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Künstler Marc Bauer Mit dem Bleistift den Stereotypen auf der Spur

Marc Bauer an seinem Arbeitspult

"Ich liebe es zu arbeiten; mehr als Menschen zu treffen", sagt der mehrfach ausgezeichnete Konzeptkünstler Marc Baur.

(swissinfo.ch)

"Ich liebe es zu arbeiten“, sagt er. Manche der Skizzen und virtuosen Zeichnungen von Marc Bauer entstehen auf kleinen Blättern, andere bedecken meterweise Wand.

Erneut gewinnt ein Schweizer Künstler den renommierten GASAG Preis in Berlin. Für den in Genf geborenen Marc Bauer ist damit auch eine grosse Ausstellung in der Berlinischen Galerieexterner Link verbunden. Vor ihm war der eidgenössische Konzeptkünstler Julian Charriere mit dem Preis ausgezeichnet worden. 

Die Kunst kann ein einsames Metier sein, aber auch das liebt Marc Bauer an ihr. Sein grosser Schreibtisch steht in einem spartanischen Raum in einem Hinterhaus in Berlin-Schöneberg. Dutzende Bleistifte und Blätter Papier liegen griffbereit neben dem aufgeklappten Laptop und einem Bildschirm. Die enervierende Vorweihnachtshektik der Grossstadt lässt sich hier nicht einmal erahnen.

Meist verbringt der 44-jährige Schweizer ganze Tage allein in seinem Atelier und zeichnet. "Ich liebe es zu arbeiten“, sagt er, "mehr, als Menschen zu treffen“. Manche seiner Skizzen und virtuosen Zeichnungen entstehen auf kleinen Blättern, andere bedecken gleich mehrere Quadratmeter Wandfläche. An diesen arbeitet der Künstler dann bis zu zehn Tage lang – immer mit einer 0,7 Millimeter-Mine in Druckbleistiften.  

Derzeit bereitet Marc Bauer hier auch die grosse Ausstellung vor, die mit dem GASAG Preis verbunden ist. Sie ist eine weitere wichtige Anerkennung seiner Arbeit. Der Zeichner stellt mittlerweile auf der ganzen Welt aus, zuletzt unter anderem in London und in Sydney. Er arbeitet auch multimedial, mit animierten Zeichnungen und Filmen.

Der zurückhaltende und zugleich zugewandte Künstler wuchs ausserhalb von Genf auf. Sein Vater arbeitete in einem Architekturbüro. "Er hatte zuhause einen kleinen Arbeitsraum mit vielen Bleistiften“, erinnert sich Marc Bauer. Als kleiner Junge liebte er es, dort zu sitzen und in Ruhe zu zeichnen. Schon bald wurde sein Talent offensichtlich, er wollte Zeichner werden. 

(Marc Bauer)

Nach der Kunstschule in Genf zog es ihn in die Ferne, mit 26 erhielt er ein Stipendium der renommierten Rijksakademie in Amsterdam. "Ich war damals froh, Genf zu verlassen“, bekennt er. Amsterdam bot die Liberalität, die Kreativität und Freiheit, nach der er sich sehnte. Anschliessend wanderte er nach Berlin weiter, wie so viele Künstlerinnen und Künstler. Dort lebt er noch heute, wenn er nicht gerade in der Welt unterwegs ist oder in Zürich unterrichtet.

Gleich drei Mal den Swiss Award

Marc Bauer hat sich einen Ruf hart erarbeitet, Stipendien führten ihn nach Brüssel, Peking und Rom. Gleich drei Mal, 2001, 2005 und 2006, erhielt er den renommierten Swiss Award. "Der macht dich als jungen Künstler sichtbar“, zeigt er sich dankbar für die Auszeichnungen. Fortan ging es stetig bergauf. Bis heute stellt er regelmässig in der Schweiz aus. Die Netzwerke, Galerien, Sammler und Freundschaften dort sind ein wichtiger Teil seiner Karriere. 

