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«Nehmt uns ernst!»

Hört uns besser zu, beantwortet unsere Fragen ehrlich - am 20. November, dem "Tag des Kindes", machen Kinder auf ihre Anliegen aufmerksam. (Bild:www.projuventute.ch) swissinfo.ch

Erwachsene sollen Kinder anhören und auf deren Anliegen eingehen, fordert die Kinderlobby Schweiz am diesjährigen "Tag des Kindes". Ein Interview mit dem Präsidenten Felix Wettstein.

Felix Wettstein, Präsident Kinderlobby Schweiz, in der Schweiz sind die Kinder, so könnte man meinen, auf Rosen gebettet. Inwiefern besteht Bedarf, sich hierzulande für die Rechte der Kinder einzusetzen?

Materiell geht es den meisten Kindern in der Schweiz sehr gut. Auf der anderen Seite sind auch hier die sozialen Unterschiede gross und die Kinderzulagen im Verhältnis zu den Lebenskosten ja zum Teil erschreckend klein. Und wenn man nicht nur nach dem materiellen Wohl fragt sondern auch danach, ob die Kinder sozial eingebettet sind, ernst genommen werden, in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen – dann darf man schon Fragezeichen setzen.

Sie haben die Kinderzulagen angesprochen, welches sind weitere Bereiche für eine Verbesserung der Rechte der Kinder?

Da wären zum Beispiel die Betreuungsmöglichkeiten für Kinder. Es wäre eigentlich gemäss Uno-Kinderrechtskonvention Aufgabe der Öffentlichkeit, zusammen mit den Eltern für die Kinderbetreuung zu sorgen. Ein weiteres ganz wichtiges Feld ist das Thema Mitbestimmung der Kinder.

Wo sollen Kinder denn vermehrt mitreden?

Es ist noch nicht selbstverständlich, dass in Lebensfeldern, in denen sich die Kinder bewegen, ihre Meinung auch wirklich zählt. Dass man als Erwachsene sich für ihre Meinung überhaupt interessiert, dass das Einholen der Meinung der Kinder institutionalisiert ist. Ich denke zum Beispiel an Planungs- und Baufragen, an Verkehrsfragen. Oder an die Schule, wo sich die Mitbestimmung häufig auf Konfliktregelung oder Pausenplatzgestaltung beschränkt und Bereiche wie zum Beispiel Notengebung, Beurteilung der Lehrkräfte oder Schulhauserweiterung ausgeschlossen werden. Da gibt es noch ganz grossen Nachholbedarf.

Mit Mitbestimmung hat auch das Motto «Tag des Kindes» zu tun. Es heisst «KinderStimmen: Nehmt uns ernst!» und ist von gut 40 Kindern an einer Kinderkonferenz der Kinderlobby bestimmt worden. Wo wollen Kinder ernst genommen werden?

Die Kinder appellieren ganz zuerst an ihre allernächste Umgebung, das heisst: an die Familie, die Eltern, die Lehrerinnen und Lehrer, die Nachbarinnen und Nachbarn. Ihr «Nehmt uns ernst» ist eine ganz klare Botschaft an die Beziehungsqualität zwischen Erwachsenen und Kindern. Sie sagen: nehmt uns für voll, wir wollen wirkliche Kontakte, man darf uns etwas zutrauen, man muss uns besser zuhören und man soll unsere Fragen ehrlich beantworten. Die Kinder bringen auch Situationen zur Sprache, die sie nerven.

Zum Beispiel?

Wenn Erwachsene ein Versprechen abgeben und es nicht einhalten, das nervt die Kinder. Oder wenn sie ungerecht behandelt werden, etwa wenn jüngere oder ältere, Buben oder Mädchen bevorzugt werden. Kinder wünschen sich, dass sie von Erwachsenenseite gleich behandelt werden, wie sich Erwachsene untereinander auch verhalten würden.

Nun waren es ja Erwachsene, die Kinderkonferenz begleitet haben, als das Motto für den «Tag des Kindes» erarbeitet wurden. Besteht dabei nicht die Gefahr der Beeinflussung, so dass im Endeffekt die Anliegen der Kinder an Echtheit verlieren?

Wir sind uns dieser Gefahr sehr bewusst und wollen uns ganz klar nicht vorwerfen lassen, dass wir die Kinder manipulieren. Vielmehr möchten wir daraus Aufmerksamkeit und Sensibilität für unsere Arbeit ableiten. Es ist klar, wir Erwachsene haben diese Kinderkonferenz moderiert, aber wir haben überhaupt nichts inhaltlich geprägt. Was herausgekommen ist – das darf man mit Fug und Recht sagen – ist wirklich von den Kindern erarbeitet.

Zum Schluss: Wenn wir die Kinder ernst nehmen, so wie sie es sich wünschen, was können wir als Gesellschaft gewinnen?

Mehr Farbigkeit. Kinder haben gegenüber Erwachsenen gewisse Dinge voraus. Kinder fassen sich kurz. Kinder haben eine direkte Art, sich auszudrücken. Kinder haben manchmal auch überraschende originelle Argumente, das sind manchmal auch egoistische Ansichten, aber das ist ja unter Erwachsenen nicht anders. Für Erwachsene liegt der Gewinn ganz eindeutig darin, dass sie überhaupt den Mut haben, die Frage zu stellen: Was könnten Kinder dazu meinen? Es ist eine Erweiterung des Spektrums, ob man nun als Architektin, als Pädagoge, als Pate oder Patin oder als Gemeindepolitiker so eine Frage stellt – ja, es ist wirklich eine Erweiterung des Spektrums.

Kathrin Boss Brawand

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