"Afrika macht oder bricht einen Mann!"

Viele der Ausland-Schweizer in Afrika betätigten sich als Missionare. Keystone

Ein neuer Sammelband untersucht die Schweizer Auswanderung im 20. Jahrhundert - und schliesst damit eine Forschungslücke.

Dieser Inhalt wurde am 09. Februar 2003 - 15:10 publiziert

Insbesondere zu den Ausland-Schweizern im kolonialen und postkolonialen Afrika war bisher nur wenig bekannt.

Die Erforschung der Schweizer Emigration im 20. Jahrhundert fristete im Vergleich zu derjenigen des 19. Jahrhunderts bisher ein Mauerblümchen-Dasein.

Der kürzlich vom Schweizerischen Bundesarchiv veröffentlichte Sammelband "Die Auslandschweizer im 20. Jahrhundert" wirft nun mehr Licht auf dieses von den Historikern wenig erhellte Stück Geschichte.

Weisse Flecken auf dem "Schwarzen Kontinent"

Besonders vernachlässigt wurde die Erforschung der Auswanderung nach dem "Schwarzen Kontinent", die bis heute verhältnismässig unbedeutend blieb: Von den im Jahr 2002 insgesamt registrierten rund 600'000 Ausland-Schweizerinnen und -Schweizern leben derzeit lediglich rund 17'500 in Afrika.

Die mit Abstand grösste Schweizer-Kolonie Afrikas mit rund 8600 Ausland-Schweizern liegt in Südafrika. Weitere grössere Schweizer Gemeinschaften - mit jeweils mehreren Hundert Mitgliedern - befinden sich in Ägypten, Tunesien, Marokko, Kenia, Kamerun, Zimbabwe, Senegal oder Ghana. Letzterer ist eine der Studien im Bundesarchiv-Sammelband gewidmet.

Destination Ghana

Die ersten Schweizer, die im 19. Jahrhundert nach Ghana - der damaligen Goldküste - auswanderten, waren fast ausschliesslich Angehörige zweier Basler Institutionen: der "Basler Mission" und der aus ihrer Mitte entstandenen "Basler Handels-Gesellschaft".

Die beiden Gesellschaften stellten bis nach dem Zweiten Weltkrieg das Gros der Schweizerkolonie. Daneben etablierten sich verschiedene kleinere Schweizer Firmen - unter ihnen eine Brauerei und ein Baugeschäft.

"Es war eine sehr schöne Zeit", erinnert sich der pensionierte reformierte Pfarrer Paul Rutishauser aus Kreuzlingen, der zwischen 1961 und 1970 mit der Basler Mission in Ghana lebte und dort an einer theologischen Schule für Schwarze unterrichtete. "Ich habe mich verpflichtet, weil ich mich dort einsetzen wollte, wo es am nötigsten ist."

Die Welt der Weissen

Das Leben der Ausland-Schweizer in Ghana unterschied sich nicht von demjenigen der anderen Weissen in Schwarzafrika: Man pflegte einen Lebensstil, der sich am europäischen orientierte und konnte sich, verglichen mit der Heimat, ein überdurchschnittliches Leben mit Bediensteten und weiterem Komfort leisten. Auch nach der politischen Unabhängigkeit Ghanas 1957 waren es zumeist die Weissen, welche in den europäischen Firmen die wichtigen Positionen besetzten.

Ghana bot vielen Schweizern punkto Einkommen und Aufstiegsmöglichkeiten wesentlich mehr, als in der Schweiz erreichbar gewesen wäre. Geradezu bilderbuchmässig gestaltete sich etwa die Karriere eines langjährigen Ghana-Schweizers, der es nach einer kaufmännischen Ausbildung bis zum General Manager einer europäischen Handelsfirma schaffte. "In Ghana bin ich jemand", pflegte der Betreffende zu sagen.

Längst nicht alle Ghana-Schweizer vermochten sich jedoch in der Fremde zurechtzufinden. Viele fühlten sich im tropischen Afrika schon bald einmal frustriert, litten nicht selten unter Alkoholproblemen und sahen sich manchmal auch gezwungen, Westafrika frühzeitig wieder zu verlassen.

"Afrika macht oder bricht einen Mann!", fasste einmal eine Ghana-Schweizerin die Möglichkeiten und Probleme des Lebens auf dem "Schwarzen Kontinent" zusammen.

Schwieriger Kontakt mit den Einheimischen

Er sei "mit gemischten Gefühlen" nach Ghana gereist, sagt Rutishauser gegenüber swissinfo: "Ich war mir bewusst, dass die Mission im Schlepptau des Kolonialismus mit all seinen Schattenseiten erfolgt war. Entsprechend erleichtert fühlte ich mich, als die Ghanaer mir gegenüber keine Spur von Ressentiments zeigten."

Private Kontakte zwischen Weissen und Einheimischen blieben insgesamt eher die Ausnahme. Oft war die Haltung gegenüber der schwarzen Bevölkerung auch lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg von rassistischen Klischees und Vorurteilen geprägt: Die Schwarzen galten als faul, dumm, verlogen und diebisch.

Rassistisches Verhalten habe er bei den Schweizern eher selten festgestellt, erklärt Rutishauser. Allerdings hätten die Missionare generell ein wesentlich besseres Verständnis für die Einheimischen an den Tag gelegt als die Händler.

"Wir Missionare mussten uns von Berufs wegen stärker für die Einheimischen interessieren als die Händler", sagt Rutishauser. "Ich stellte immer wieder fest, dass sich die Weissen vor allem dann abfällig über die schwarze Kultur äusserten, wenn sie sie nicht verstanden."

swissinfo, Felix Münger

Fakten

Die Auslandschweizer im 20. Jahrhundert. Zeitschrift des Schweizerischen Bundesarchivs. Studien und Quellen, 28. Verlag Paul Haupt. Bern, Stuttgart, Wien 2002.

End of insertion

In Kürze

Der neue Sammelband des Schweizerischen Bundesarchivs aus der Reihe "Studien und Quellen" enthält mehrere Untersuchungen über die Ausland-Schweizer im 20. Jahrhundert.

Der Band enthält unter anderem auch Darstellungen der Emigration nach Afrika und schliesst damit eine besonders eklatante Forschungslücke.

Die Fallstudie zur Schweizer-Kolonie in Ghana zeichnet ein lebendiges Bild vom Leben der Auswanderer.

End of insertion

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diesen Artikel teilen