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"Wir lassen Libanon nicht im Stich"

François Barras im November 2005 in Hong Kong. (CESAR RITZ COLLEGES)

Seit März ist François Barras Botschafter der Schweiz in Libanon. Gegenüber swissinfo schildert er die Situation im Land.

Die Angriffe hätten dem libanesischen Modell mit der friedlichen Koexistenz diverser religiöser Gruppen schweren Schaden zugefügt, so der in Beirut stationierte Diplomat.

swissinfo: Vor zwei Tagen haben die letzten Schweizer Bürger Libanon verlassen. Was ist ihre Bilanz der Evakuationen?

François Barras: Es handelte sich weniger um Evakuationen, sondern eher um Rückführungen von Schweizern, die das Land verlassen wollten. Es hat aber immer noch Schweizer Bürger, die in Libanon bleiben wollten. An der Feier zum 1. August habe ich 120 Schweizerinnen und Schweizer eingeladen.

swissinfo: Welches waren Ihre grössten Schwierigkeiten?

F.B.: Zuerst haben wir sehr viele Telefonanrufe erhalten. Dann haben wir alle Personen angerufen, die sich bei uns immatrikuliert haben. Dazu mussten auch Freiwillige einspringen, aber es hat einigermassen geklappt.

Es war dagegen sehr schwierig, in permanentem Kontakt mit den Schweizer zu bleiben. Das betraf vor allem diejenigen aus dem Süden des Landes. Einige von ihnen waren während einiger Zeit von der Aussenwelt abgeschnitten.

swissinfo: Was sind jetzt Ihre Aufgaben in Beirut?

F.B.: In einer zweiten Phase steht jetzt die humanitäre Hilfe im Vordergrund. Spezialisten für Logistik und solche für die Wasserversorgung sind vor Ort, wo sie seit zehn Tagen mit den libanesischen Behörden zusammenarbeiten.

Sie haben ferner ein Lager für Flüchtlinge aufgebaut, denn schätzungsweise gibt es in Libanon zwischen 700'000 und einer Million Vertriebener. Der ganze Süden ist verlassen, die Menschen sind in den mittleren und nördlichen Landesteil ausgewichen.

Mit unserer Hilfe vermitteln wir die Botschaft, dass wir Libanon nicht aufgegeben haben, "wir sind in dieser schwierigen Situation für euch da".

swissinfo: Was unternimmt die Schweiz auf politischer und diplomatischer Ebene?

F.B.: Als Depositarstaat der Genfer Konventionen wachen wir darüber, dass diese Regelwerke eingehalten werden. Wir sind präsent, um Verstösse gegen die Rechte der Zivilbevölkerung anzuzeigen. Ich betone, dass das nichts mit der Schweizer Neutralität zu tun hat, vielmehr mit der Verteidigung eines Prinzips.

swissinfo: Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?

F.B.: Während der ersten zwei Wochen des Konflikts hatten wir schlicht keine Zeit, darüber nachzudenken, was vor sich ging. Wir mussten uns Tag und Nacht um die Rückführung unserer Bürger in die Schweiz kümmern. Nach und nach wird uns aber bewusst, dass das, was sich in Libanon abspielt, eine richtige Tragödie ist.

Noch vor knapp drei Wochen hatte hier Sommerstimmung geherrscht, und das Festival von Baalbeck sollte der Auftakt zum Festivalsommer sein. Ich bin sehr bewegt davon, dass die Libanesen einmal mehr ihre Anstrengungen für den Wiederaufbau ihres Landes zerstört sehen. Dies nach fast 20 Jahren Krieg und der Ermordung des Ex-Ministerpräsidenten Rafik Hariri.

Die ganze Infrastruktur ist kaputt. Es ist wie ein Fluch, denn das Land der Zedern verfügt über sehr positive Werte, welche für die ganze Region von grosser symbolischer Bedeutung sind: Es gibt 18 Volksgruppen, die miteinander auskommen und es ist eine Demokratie. Dem Land, das wieder aufstehen wollte, wurde jetzt sozusagen der Todesstoss versetzt.

swissinfo: Wie sieht der Alltag für die Zivilbevölkerung aus?

F.B.: Das hängt stark von der Region ab, in der sich die Menschen aufhalten. In Beirut sind die Läden geöffnet und es gibt Waren. Aber vor den Tankstellen müssen die Menschen lange Schlange stehen, weil sie einen Engpass an Brennstoffen befürchten.

swissinfo: Sie sind erst seit März in Libanon, haben Sie mit einer solchen Situation gerechnet?

F.B.: Nicht wirklich. Ich kenne den Nahen Osten ziemlich gut, denn es ist eine Region, die ich sehr mag. Mir waren die Spannungen und Gefahren sehr wohl bewusst. Ich kam in ein Land, das sein Haupt wieder erhob, und das versuchte, die Koexistenz der verschiedenen Gruppen in einer Region zu sichern, wo Extremismen vorherrschen.

Ich war auch gerade mit der Vorbereitung einer Buchmesse in Beirut beschäftigt, welche für Oktober geplant ist. Dazu hatte ich schon eine Reihe von Schweizer Vertretern aus der Welt der Bücher eingeladen.

Ich hoffe sehr, dass der Anlass stattfinden kann. Denn so könnten wir Libanon und seiner Bevölkerung die Botschaft übermitteln, dass wir sie nicht aufgegeben haben.

swissinfo-Interview, Mathias Froidevaux
(Übertragung aus dem Französischen: Renat Künzi)

In Kürze

Seit Beginn des Konflikts zwischen Israel und der Hisbollah am 12. Juli hat die Schweiz dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) 5,2 Mio. Franken für dessen Hilfe im Krisengebiet zur Verfügung gestellt.

Ausserdem schickte Bern 800 Kilo Medikamente und 7 Tonnen Hilfsgüter nach Libanon.

Seit dem Beginn des Konflikts sind insgesamt 920 Schweizerinnen und Schweizer aus Libanon evakuiert worden. 15 Personen haben das Land am Donnerstag verlassen.

Die israelische Luftwaffe hat am Freitag vier Brücken zerstört, welche Beirut mit dem Norden des Landes verbanden. Sie waren wichtig für den Handel mit Syrien.

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Der Diplomat François Barras

Geboren in Siders im Kanton Wallis. Jurist und Anthropologe.

Er tritt 1986 ins Schweizer Aussenministerium (EDA) ein.

1989 wird er Kulturattaché in Washington, danach erster Stellvertreter der Schweizer Mission in Mexiko.

1999 wird er Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Danach wechselt Barras als Generalkonsul nach Hong Kong und Macao.

Seit März 2006 ist er Botschafter in Libanon.

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