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"Die Moral ist weich und morsch geworden"

Der Kirchenkritiker und in Tübingen lebende Hans Küng kritisiert den Irak-Krieg der USA.

(Keystone)

Der Schweizer Theologe Hans Küng und seine Stiftung Weltethos haben in Barcelona einen Preis für ihren Einsatz zur Verständigung der Religionen erhalten.

Im Gespräch mit swissinfo fordert Küng, den religiösen Grundwerten wieder Geltung zu verschaffen.

Hans Küng versteht das Projekt Weltethos als eine Aufgabe der Erziehung. Bereits im Kindesalter sollen ethische Grundregeln eingeübt und das Bewusstsein für elementare Werte gestärkt werden. Von der Existenz eines universellen Weltethos und dem Dialog zwischen den Religionen macht Küng das Überleben der Welt abhängig.

Der Irakkrieg habe auf die Beziehungen zwischen den Religionen eine verheerende Wirkung, sagt der 75-jährige Hans Küng im Gespräch mit swissinfo.

swissinfo: Die Fronten zwischen den Kulturen und Religionen haben sich in den letzten Jahren drastisch verhärtet. Jetzt bekommen Sie einen Preis für ihren Einsatz zur Verständigung der Religionen – als Ermunterung gerade zur richtigen Zeit?

Hans Küng: Der Preis kommt in der Tat zur richtigen Zeit. Für mich persönlich, nachdem ich kürzlich ein grosses Buch über den Islam abgeschlossen habe. Und auch für unsere Stiftung, die ohnehin jede Unterstützung gut gebrauchen kann.

Dabei ist nicht unwichtig, dass der Preis von einer Organisation kommt, die in New York ihr Hauptquartier hat und weitgehend amerikanisch bestückt ist.

In der Zeit der Bush-Administration haben sich ja sehr viele Missverständnisse zwischen Amerika und Europa eingeschlichen. Die Ehrung aus Amerika macht nun klar, dass nach wie vor Amerikaner und Europäer am selben Strick ziehen können.

swissinfo: Kommt der Krieg in Irak oder der Nahost-Konflikt im Parlament der Weltreligionen in Barcelona zur Sprache?

H.K.: In der Diskussion mit der iranischen Friedens-Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi wird der Krieg in Irak sicher zur Sprache kommen. Es ist evident, dass dieser verheerende Krieg den Beziehungen zwischen den Religionen und Nationen gewaltig geschadet hat und den Terrorismus – statt zu unterdrücken – ausgeweitet hat.

swissinfo: Zeigt nicht auch dieser Krieg, dass man sich auf dem Papier relativ leicht auf ethische Grundwerte einigen kann? Wenn es aber konkret wird und Machtinteressen im Spiel sind, dann wird’s schwieriger.

H.K.: Diejenigen, die Friedenserklärungen für Religionen ausarbeiten, sind ja nicht dieselben, die im Weissen Haus den Krieg geplant haben. Das waren Leute, die von vornherein den Krieg wollten und die ihn schon seit dem ersten Golfkrieg vorbereitet haben.

Auch in Amerika gibt es zwei Lager. Präsident Bush hat zwar die Unterstützung einiger konservativer "wiedergeborener Christen", wie man sie nennt, – bekommen.

Der Rat der Kirchen war in den USA ganz klar gegen diesen Krieg. Dessen Repräsentanten wurden vom Präsidenten aber nicht einmal empfangen.

swissinfo: Was kann die Stiftung Weltethos tun, damit sich die Fronten zwischen den Kulturen nicht noch mehr verhärten?

H.K.: Das ist ein langweiliger und langwieriger Bewusstseinswandel-Prozess, der einfach Zeit braucht. Wir müssen den Leuten deutlicher machen, worauf es ankommt.

Aber glücklicherweise ist es ja so, dass gerade negative Ereignisse wie die Attentate des 11. Septembers oder der Irakkrieg vielen Menschen die Augen öffnen.

Noch in den 90er-Jahren musste man sich oft rechtfertigen, wenn man sagte, dass der Dialog zwischen den Religionen Voraussetzung sei für eine Verständigung zwischen den Nationen.

