Pro und contra 36-Std.-Woche
Wirksamstes Mittel für Gesundheit und Sicherheit oder Eingriff in die Selbstbestimmung der Arbeitnehmer? Gewerkschaften und Arbeitgeber sind sich uneinig.
Am 3. März 2002 entscheiden die Schweizer Stimmberechtigten über die schrittweise Verkürzung der Arbeitszeit auf 1872 Stunden pro Jahr, was der 36-Stunden-Woche entsprechen würde.
Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) betonte zum Auftakt des Abstimmungs-Kampfes die Vorteile seiner Initiative. «Auf Grund von Stress, Arbeitsverdichtung und überlangen Arbeitszeiten leiden immer mehr Menschen an gesundheitlichen Problemen», sagte Paul Rechsteiner, Präsident des SGB am Montag vor den Medien.
Gesundheitswesen und Strassentransport
Die Folgekosten von Stress belaufen sich jährlich auf 4,2 Mrd. Franken, wie Rechsteiner eine Studie des Staatsekretariats für Wirtschaft zitierte. Prekär sei die Situation bei der gegenwärtigen Höchst-Arbeitszeit von 66 Stunden vor allem im Gesundheitswesen und beim Strassentransport.
60 Prozent der Unfälle mit Lastwagen in Europa werden durch Übermüdung verursacht, betonte Rechsteiner. Die Reduktion der Arbeitszeit sei deshalb nicht nur die wirksamste Massnahme zur Förderung der Gesundheit und Lebensqualität, sondern auch zur Verbesserung der Sicherheit.
Zwingende Regulierung notwendig
Das Beispiel des Strassentransportes eignet sich besonders gut, um die Notwendigkeit einer massiven Arbeitszeitverkürzung aufzuzeigen, wie Hans Baumgartner, Zentralsekretär der Gewerkschaft Verkauf, Handel, Transport, Lebensmittel (VHTL) sagte. 80, 90 und mehr Einsatzstunden pro Woche seien auf langen Reisen keine Ausnahme.
Da weder die Wirtschaft, die Lastwagen-Unternehmer, noch die Kontrollorgane die Lage auf ein vertretbares Mass entschärfen könnten, liege es in der Verantwortung der Gewerkschaften, die Regulierung der Arbeitszeit zu erzwingen.
SGB-Zentralsekretärin Regula Rytz wies darauf hin, dass in der Schweiz im Vergleich zu Dänemark, Luxemburg oder Norwegen 2,7 bis 3,6 Stunden länger gearbeitet werde. Die Schweiz kenne allerdings nicht nur hohe reguläre Arbeitszeiten. Es müssten auch immer mehr Überstunden geleistet werden, ohne dass diese durch Lohn- oder Zeitzuschlag entschädigt würden.
Eine Verkürzung der Arbeitszeit habe in den letzten Jahren nur über Teilzeitarbeit stattgefunden. Diese führe aber zu einer Verminderung der sozialen Sicherheit und habe entsprechend einen hohen Preis.
«Arbeitszeit-Diktat»
Der Schweizerische Arbeitgeberverband bezeichnete die Initiative als unerwünschten Eingriff in das Selbstbestimmungs-Recht der Arbeitnehmer. Den Initianten sei der Lastwagenunfall im Gotthard-Strassentunnel gerade recht gekommen, um ihre Forderungen zu stützen. Die Verkürzung der Arbeitszeit in Schweizer Betrieben sei aber wenig hilfreich, wenn türkische Chauffeure in der Schweiz übermüdet am Steuer sässen.
Auch ein breit abgestütztes bürgerliches Komitee von rund 150 Parlaments-Mitgliedern aus CVP, SVP, LPS und EVP wehrt sich gegen die Vorlage. Ein solches «Arbeitszeit-Diktat» würde Wohlstand, Sicherheit und Freiheit vermindern, teilte das Komitee mit.
Mit einer starren staatlichen Regelung der Arbeitszeit würden alle ärmer und der Wohlstand der Schweiz ginge zurück, hält das Komitee fest. Denn eine gewerkschaftlich verordnete 36-Stunden-Woche ohne entsprechende Lohnreduktion erhöhe die Produktionskosten, was wiederum den Wirtschaftstandort schwäche.
Die Initiative widerspreche insgesamt den effektiven Bedürfnissen der Arbeitnehmerschaft. Der Trend gehe in Richtung einer Flexibilisierung der Arbeitszeit.
swissinfo und Agenturen
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