Zivile Opfer in Kabul - UNO fordert Schutz der Bevölkerung

Afghanen auf den Trümmern der UNO-Entminungsagentur in Kabul. Keystone

In ihrem Krieg gegen den Terror haben die USA am Dienstag die dritte Angriffswelle gestartet. Zudem berichtete das Pentagon, die USA hätten den Luftraum über Afghanistan erobert. Bei den Attacken auf Kabul wurden vier Mitarbeiter eines UNO-finanzierten Hilfsprojekts getötet. Die UNO forderte Washington und London auf, bei den Angriffen stärker auf die Zivilbevölkerung zu achten. Zehntausende von Menschen gingen derweil in Pakistan, Irak und Indonesien im Protest gegen die USA erneut auf die Strasse. Während die Angriffe vorerst nicht zur befürchteten Massenflucht aus Afghanistan führten, beklagten internationale Organisationen erneut, dass die Militäraktionen die Hilfe für die 7,5 Millionen Menschen in Not erschwerten. Eine Vielzahl der Hilfskonvois wurde gestoppt.

Dieser Inhalt wurde am 09. Oktober 2001 - 21:21 publiziert

Die dritte Angriffswelle begann am späten Dienstagnachmittag. US-Flugzeuge beschossen nach Angaben aus Washington Einrichtungen bei der Hauptstadt Kabul und der Stadt Herat im Westen Afghanistans. Am Morgen hatten die USA erstmals bei Tageslicht Ziele bombardiert. Nach Taliban-Angaben wurden aber US-Flugzeuge unterwegs nach Kandahar mit Flugabwehrgeschützen zum Abdrehen gezwungen.

In Kabul wurden bei den Attacken vier afghanische Mitarbeiter einer UNO-finanzierten Hilfsorganisation getötet. Diese befasst sich mit der Räumung von Minen. Das Pentagon untersucht, ob eine Rakete fehlgeleitet wurde. Die USA schlossen allerdings nicht aus, dass die vier UNO-Mitarbeiter im Gegenfeuer der Taliban ums Leben kamen.

Den Taliban zufolge wurden seit Montagabend mindestens 35 Zivilisten verletzt oder getötet. Unabhängige Angaben zu den Opfern liegen keine vor.

Rumsfeld appellierte ferner an die Opposition in Afghanistan, den Kampf gegen die Taliban fortzuführen. Er betonte zugleich, die USA hätten keine Ambitionen, nach einem Sturz der Taliban Territorium in Afghanistan zu besetzen. Die Zukunft des Landes solle vom afghanischen Volk bestimmt werden.

Rumsfeld zieht Zwischenbilanz

Nach drei Tagen Luftangriffen haben die USA nach eigenen Angaben den Luftraum über Afghanistan erobert und dem Taliban-Regime und dem Terror-Netzwerk Al-Kaida von Osama Bin Laden erheblichen Schaden zugefügt.

Die USA hätten die "Lufthoheit" errungen, sagte US-Generalstabschef Richard Myers in Washington.Nach Angaben von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sollen alle Flugplätze der herrschenden Taliban-Miliz beschädigt worden sein: "Wir haben die meisten Flugplätze getroffen; ich glaube, mit einer Ausnahme."

Es sei "völlig klar", dass die Militärschläge den Druck auf die Taliban und die Terroristen erhöht habe, sagte Rumsfeld weiter. Er glaube an einen Erfolg der Operation.

Schwere Explosionen in Kabul

In der Hauptstadt Kabul waren am Dienstagabend eine schwere Explosion und Luftabwehrfeuer zu hören. Wie ein Korrespondent der französischen Agentur AFP in Kabul berichtete, bombardierten US-Flugzeuge die Stadt, in der die Stromersorgung erneut unterbrochen war. Die Taliban beschossen ihrerseits nach eigenen Angaben US-Flugzeuge über der Stadt Dschalalabad.

Ein Soldat der Taliban-Miliz berichtete am Abend telefonisch aus Kandahar, Kampfflugzeuge bombardierten Anlagen in der Nähe der Stadt im Süden des Landes. Auch die nordwestliche Stadt Herat wurde angegriffen.

Wie bereits am Vortag wurde in Kandahar die Residenz des Taliban-Führers, Mullah Mohammed Omar, angegriffen, wie aus Kreisen der Miliz verlautete. Zudem hiess es, Omar habe ranghohen Taliban-Kommandanten mitgeteilt, er sei am Leben und halte weiter den Oberbefehl inne.

Zudem erklärten die Taliban, Osama Bin Laden sei wohlauf und befinde sich nach wie vor in Afghanistan. Bin Laden gilt als Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September, bei denen mehr als 5000 Menschen ums Leben kamen.

Kämpfe im pakistanischen Grenzgebiet

Laut Augenzeugen lieferten sich Taliban-Kämpfer am Dienstagmorgen eine dreistündige Schiesserei mit pakistanischen Grenztruppen. Es war der erste bekannte Zusammenstoss zwischen pakistanischen und Taliban-Truppen seit Beginn des US-Militärschlags am Sonntagabend.