(Marc Bauer)

Ausserhalb der Kunstszene kennen ihn dort viele vielleicht auch von einem Motiv auf Migros-Papiertüten. 100'000 Mal wurden seine "Schmetterlinge“ auf die Einkaufstüten gedruckt. Nur seine in Genf lebende stolze Mutter ging leer aus. "Die Taschen gab es leider nicht in der französischen Schweiz", erzählt er.

"Meine Arbeit ist sehr persönlich", betont der Künstler. Häufig dienen Bauer historische Momente oder Fotos als Vorlage, die er aus dem Gedächtnis nachzeichnet. Dabei verfremdet er das Original, lässt Leerstellen, radiert und kommentiert – auch mit der auslöschenden Kraft eines Radiergummis. So ging er beispielsweise in einer Reihe über Menschen in Booten vor. 

(Migros Museum)

Die Idee kam ihm, als er in einer Zeitung das Foto eines überfüllten Flüchtlingsschiffs betrachtete und sich wunderte, wie wenig Emotionen der Anblick noch in ihm auslöste. "Ich habe mich gefragt, woran das liegt", erinnert er sich und durchforstete in Folge die Geschichte nach ikonographischen Darstellungen von Menschen in Booten: von Odysseus auf hoher See bis hin zu aktuellen Aufnahmen Geflüchteter, die zu ertrinken drohen.

Gegen Stereotype

Immer, so stellt er fest, seien die Menschen auf dem Boot als die Anderen dargestellt, als Fremde, die von aussen kämen und nicht zu unserem Leben gehörten. Ein solcher Blick präge unsere Wahrnehmung. "Bilder haben eine ungeheure Macht", so Bauer. 

(Marc Bauer)

Nur auf den ersten Blick ähneln seine Zeichnungen den Vorlagen, auf den zweiten lassen sie den Betrachter innehalten. Da ist ganz im Sinne des Künstlers: "Wir müssen langsamer werden und genau hinschauen", wünscht er sich. Sonst reproduzieren sich in der Wahrnehmung die immer gleichen Stereotype.

Für die Ausstellung in der Berlinischen Galerie wird er sich mit dem Internet auseinandersetzen. "Vor 30 Jahren war es mit der utopischen Hoffnung verbunden, von nun an alles teilen zu können. Heute repräsentiert es Überwachung und Propaganda."

Ihn interessiert, wie diese Verschiebung stattgefunden hat. Animationen, riesige interaktive Tablets und Musik werden seine Zeichnungen ergänzen. Das genaue Konzept und die Umsetzung will er in den kommenden Monaten unter anderem gemeinsam mit einem Schweizer Musiker erarbeiten.

Seit 2015 ist Bauer Dozent der Zürcher Hochschule der Künste und pendelt zwischen seinem Hauptwohnsitz Berlin, wo er mit seinem niederländischen Partner lebt, und der Schweiz. Die Heimat ist ihm wieder näher gerückt. Mittlerweile hat er sogar eine Zweitwohnung in Zürich. 

Doch nach wie vor liebt er Berlin und die Anonymität, die ihm die Stadt bietet. "Ich mag es, ein Fremder zu sein, wo ich lebe“, bekennt Bauer. Er brauche die Reibung, zu viel Vertrautheit schade der Kreativität: "Das ist wie bei Fischen. Wenn Du zulange im gleichen Wasser bist, merkst du nicht einmal mehr, dass es Wasser ist.“

Gasag Kunstpreis  

Kunst an der Schnittstelle zu Wissenschaft und Technik ist das Thema des GASAG Kunstpreises, der alle zwei Jahre an vielversprechende junge Künstlerinnen und Künstler aus der Berliner Kunstszene vergeben wird.  Die Auszeichnung ist mit einem Preisgeld von 10'000 Euro und einer Ausstellung in der Berlinischen Galerie verbunden, zu der auch ein Katalog erscheint. Zu diesem Zweck soll ein neues Werk entstehen, das in die Sammlung der Berlinischen Galerie aufgenommen wird.

Quelle: Berlinische Galerie

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