Schweizer NASA-Chef träumt von der Entdeckung ausserirdischen Lebens

Jüngst wieder mal zu Besuch in der Heimat: NASA-Forschungschef Thomas Zurbuchen. NASA

NASA-Forschungschef Thomas Zurbuchen wacht darüber, dass hundert Missionen und Tausende von Wissenschaftlern das Jahresbudget von sieben Milliarden Dollar bestmöglich nutzen: Sie sollen Antworten auf die grössten Fragen des Universums zu finden. swissinfo.ch hat den Berner Oberländer kürzlich getroffen.

Dieser Inhalt wurde am 19. Juli 2019 - 11:00 publiziert
Tara Giroud

"Wir geben Steuergelder aus, die ganze Welt blickt auf uns, da wollen wir erfolgreich sein." Vergangenen Monat kehrte Thomas Zurbuchen anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der ersten Mondlandung durch Apollo 11 nach Bern zurück.

An jene Universität, an der er 1996 in Astrophysik promovierte, an jenes Institut, in dem fast 30 Jahre zuvor das berühmte Sonnensegel für die Apollo-Missionen entwickelt worden war.

"Wir betreiben Forschung, um die Geheimnisse des Universums zu lüften, mehr über Fragen zu erfahren, die in der Regel in die Domäne der Philosophie und der Religion fallen, und nähern uns ihnen mit den Instrumenten der Wissenschaft."

swissinfo.ch: Welche Botschaft haben Sie 50 Jahre nach der ersten Mondlandung an die Öffentlichkeit?

Thomas Zurbuchen: Von allen menschlichen Aktivitäten ist die Forschung eine der nützlichsten. Es sollten sich mehr Menschen mit ihr befassen, Menschen jeden Alters, jeden Geschlechts, jeder Herkunft. Insbesondere die Jungen.

Dadurch können wir die Natur besser verstehen, es ergeben sich Gelegenheiten, Probleme zu lösen, die erst später auf uns zukommen werden.

So können wir beispielsweise mithilfe eines der ersten Satelliten für Erdwissenschaften, der von der NASA in die Umlaufbahn gebracht wurde, das aktuelle Wetter in Bern verstehen. Das geht nicht, ohne dass man den planetaren Kontext berücksichtigt.

Physische Prozesse, Emissionen, natürliche und menschliche Aspekte, die sich auf das Wetter auswirken, all das haben wir zunächst einmal durch den Blick aus dem Weltraum verstanden, obwohl das nicht das eigentliche Ziel dieser ersten Mission war.

Und was hat uns das Sonnenwind-Experiment der Universität Bern gebracht?

T.Z.: Es hat uns mehr Aufschluss über die Zusammensetzung der Sonne gegeben, wodurch wir die Theorie vom Big Bang, die den Anfang des Universums beschreibt, verfeinern konnten.

Als Folge dieses Experiments sind in der Schweiz auch neue Stellen geschaffen worden. In Bern wurden hochsensible Massenspektrometer entwickelt, um elektrisch geladene Teilchen, die auf dem Mond gesammelt worden waren, zu erfassen und analysieren.

Mindestens zwei Unternehmen, die von Studierenden gegründet wurden, die zu meiner Zeit an der Uni Bern waren, arbeiten an dieser Instrumentenlinie. Unter Einsatz dieser Technologie analysieren sie Emissionen von Fahrzeugen, Gase in Spitälern, Gesundheitsdaten sowie Daten aus anderen Bereichen.

Welchen Beitrag leistet die Schweiz aktuell zu den NASA-Missionen?

T.Z.: Es gibt Experimente zu NASA-Missionen, die hier entwickelt wurden. In Bezug auf den Sonnenwind gibt es weltweit keine bessere Kalibrierkammer als die in der Schweiz. Bei allen Missionen, die diese Art von Messungen vornehmen, erfolgt die Kalibrierung hier. Einschliesslich der Mission IMAP, die 2024 gelauncht wird, um Partikel zu sammeln, die von den Rändern des interstellaren Raums zur Erde strömen.

Die Schweiz liefert auch Spitzentechnologie: Für die Mission Mars 2020, die in knapp einem Jahr starten soll, werden dem Mars-Rover erneut Präzisionsmotoren eingesetzt, die in der Schweiz hergestellt werden. Dies gilt sowohl für den Antrieb der Räder als auch für den Roboterarm, der die Instrumente auf dem Marsboden absetzt.

