Airline: Streik in Genf?
Milliarden von Franken fliessen in eine neue Schweizer Airline. Für die Sozialpläne der Entlassenen fehlt das Geld. Jetzt wollen die Genfer Swissair-Angestellten streiken.
Die Entscheidung, ob in Genf tatsächlich die Arbeit niedergelegt wird, wollen die Betroffenen heute Montag fällen. Sie stehen dabei unter massivem Druck. Selbst Daniel Vischer, der Präsident der Sektion Luftfahrt in der Gewerkschaft VPOD bezeichnete die Streikdrohung als «schlechten Witz».
In einem gemeinsamen Communiqué vom letzten Freitag verurteilten VPOD-Verantwortliche aus sämtlichen Kantonen der Westschweiz – ausser Fribourg – die Aussagen von Fischer.
Man sprach von der tiefen Verachtung für einen demokratsich gefällten Entscheid durch eine Versammlung der ehemaligen SAirGroup-Angestellten. Das sei absolut inakzeptabel. Vielmehr müssten neben Genf-Cointrin auch an andern Flughäfen Streiks organisiert werden.
«Nachrangige Angelegenheit»
Bislang sind in der Schweiz 4’500 Angestellte der Swissair, die sich in Nachlass-Stundung befindet, entlassen worden. Das Geld für einen Sozialplan fehlt.
Weder Bund noch Banken wollen die Kosten – geschätzte 700 Mio. Franken -vorschiessen. Für die Betroffenen ist die Swissair-Liquidation eine deprimierende Erfahrung. Denn die Interessen des Personals werden als «nachrangige Angelegenheit» behandelt.
Im Klartext heisst das, wenn die Liquidation abgeschlossen ist, wird man in zwei, drei Jahren sehen, wie viel Geld für die Forderungen aus dem Sozialplan noch vorhanden ist.
Die Schweizer Regierung sei natürlich betroffen von den Entlassungen und den daraus folgenden sozialen Problemen, sagte der Schweizer Finanzminister Kaspar Villiger.
Bundespräsident und Verkehrs- und Energie-Minister Moritz Leuenberger findet, Geld für die Sozialpläne müsse nicht der Staat zur Verfügung stellen und verweist auf die Arbeitslosen-Versicherung. Der Bund übernimmt bis Ende Jahr die Differenz zwischen der ausbezahlten Versicherungs-Summe und dem vollen Gehalt.
Streik liesse Airline-Projekt scheitern
Ein Streik, über den die Swissair-Gewerkschaften der Romandie noch am Montag abstimmen wollen, würde das Projekt einer neuen Schweizer Fluggesellschaft scheitern lassen, sagte Crossair-Chef André Dosé in einem Interview der Zeitung «Le Matin dimanche».
Der Businessplan könne nicht umgesetzt werden, wenn Artikel 333 des Schweizerischen Obligationen-Rechts angewendet werde. Dieser scheibt nämlich vor, dass die gegenüber der Crossair höheren Swissair-Löhne während eines Jahres ausbezahlt werden müssen. Damit hätten die nicht entlassenen Angestellten Anrecht auf den «alten» Lohn, der eben bei der Swissair höher war, als er es nun bei der Crossair ist.
Auch Jean-Luc Nordmann, der Direktor für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft (seco), setzt die streikwilligen Genfer unter Druck: «Ein Streik wäre der Tod der neuen Airline.» Die Kampfmassnahme würde ein erneutes Grounding der Flotte provozieren.
Das Swissair-Personal macht sich aber nicht nur Gedanken über einen allfälligen Streik, sondern fordert auch eine zufrieden stellende Lösunge für jene Swissair-Angestellten, die in den Jahren 1996 und 1998 vorzeitig in Pension geschickt wurden und nun keine Rentenzahlungen mehr erhalten.
swissinfo und Agenturen
Forderung nach weiteren 200 Millionen
Die Gewerkschaften VPOD Luftverkehr, SKV und PUSH haben derweil am Montag weitere Forderungen erhoben: Mindestens weitere 200 Mio. Franken sollen für die Sozialkosten des Bodenpersonals aller Swissair-Group-Betriebe bereit gestellt werden. Mehrere hundert Personen stimmten bei einer Protest-Veranstaltung einer entsprechenden Resolution ohne Gegenstimme zu.
100 Mio. Franken sollen in die flugnahen Betriebe fliessen, die nicht in Nachlass-Stundung stehen, die andern 100 Mio. in jene, die in der Nachlass-Stundung stehen. Die Forderung wurde ultimativ erhoben: Bis zum 15. November wird in der Resolution eine Antwort gefordert.
Die Resolution richtet sich namentlich an den Chef der Eidgenösischen Finanzverwaltung, Peter Siegenthaler, an Nestlé-Verwaltungsrat Rainer E. Gut, UBS-Präsident Marcel Ospel und Crossair-Präsident Moritz Sutter, aber auch an den Bundesrat.
swissinfo und Agenturen
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