Die pakistanischen Grenztruppen hätten rund 30 Taliban-Kämpfer gestoppt, die nach Pakistan hätten eindringen wollen, hiess es. Vier Pakistaner seien verletzt worden. Über Verluste bei den Taliban wurde nichts bekannt.

Bodenoperation?

Ob die USA und ihre Verbündeten eine Bodenoperation planen, ist noch offen. Das sagte der britische Verteidigungsminister Geoffrey Hoon in Moskau. Die USA wollen laut Medienberichten jedoch weitere Soldaten nach Zentralasien und in den Mittleren Osten entsenden, wo bereits 50'000 britische und US-Soldaten stationiert sind. Hoons russischer Amtskollege Sergej Iwanow schloss eine Beteiligung russischer Soldaten am Krieg aus.

Der NATO-Rat entsprach in Brüssel derweil der Bitte der USA nach weiterer militärischer Hilfe. Ein ständiger Flottenverband im Mittelmeer wird weiter in Richtung Osten verlegt.

Tote bei Massenprotesten

Die Militäraktion gegen Afghanistan stösst in Teilen der islamischen Welt weiter auf Widerstand: In Pakistan wurden bei neuen Protesten gegen die USA und Militärmachthaber Pervez Musharraf am Dienstag mindestens drei Menschen erschossen.

Die pakistanischen Behörden ordneten zugleich die Inhaftierung von drei führenden islamischen Geistlichen an, um sie am Organisieren weiterer Demonstrationen zu hindern. In der indonesischen Hauptstadt Jakarta kam es zu Strassenschlachten zwischen islamistischen Demonstranten und der Polizei.

Auch auf den Philippinen demonstrierten Tausende Muslime gegen die US-Angriffe. Und in Irak gingen bei organisierten Massenprotesten Zehntausende Menschen auf die Strassen. Irak befürchtet offenbar, erneut ebenfalls zu einem Ziel der USA zu werden.

Unbehagen bei der UNO

Der UNO-Sicherheitsrat beriet derweil erneut über die Lage der Zivilbevölkerung in Afghanistan. Äusserungen der USA über mögliche Angriffe gegen weitere Staaten hätten im Sicherheitsrat zudem ein "gewisses Unbehagen" ausgelöst, sagte UNO-Generalsekretär Kofi Annan.

Der Generalsekretär der Arabischen Liga warnte Washington vor einer Ausweitung der Angriffe auf andere Länder. "Jeder Militärschlag gegen ein arabisches Land wird schwere Konsequenzen nach sich ziehen und als Aggression gegen arabische Staaten betrachtet", sagte Amr Mussa in Katar.

Schwierige Hilfe für Flüchtlinge

Das befürchtete Flüchtlingschaos in den Nachbarstaaten Afghanistans ist laut UNO bisher ausgeblieben. "Eine Erklärung könnte die höhere Präsenz der Taliban-Milizen im Grenzgebiet sein", sagte ein UNHCR-Sprecher in Genf. Flüchtlinge hätten womöglich Angst vor einer Grenzüberquerung.

Während China seine Grenzen zu Pakistan und Afghanistan schloss, öffnete Pakistan seine Nordwestgrenze für afghanische Flüchtlinge. 20'000 Menschen flohen bisher nach Iran. Das UNHCR hatte die Nachbarstaaten Afghanistans am Dienstag erneut aufgerufen, ihre Grenzen für Flüchtlinge zu öffen. Zugleich bat die Organisation bei der Staatengemeinschaft um noch mehr Finanzhilfe, um den Menschen in Not helfen zu können.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) kündigte am Dienstag an, wieder Hilfslieferungen nach Afghanistan zu schicken. Eine WFP-Sprecherin sagte in Genf, ein Konvoi habe Iran mit dem Ziel Herat verlassen. Sie habe aber keine Information darüber, ob er die Stadt erreicht habe. Auch das Kinderhilfswerk UNICEF setzte seine Hilfslieferungen aus Iran nach Afghanistan fort.

Angst vor Bio-Terror

In den USA wächst unterdessen die Angst vor Milzbrand. Bisher wurden zwei Fälle nachgewiesen; ein Mann starb an den Folgen der Erkrankung. Das FBI schliesst einen terroristischen Hintergrund nicht aus und übernahm die Leitung der Ermittlungen. Die Milzbrand-Fälle verstärkten in den USA die Angst vor Terroangriffen mit biologischen Waffen. Gesundheitsbehörden schlossen eine natürliche Verbreitung der Milzbrand-Bakterien aus.

Gemäss dem Staatsminister des britischen Aussenministeriums, Ben Bradshaw, versucht Bin Ladens Organisation El Kaida seit zehn Jahren, biologische und chemische Waffen zu bekommen. "Wir glauben, sie haben welche", erklärte Bradshaw weiter.

swissinfo und Agenturen

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