Die NASA hat erst kürzlich die Mission Dragonfly angekündigt, bei der auf dem Saturnmond Titan nach Spuren von Leben gesucht werden soll. Warum ist das so wichtig?

T.Z.: Unter den grossen Fragen, welche die Erforschung des Universums aufwirft, fasziniert eine den menschlichen Geist ganz besonders: die nach ausserirdischem Leben.

Die Ozeanmonde der Riesenplaneten gehören zu den erstaunlichsten Entdeckungen der vergangenen 20 Jahre, denn Enceladus, Europa und Titan weisen alle drei Analogien mit der frühen Erde auf.

Auf dem Boden des Enceladus-Ozeans gibt es Energie und aus der Eiskruste entweichen Moleküle, was nur möglich ist, wenn im Innern eine Wärmequelle existiert, wie auf der Erde.

Weniger weiss man über den Jupitermond Europa, doch die Mission Europa Clipper, die 2023 gestartet werden soll, wird dessen Kartographierung und detailliertere Analysen ermöglichen.

Die Raumsonde wird diesen Mond jedoch nicht umrunden, sondern an ihm vorbeifliegen, da Jupiter Strahlen aussendet, welche die Umgebung seines Mondes zu einer der schwierigsten im ganzen Sonnensystem machen. Dies wegen einer Strahlung, die noch höher ist als jene in der Nähe der Sonne.

Der Saturnmond Titan ist eine unwirtliche Welt. Er gleicht einem riesigen schwarzen Ölmeer aus flüssigen Kohlenwasserstoffen, mit kontinuierlich abregnenden Bausteinen des Lebens.

Durch diese Monde werden wir mehr über den Übergang von einer komplexen Chemie zu Leben erfahren. Wir wissen zwar noch nicht ganz, wie wir vorgehen werden. Teilweise wahrscheinlich mittels bildgebender Verfahren, teilweise unter Einsatz der Massenspektrometrie. 

Für uns sind chemische Komplexität und Biologie miteinander verbunden, weil wir alle im Kern Proteine sind, die sich miteinander verbinden, um DNA zu bilden und den Bauplan des Lebens zu entwerfen.

Welche Pläne verfolgt die NASA im Hinblick auf zukünftige bemannte Missionen?

T.Z.: Das Ausbildungsprogramm für Astronauten geht weiter. Derzeit haben wir eine grosse Diversität – mit dem höchsten Frauenanteil, den die NASA je hatte.

Die Absolventinnen und Absolventen dieser Klasse werden in Raumschiffen fliegen, die von der öffentlichen Hand gebaut werden. Und aus dem laufenden und den vorigen Ausbildungsprogrammen stammen die Frau und der Mann, die als nächste zum Mond fliegen werden. Wir gehen davon aus, dass ihnen weitere Astronauten-Klassen folgen werden.

Aber auch die privaten Astronautenprogramme werden vorangetrieben – Virgin, Blue Origin und andere bilden ebenfalls Astronauten aus. Man rechnet damit, dass schon im Laufe dieses Jahres Astronauten aus der Privatwirtschaft ins All fliegen.

Was bringt eine Rückkehr zum Mond?

T.Z.: Bei einem Forschungsprogramm müssen wir dahin gehen, wo wir weiter dazulernen und die Grenzen erweitern können. In Bezug auf den Mond haben wir wissenschaftliche und technologische Fragen, die wir zur Zeit des Apollo-Programms noch nicht stellen konnten.

Was wäre Ihr Traum?

T.Z.: Zu einem anderen Stern zu fliegen. Ich würde gern auf anderes, ausserirdisches Leben stossen. Wir haben nur dieses eine Leben und waren es gewohnt, ein einziges Sonnensystem zu haben. In Zukunft werden es 3000 Sonnensysteme sein.

Das Wissenschaftsprogramm der NASA in Zahlen

Der Schweizer Thomas Zurbuchen ist bei der US-Raumfahrtbehörde als Wissenschafts-Chef Herr über:

7 Milliarden Dollar Jahresbudget

100 Missionen in der Entwicklungsphase oder bereits im Weltraum (Schätzung)

400 Missions-Chefs

10'000 Wissenschaftler sind direkt für die Weltraumbehörde tätig

20'000 – 30'000 Wissenschaftler und Forscher werden von der NASA finanziell unterstützt

66 % der Missionen sind international oder erfolgen unter internationale Beteiligung (Schätzung)

100 % der Missionen stellen ihre Daten weltweit zur Verfügung. Desgleichen werden Fotos und Videos der NASA dem breiten Publikum kostenlos zugänglich gemacht.

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