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Alles wird Gut

Rainer E. Gut während der General-Versammlung der Nestlé am 5. April 2001. Keystone Archive

Rainer E. Gut ist seit Montagabend Leiter des Steuerungs-Ausschusses der neuen Schweizer Airline. Eine überraschende Wahl - denn Gut ist in das Swissair-Debakel mitverwickelt.

Nach langem Verhandlungs-Poker sassen sie am Montag-Abend vor den versammelten Medien in Bern am selben Tisch: Marcel Ospel von der UBS, der Zürcher Regierungsrat Rudolf Jeker sowie die drei Bundesräte Kaspar Villiger, Moritz Leuenberger und Pascal Couchepin. Und rechts von diesem sass eine Person, die man nicht unbedingt erwartet hätte: Rainer E. Gut, Verwaltungsrats-Präsident bei Nestlé.

Die staunende Öffentlichkeit erfuhr, dass Rainer E. Gut zum Leiter des so genannten «Steering Committee» ernannt worden sei. Der Ausschuss soll die «Geburt» der neuen Schweizer Airline überwachen. Rainer E. Gut ist damit der wichtigste Mann bei der Umsetzung des Riesen-Projekts, welches sich der Bund und damit die Schweizer Steuerzahler über 2 Mrd. Franken kosten lassen.

Kein unbeschriebenes Blatt

Die Wahl Rainer E. Guts ist deshalb erstaunlich, weil der Nestlé-Mann zumindest indirekt in das Swissair-Debakel involviert ist: Bis im Mai 1995 sass Gut im Verwaltungsrat der SairGroup. Er vertrat dabei die Interessen der Credit Suisse Group (CSG), die er damals präsidierte.

Gut war dabei, als Ende 1993 das Projekt Alcazar – ein Zusammenschluss von Swissair, KLM, SAS und AUA – scheiterte. Schuld daran war unter anderem die Arroganz der Swissair-Delegation. René Lüchinger, ein intimer Kenner der Schweizer Luftfahrt, schrieb am 1. August in der «Bilanz», Gut habe bei den Alcazar-Verhandlungen einen «aggressiven und kompromisslosen» Verhandlungsstil gepflegt.

Nachdem Alcazar gescheitert war, begann unter Rainer E. Guts Augen die folgenschwere enge Zusammenarbeit der Swissair mit der belgischen Sabena. Ebenfalls zur Zeit Guts kam die führungsmässige Zusammenfassung des Swissair-Airline-Geschäfts unter der Leitung von Philippe Bruggisser zustande, dem späteren Vollstrecker der fatalen Hunter-Strategie.

Was wohl mancher denkt, spricht der Aviatik-Spezialist Sepp Moser gegenüber swissinfo offen aus: Die Ernennung Rainer E. Guts sei unverständlich. Gut habe als Verwaltungsrat bei der Swissair lange als treibende Kraft gewirkt und sei damit einer der Hauptverantwortlichen für das heutige Debakel.

Eine Mauer des Schweigens

Wer hat Rainer E. Gut in sein verantwortungsvolles Amt gehoben? Und: Wie kam dieser Entscheid zustande? swissinfo fragte bei den beiden Gross-Investoren Credit Suisse und UBS nach. UBS-Sprecher Christoph Meier vermag nicht zu sagen, wer Gut ernannt hat. Er geniesse jedoch das Vertrauen der Bank.

Ähnlich unverbindlich die Auskunft von CSG-Sprecherin Regula Arrigoni: Rainer E. Gut sei eine Persönlichkeit, die in Wirtschaft und Politik über eine grosse Akzeptanz verfüge. Auf die Frage betreffend Guts Verquickung mit dem Swissair-Debakel – kein Kommentar sondern der Hinweis, dass Gut in der Vergangenheit sein Engagement für die Schweiz deutlich unter Beweis gestellt habe.

Tatsächlich: Der heute 69-jährige Gut war es, der während der heiklen und langwierigen Auseinandersetzungen der Schweiz um die Holocaust-Gelder in einer zunehmend verfahrenen Situation die richtigen Worte fand. Als erster Chef einer Schweizer Grossbank trat er auf eine Globallösung ein. Zudem verblüffte Gut im Sommer 1997 die Amerikaner, als er vor dem National Press Club in Washington mit einer selbstkritischen Beurteilung der Rolle der Banken und der Schweiz im Zweiten Weltkrieg aufwartete.

Etwas gesprächiger als die CSG-Sprecherin gibt sich Andreas Hugi, persönlicher Mitarbeiter von Ruedi Jeker, dem Zürcher Volkswirtschafts-Direktor. Er ist als Vertreter der Kantone Mitglied des «Steering Committee». Rainer E. Gut, erklärt Hugi, habe in den letzten Tagen und Wochen als Nestlé-Vertreter immer wieder an Sitzungen teilgenommen, während derer an der Lösung des Swissair-Debakels gefeilt wurde. Gut habe eine Art Doyen-Funktion übernommen.

Da Gut über die notwendigen Netzwerke verfüge, sei er irgendwann angefragt worden. Genauere Auskunft könne möglicherweise der Bund geben.

Fehlanzeige. Die Kommunikations-Abteilung des Eidgenössischen Finanz-Departements gibt sich nicht eben kommunikativ: Es sei an der Medienkonferenz am Montagabend alles gesagt worden, was es zu sagen gebe. Im übrigen habe der frisch gebackene «Steering Committee»-Chef ausdrücklich gesagt, dass zu seiner Ernennung keine weiteren Informationen erhältlich seien. Ende der Durchsage.

Ähnlich schliesslich die Auskunft bei Nestlé: Herr Gut wünsche ungestört seine Arbeit anzugehen.

Unrettbares Projekt

Die Ernennung des ehemaligen Swissair-Mannes Rainer E. Gut und die um ihn errichtete Mauer des Schweigens sind problematisch. Das sagt Franz Jaeger, Wirtschafts-Professor an der Universität St. Gallen, gegenüber swissinfo. Und: «Es ist bekannt, dass Rainer E. Gut als Steuermann höchst umstritten ist. Auch ich möchte grundsätzlich lieber jemand anderen.»

Jaeger plädiert jedoch dafür, Gut zunächst einmal seine Arbeit beginnen zu lassen. Die Erfolgschancen des neuen Airline-Projekts seien jedoch äusserst gering: «Herr Gut wird diese Sache nicht retten können.» Das könne niemand. «Bei diesem Projekt hat die Nostalgie und der Heimatschutz über die liberale Grundhaltung obsiegt.» Der Montag, als der Bundesrat die Lancierung der neuen Airline bekannt gab, sei einer der schwärzesten Tage gewesen, die er als Ökonom je erlebt habe, betont Jaeger.

Felix Münger

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