Fotografie aus der Romandie
Das Fotomuseum Elysée in Lausanne rückt das Fotoschaffen in der Romandie ins Zentrum. Sehenswert und anregend.
swissinfo hat die Ausstellung mit der Deutschweizer Fotografin Silvia Luckner besucht und sie um ihre Eindrücke der ausgestellten Arbeiten gebeten.
Die Ausstellung im Musée d’Elysée, mit Blick über den Lac Leman, jenem Schweizersee mit der Grandezza eines spiegelglatten Meeres, ist in drei Teile gegliedert. Aktuelles zeitgenössisches Schaffen, Einblick in die Sammlung der Vereinigung für zeitgenössische Fotografie und eine Retrospektive von Gertrud Fehr, die 1940 in Lausanne eine Fotografie-Schule gründete.
Der erste Teil, der aktuellste, gilt der zeitgenössischen Fotografie und stellt zwei Fotografinnen und zwei Fotografen aus der Westschweiz vor.
Olivier Christinat «Évènement(s)»
Olivier Christinats «Évènement(s)» empfängt den Besucher am Eingang mit seinen grossformatigen Bildern. Schwarz gekleidete Männer und Frauen in Posen, die ohne jegliche Emotionalität auf ihre «Originale», die Pressefotos verweisen. Man glaubt, einzelne Bilder zu kennen und weiss trotzdem nicht woher.
Luckner: «Das Spiel mit Pressefotografien in der Fotografie ist nicht neu. Jedoch das Übernehmen von Pressebildern und das Nachstellen im Studio ist mir neu und gefällt mir gut. Eines dieser Studiofotos erinnert mich sofort an ein Pressefoto aus Bosnien oder Algerien. An trauernde Frauen. Trotz oder gerade wegen der anonymisierten Atmosphäre sind uns die Bilder nah. Man erkennt die Gesten wieder.»
Es sind in der Tat Gesten, die alle zu kennen scheinen. Gesten des Trauerns, der Freude, des Jubelns, des Erstaunens. Doch wie fand Olivier Christinat zu dieser Arbeit?
«Jeden Tag, in einem Café, blätterte ich in den verschiedensten Zeitungen. Ganz ganz schnell riss ich jene Bilder heraus, die mich interessierten, mich packten. Nachdem ich viele dieser Pressefotos gesammelt hatte, stellte sich die Frage: was mach ich nun damit? Die Idee kam peu à peu.
Ich fand diese Begegnung mit den Pressefotos, mit ihrer Unschärfe, dem Verschwommenen, dieser plastischen Spontaneität ausgesprochen interessant. So entstand die Idee, diese Bilder nachzustellen.»
Die teilweise Auflösung der Bilder findet sich in der Bildlegende. So verbirgt sich hinter «Séoul, le 19 juin 1999» Alt-Bundesrat Adolf Ogis Enttäuschung über die nicht erhaltene Olympia-Kandidatur. Die trauernden Frauen aus Bosnien erweisen einem Bild von William Eugen Smith die Referenz und zeigen Frauen aus der Estremadura (Spanien) im Jahre 1952.
So lädt Olivier Christinat seine Bilder neu auf, vermischt Dokumentarisches mit Künstlerischem, und das ergibt durchaus Sinn.
Gérard Pétremand «Topiques»
Der zweite Fotograf in der Ausstellung ist der Genfer Gérard Pétremand. Er verharrt mit seinem fotografischen Blick an Orten, die normalerweise keine Beachtung finden. Seine Bilder wirken auf den ersten Blick unecht und sind von einer kitschigen Farbigkeit. Die Orte könnten überall in Europa sein.
Luckner: «Pétremands Bilder erinnern an eine Spielzeuglandschaft in einem Kinderzimmer. Legoland, Märklin, Vorstadt. Der grösste Teil der Bilder ist in Unschärfe gehalten und nur punktuell ist Schärfe vorhanden. Aufgenommen mit einer Fachkamera fällt so der Blick auf Ungewohntes. Pétremand wählt unspektakuläre, ja hässliche Orte aus, Schrebergärten, Haltestellen, Bahnübergänge, Niemandsland, Baucontainer, sozialer Wohnungsbau.
