Ausverkauf und Panikwelle
Das Börsengewitter hat sich am Mittwoch verstärkt fortgesetzt. An den europäischen Aktienmärkten regierte nach den schweren Kursverlusten in den vergangenen Tagen die Angst.
Die Märkte brachen im Handelsverlauf europaweit ein. Zeitweise stark betroffen war die Schweizer Börse. Sie musste am Mittwoch während des Handels vergleichsweise bittere Einbussen hinnehmen.
In den letzten Handelsminuten vor Börsenschluss war dennoch eine Erholung feststellbar. Der SMI schloss nach einem hektischen Handelstag knapp im Minus.
Das Börsenbarometer SMI ging 0,45% tiefer bei 4607,8 Punkten aus dem Handel. Einzig Nestlé, Novartis und UBS schlossen im Plus. Der breiter gefasste SPI verlor 0,87% auf 3233,79 Zähler. Die Verkaufswelle riss im Handelsverlauf Titel aller Branchen mit sich.
Am frühen Nachmittag sank der SMI erstmals seit Februar 1997 unter die psychologsich wichtige Marke von 4400 Punkten. Dies nachdem der SMI schon am Vormittag die Schwelle von 4500 Zählern unterschritten hatte.
ABB, Adecco und Serono unter Druck
Besonders betroffen waren neben den seit Tagen gebeutelten Versicherungen ABB, Adecco und Serono. Die drei Unternehmen hatten am Mittwoch enttäuschende Halbjahreszahlen vorgelegt.
ABB verlor bis Handelsschluss 19,45% auf 8,78 Franken. Zeitweise waren die Titel für 6,4 Franken zu haben. Adecco büsste 14,39% auf 60,7 Franken ein, und Serono verlor 18,94% auf 689 Franken.
Die Versicherungen standen erneut unter sehr starkem Druck. Zurich Financial Services sackte um 20,13% auf 125 Franken ab und führte damit die Verliererliste der SMI-Titel an. Die Rentenanstalt liess 9,31% auf 190 Franken nach, und die Swiss Re schloss unverändert bei 108 Franken. Die Bâloise hielt sich mit 78 Franken ebenfalls auf Vortagesniveau. Die UBS schwächte sich 0,79% auf 57,25 Franken ab, und die Credit Suisse Group verlor 6,82% auf 28,7 Franken.
Der Handelstag war am Mittwoch hektisch. Ein Frankfurter Händler sprach von einem «regelrechten Ausverkauf». Die Hoffnungen richteten sich auf die US-Börsen.
Dow Jones nach oben geschnellt
Die Wall Street verbuchte am Mittwoch nach monatelanger Talfahrt dramatische Kursgewinne. Der Dow-Jones-Index schoss um 492,69 Zähler oder 6,35% auf 8195,03 Punkte in die Höhe. Das war einer der stärksten eintägigen Kursaufschläge, die das bekannteste US-Börsenbarometer je erlebt hat.
Der technologielastige NASDAQ-Index legte ebenfalls massiv um 60,96 Zähler oder 4,96% auf 1290,01 Punkte zu. Der breit gefasste S&P-500-Index, in dem sich die Kursentwicklung der Aktien der 500 wichtigsten US-Unternehmen widerspiegelt, festigte sich drastisch um 46,06 Zähler oder 5,77% auf 843,76 Punkte.
Die Anleger und Händler reagierten mit massiven Käufen auf die Festnahme von drei Mitgliedern der Rigas-Familie und zwei anderen Managern der US-Firma Adelphia. Die Rigas-Familie soll den sechstgrößten amerikanischen Kabelfernseh-Konzern Adelphia wie ihr eigenes Sparschwein ausgeplündert haben, hiess es in New York.
Katzenjammer an EU-Börsen
Auch an anderen europäischen Börsen wurden starke Abschläge verzeichnet: Der Deutsche Aktienindex DAX sank bis 17.30 Uhr um 1,4%. Im Handelsverlauf verlor der DAX bis zu 7% und stand so tief wie seit April 1997 nicht mehr.
Das britische Börsenbarometer FTSE verlor 2,47%. Die Pariser Börse fiel im Tagesverlauf auf den niedrigsten Stand seit Oktober 1998. In Amsterdam, Madrid und Mailand waren ebenfalls deutliche Einbussen hinzunehmen.
Die Märkte in Europa spürten auch die schlechten Vorgaben aus Asien: Die asiatische Leitbörse in Tokio hatte ebenfalls mit deutlichen Verlusten geschlossen. Der Nikkei-Index sank erstmals seit Februar wieder unter die Marke von 10’000 Punkten und ging um 2,62% tiefer aus dem Handel.
Reinigendes Gewitter
An der pan-europäischen Börse Virt-x sind seit Anfang Jahr 220 Mrd. Franken Buchwerte verloren gegangen. Der Swiss Market Index (SMI) hat im gleichen Zeitraum 31% verloren und war am Mittwoch auf dem Stand von 1997.
Allein in den letzten vier Wochen hat der SMI, der die Kurse der 27 höchstkapitalisierten Schweizer Unternehmen an der Börse Virt-x misst, 23% verloren. Ende letzten Jahres betrug die Börsen-Kapitalisierung dieser Unternehmen 777,8 Mrd. Franken, am Mittwoch waren es noch 558 Mrd. Franken.
Rund 220 Mrd. Franken wurden also allein an der Virt-x vernichtet – Buchverluste allerdings, die dem Anleger nicht schaden, solange er sein Aktienportefeuille nicht leert, die Verluste also nicht realisiert.
Der Swiss Performance Index (SPI) misst die Börsenbefindlichkeit von rund 280 Unternehmen. Ende Dezember betrug die Markt-Kapitalisierung 859,5 Mrd. Franken – inzwischen sind die Kurse um 26,2% zurückgegangen.
swissinfo und Agenturen
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