Die Zukunft über den Wolken
Die Berufsbezeichnung hat sich geändert: von Stewardess zu Flight Attendant. Neben Arbeitsabläufen und Flugrouten ändert sich nun auch der Arbeitgeber.
Die Zeit der zehntägigen Rotationen von Zürich via Genf nach Dakar und schliesslich Rio de Janeiro und wieder retour – überall mit bis zu mehreren Übernachtungen – ist vorbei. Auch mehrwöchige Asien-Flüge sind passé. Heute fliegt Patricia Lardi nach New York. Der Aufenthalt im Big Apple dauert keine 24 Stunden mehr.
Macht nichts – Zeiten und Bedürfnisse ändern sich. Das Privileg, New York in Weihnachtsdekorationen getaucht zu sehen, aber auch Ground Zero besuchen zu können, schätzt Patricia Lardi. Und sie ist sich ihres «wahnsinnigen Glücks» bewusst, dass sie das «einfach so» erleben kann.
New York, Ground Zero. Indirekt hat der 11. September auch ihr Leben verändert. Im Juli noch war sie in Hongkong mit Freundinnen wandern. «Die Welt war damals noch in Ordnung.» Wenige Monate später war alles anders. Fluggesellschaften kämpften ums Überleben. Die Swissair ging zu Grunde.
Tränen fliessen auch in Uniform
Seither rasen die Gefühle Achterbahn. Im Oktober sei die Belastung am grössten gewesen, blickt Patricia Lardi zurück. Man wusste nicht, wer entlassen wird. Sie erfuhr es in Accra. Eine Kollegin las laut ein SMS vor. Sagte, dass die dienstjüngeren Flight Attendants (F/A) den blauen Brief erhalten werden. Niemand verstand erst, weshalb eine ganz junge F/A plötzlich zu weinen anfing – Erleichterung und Enttäuschung in der gleichen Besatzung.
Patricia Lardi wurde 1973 Stewardess, hatte nach 8 Jahren «die Nase voll», arbeitete am Boden und wechselte später als Chefarztsekretärin in ein Spital. Zwei Jahre war sie fern der Fliegerei. «Dann habe ich gemerkt: Der Flughafen ist doch noch mein Leben.» Nach Feierabend fuhr sie nach Kloten, «um diese Luft zu schnuppern».
So stieg sie wieder ein und liebt ihren Beruf. «Je älter ich werde, desto mehr faszinieren mich die Passagiere.» Mit 20 habe sie noch nicht gemerkt, was diese bedrücke. Heute geniesse sie die Gespräche mit ihnen, erzählt die 49-Jährige. Und in der First Class, ihrem Reich, hat sie auch Gelegenheit dazu. Und es sind vor allem «ihre» Passagiere, die der Swissair am meisten nachtrauern, ist ihre Beobachtung.
«Es tut weh»
Getrauert wird in den Flugzeugen viel und oft. Die nichtexistente Zukunft der Swissair ist Hauptgesprächsthema der Crews. Liest man in einer Pause eine Zeitung, dann steht auch da bestimmt etwas über die Swissair. Nach jedem Flug werden vor den Flugzeugen Fotos gemacht, «denn niemand weiss: War das mein letzter Flug?».
Und immer wieder der Oktober, das Grounding. Damals ging es Patricia Lardi am schlechtesten. » Ich hielt es nicht für möglich, dass die Swissair jetzt einfach gestorben ist.» Erst hatte sie es nicht geglaubt, dann musste sie einsehen, dass es doch so ist, «und das tut wahnsinnig weh».
«Ich habe auch davon geträumt. Davon, dass ich schon bei der Crossair arbeite.» Was für sie eigentlich kein Problem ist. «Klar möchte ich nach wie vor für die Swissair arbeiten. Doch ich weiss, dass das nicht möglich ist. Und ich bin positiv eingestellt.»
Eine negative Einstellung würde ja doch nichts ändern. Die Löhne seien ähnlich, der Plafond hingegen nicht. So stellen sich doch einige Fragen. Die nach dem Pensionierungs-Modell zum Beispiel, so es denn bei der Neuen Airline eines gibt. Sie würde gerne als F/A pensioniert werden. Bei der Swissair wäre das mit 57 Jahren möglich gewesen. «Aber jetzt weiss ich ja nicht, ob ich mit 63 oder 64 pensioniert werde. Fliegen bis dann – nein! Das sicher nicht.»
«we are swissair»
Und so wartet sie ab, trägt die Ungewissheit vordergründig mit Leichtigkeit. Ungewiss ist vieles. Der 13. Januar zum Beispiel. Stimmen die Zürcher und Zürcherinnen dem 300-Millionen-Zustupf für die Neue Airline nicht zu, ist auch Patricia Lardis fliegende Zukunft gegroundet – wahrscheinlich.
Ungewissheit ist immer gepaart mit Hoffnung. Im Fall von Patricia Lardi ist der Hoffnungsschimmer sehr realistisch gefärbt, sehr bescheiden: «Ich hoffe, dass der Name der New Airline mit dem alten Namen etwas gemeinsam haben wird.» Und ihr Neujahrswunsch ist: «Dass ich weiterfliegen kann».
Aber die Enttäuschung bricht ab und an wieder durch. Wie konnte so etwas nur geschehen? An ihrem Auto leuchtet ein Kleber mit der Aufschrift «we are swissair». «Wir stehen noch zu dieser Airline, obwohl sie schon tot ist.»
Rebecca Vermot
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