Da wir nicht gewöhnt sind unscharf zu sehen, versuchen wir das Bild zu schärfen, die Farben helfen uns dabei. Die grosse Qualität dieser Arbeit ist sicherlich die Liebenswürdigkeit, mit der Pétremand sich seinem Sujet nähert ohne jedoch zu verniedlichen, zu beschönigen.»
Gefunden hat Pétremand seine Topics, seine belebten Stadtränder, in Genf, Sarajevo und Finnland.
Catherine Gfeller «Urban Rituals»
Für ihre urbanen Rituale begab sich die Neuenburgerin Catherine Gfeller auf die Strasse. Gleich einer Collage setzen sie ihre Bilder aneinander und übereinander. Rhythmus in der Grossstadt, Menschen in der Masse.
Luckner: «Mich erinnert diese Arbeit an die 70-er Jahre. Da wurden oftmals Bilder aneinander gereiht, um zusammen ein Ganzes herzustellen. Manchmal entstanden so überraschende Effekte. Mir ist diese Arbeit zu unruhig. Es bringt mir fotografisch nichts Überraschendes. Ich sehe mehr die Technik, nicht die Bildästhetik, und auch vom Inhalt her gibt mir diese Arbeit nicht viel. Gewisse Bilder sehen mir auch zu stark nach Film aus. Es könnten auch Abzüge von Filmsequenzen sein.
Die Farbigkeit einzelner Kompositionen gefällt mir hingegen wieder. Da wo viel überblendet wird geht Farbe weg, dafür kommt eine andere stärker hervor. Das heisst, einzelne Menschen kommen immer wieder in den Vordergrund. Im Stile eines Suchbildes kann man nach einer Person fahnden.»
Anna Kanai «Kuruma no mawari»
Die Arbeit der schweizerisch-japanischen Doppelbürgerin Anna Kanai findet sich im Untergeschoss des Museums. Die Bilder sind im Duo angeordnet, ergänzen sich auf subtile Weise. Die keineswegs natürliche Natur und der Mensch stehen sich gegenüber.
Luckner: «Hier sticht sofort die Farbigkeit Blau, Grün, Grau, die roten Kleinigkeiten ins Auge. In einer gewissen Trostlosigkeit, in diesem undefiniertem Gebäude zum Beispiel, Büro- oder Wohnhaus blitzt ein subtiler Witz auf. Die Bilder sind offensichtlich in Japan entstanden.
Der Bildaufbau ist teilweise ganz klassisch, zwei Drittel unten, hier Parkplatz, da See, ein Drittel Himmel. Schöne Details. Die offene Autotüre, die Schneekanonen, jedes Bild erzählt eine ganze Geschichte. Eine feine Arbeit.»
Am Ende des Rundgangs durch die Ausstellung bleibt noch eine Frage unbeantwortet: Gibt es so etwas wie den fotografischen Röstigraben?
Luckner: «Ich glaube nicht. Die hier ausgestellten Westschweizer Fotografinnen und Fotografen bewegen sich in der Welt, sind international ausgerichtet. Die Frage müsste eher lauten: Ist die Westschweiz für einheimische Fotografen zu klein, finden sie hier keine Sujets? Doch diese Frage könnte man so auch in der Deutschschweiz stellen.»
So bleibt zum Schluss die Qualität als Parameter. Und die ist hoch in der Ausstellung im Musée d’Elysée.
swissinfo, Brigitta Javurek
Olivier Christinat: «Évènement(s)»
Gérard Pétremand: «Topiques»
Catherine Gfeller: Urban Rituals»
Anna Kanai: «Kuruma no mawari»
Silvia Luckner arbeitet seit 1988 als Fotografin.
Stationen: Keystone Press, WOZ, Finanz und Wirtschaft, Publikationen für diverse Tages- und Wochenzeitungen.
Daneben arbeitet sie auch als freischaffende Fotografin, realisierte Projekte in Afrika, Russland, Kuba und der Mongolei. Regelmässig unterrichtet sie in der «Gruppe autonomer Fotografie».
Seit 1993 organisiert sie mit anderen Fotografinnen regelmässig die Fotobar Silverstone Productions in Zürich. Im jährlich ausgeschriebenen «vfg.»-Nachwuchsförderpreis für fotografisch Gestaltende amtet sie in der Organisation.
Die jeweils ausgezeichneten Arbeiten stammen aus allen Teilen der Schweiz.
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