Airolo: Verluste vs. Chancen
Airolo ist nicht nur Transitdorf am Fuss des Gotthards. Es ist auch Wintersportort. Nach dem Brand im Gotthard befürchtet das Dorf Verluste, sieht aber auch Chancen.
Die Anlagen von Pesciüm und Lüina locken Skifahrer von beiden Seiten des Bergs: Airolo bietet Wintertouristen zwei Luftseilbahnen, einen Sessellift, drei Skilifte, 30 km Pisten und rund 200 Hotelzimmer. Pro Saison werden zwischen 110’000 und 120’000 Touristen gezählt. Die meisten von ihnen sind Tagesausflügler, rund die Hälfte kommt aus dem Norden.
Falls nach der Brandkatastrophe der Gotthardtunnel in den Wintermonaten geschlossen bleibt, dürften viele ausbleiben. Livio Lombardi, Bergbauer, CVP-Politiker und Verwaltungsratsdelegierter der Skianlagen-Gesellschaft «Funivia del Gottardo», befürchtet Verluste – und dies in schwierigen Zeiten.
Der Gesellschaft steht nach mageren Jahren eine finanzielle Sanierung bevor. Die Banken und die Aktionäre haben den Sanierungsplan bereits verabschiedet, die Zustimmung des Kantons steht noch aus. Eine schlechte Saison könnte schwerwiegende Folgen haben.
Tourismus als wichtige Einnahmequelle
Der Tourismus sei die Zukunft der Region, ist Lombardi überzeugt. Früher seien die Arbeitsplätze des Bundes im Zentrum gestanden. In den letzten Jahren habe es jedoch einen stetigen Stellenabbau gegeben, etwa bei der Bahn und beim Militär. Kleine Bahnhöfe sind ausser Betrieb, der Militärflugplatz im nahegelegenen Piotta wurde geschlossen.
Angesichts der Bedeutung des Tourismus wird das Unglück im Gotthardtunnel einerseits zur Bedrohung. Andererseits wittern aber die Unternehmer auch eine Chance: Airolo war in den vergangenen Tagen von Journalisten aus ganz Europa belagert – eine Gelegenheit für Geschäftsleute, auf die Attraktionen der Region sowie deren Probleme aufmerksam zu machen.
Hanspeter Bonetti als Mitinhaber des Gastbetriebs auf dem Gotthard Pass betont, dass das Gasthaus wegen des Unglücks mindestens bis Ende November geöffnet sein werde. Der Urner Rolf Albertin preist seinen Kutschenbetrieb zwischen Andermatt und Airolo an.
Solidarität und Verkehrsmassnahmen
Und alle sind sich einig, dass die Region der oberen Leventina nun die Solidarität und Unterstützung des ganzen Landes verdiene. Es brauche keine Milliarden wie bei der Swissair, witzeln sie. Aber es brauche eine «vernünftige Politik».
Die vor einem Jahr gegründete «Task Force Gottardo» setzt sich für eine Aufwertung der Region ein und will die Abwanderung bekämpfen. Kurzfristig müsse die Passstrasse wintersicher gemacht werden, fordert Task-Force-Mitglied Hanspeter Bonetti nun. Und langfristig brauche es eine zweite Röhre am Gotthard.
Das Brandunglück habe gezeigt, dass die Hauptverkehrs-Achse überlastet sei. Dass bisher kein so schweres Unglück geschehen sei, grenze an ein Wunder. Es sei zu hoffen, dass die Tragödie nun wenigstens etwas bewirke. Jede Krise berge schliesslich Chancen.
swissinfo und Charlotte Walser (sda)
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