Heute stellt das niemand mehr in Frage. Bei der UNO-Generalversammlung haben sich alle Delegierten ohne Ausnahme für den Dialog der Zivilisationen, der Kulturen ausgesprochen - gegen den Zusammenprall, den die USA als die Zukunft propagiert haben.

swissinfo: Viele Konflikte werden aber nur unter dem Deckmantel der Religion angezettelt. Die Bevölkerung wird religiös aufgehetzt, obwohl es eigentlich allein um machtpolitische Interessen geht.

H.K.: In vielen Fällen ist das richtig, aber nicht immer. Es gibt auch religiöse Motivationen, wenn etwa israelische Siedler unbedingt dieses Land haben wollen und sagen, sie hätten es von ihrem Gott selber versprochen bekommen.

Natürlich, es ist keine Frage, dass es sowohl im Israel- als auch im Irak-Konflikt um massive Machtinteressen geht. Premierminister Scharon und die Seinen wollen einfach das ganze Land besitzen; wie es schon immer der Plan vieler Siedler war.

Auch im Irak ist es so, dass für die Amerikaner das Öl wichtiger ist als der Islam. Es ging einfach darum, die amerikanische Macht im Nahen Osten festzusetzen, um über das Öl die US-Hegemonie in der Welt aufzurichten und gleichzeitig dem Staat Israel auch noch die Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten, sozusagen als Satellit, um auf diese Weise die Palästinenser zu bändigen.

swissinfo: Gibt es in der islamischen Welt eine Persönlichkeit, die sich in vergleichbarem Rahmen für die Verständigung engagiert und exponiert?

H.K.: Nein, das kann man leider nicht sagen. Es gibt Leute, die sich öffentlich äussern und sich, auch unter Gefahr, sehr tapfer einsetzen.

Ich habe eben einen Brief an einen alten Freund geschrieben, an Prinz Hassan von Jordanien, der sich bei der Weltkonferenz der Religionen für den Frieden einsetzt und immer wieder für einen friedlichen Islam wirbt.

Das gibt es also schon. Man möchte sich nur wünschen, sie wären überall zahlreicher.

swissinfo: Die Spannungen wachsen auch in Europa. Im Alltag erweist sich das Zusammenleben zusehends schwieriger. Wie kann ihre Stiftung helfen, diese Kluft zu überwinden?

H.K.: Wir arbeiten vor allem mit den Schulen. Es gibt unzählige Schulen, die unsere Unterlagen und Filme über die grossen Religionen übernommen haben und die ethischen Imperative zum Thema machen.

Der Sinn für ethische Normen muss von unten her wieder geweckt werden. Denn wir leben in einer Zeit, wo sogar Kinder Kinder morden, wo Jugendliche Lehrer umbringen, wo man beinahe jede Woche von Schülern liest, die Kameraden quälen und prügeln.

Vieles ist verloren gegangen, als die Kirchen in Europa an Einfluss verloren haben. Vieles in der Moral ist weich und morsch geworden, und viele Jugendliche wissen oft gar nicht mehr, an was sie sich halten sollen.

Ich bin überzeugt, dass dieser Prozess der Bewusstwerdung schon eingesetzt hat. Man kann heute fast jeden Tag über Ethik und Fragen der Grundregeln in den Zeitungen lesen. Das war vor ein paar Jahren nicht so

swissinfo-Interview: Katrin Holenstein

Fakten

Das Projekt Weltethos hat fünf grosse Gebote der Menschlichkeit heraus-gefiltert, die in allen grossen Weltreligionen gelten:

nicht töten (anderen Schaden zufügen)
nicht lügen (betrügen)
nicht stehlen (Rechte anderer verletzen)
nicht Sexualität missbrauchen
die Eltern achten (Bedürftigen und Schwachen helfen).

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In Kürze

Die Stiftung Weltethos und ihr Präsident Hans Küng werden für ihren internationalen Einsatz für die Verständigung der Religionen ausgezeichnet.

Der mit 6'200 Franken dotierte Bildungspreis Interfaith Education Award der Organisation Temple of Understanding in New York wird am 10. Juli in Barcelona vor dem Parlament der Weltreligionen verliehen.

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