Ein Drittel der Bauern chancenlos
In der Schweiz ist rund ein Drittel der Bauernbetriebe längerfristig nicht überlebensfähig. Die Einkommens-Schwankungen haben zugenommen.
Der Strukturwandel in der schweizerischen Landwirtschaft ist auch mit der neuen Agrarpolitik nicht aufzuhalten. Die im Vergleich zu früher weniger regulierten Märkte bewirken im Gegenteil noch ein stärkeres Auf und Ab der Preise.
Das Jahr 2000 beispielsweise war laut dem jüngsten Agrarbericht des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) besser als das Jahr 1999. Die Erlöse der Bauern fielen um 344 Mio. Franken oder rund fünf Prozent höher aus als im Vorjahr.
Damit war das Jahr 2000 für die Schweizer Landwirtschaft allgemein ein gutes Jahr, wie Manfred Bötsch, Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft, am Montag sagte.
Für das laufende Jahr sieht die Situation aber wieder deutlich ungünstiger aus. Die Schätzungen gehen von einem mit 1999 vergleichbaren wirtschaftlichen Ergebnis aus. Hinter diesen Durchschnittswerten verbergen sich jedoch beträchtliche statistische Schwankungen.
Mehr Ausgaben als Einahmen
So haben die Landwirtschafts-Betriebe mit den besten Ergebnissen (oberstes Viertel) für ihren Lebensunterhalt mehr als doppelt so viel verdient wie die Betriebe mit den schlechtesten Ergebnissen (unterstes Viertel).
Der Privatverbrauch der Betriebe im untersten Viertel betrug im Durchschnitt der Jahre 1998/2000 rund 51’000 Franken. Allerdings: Das Gesamteinkommen dieser Bauern-Haushalte reichte nicht einmal zur Deckung des Privatverbrauchs. Um leben zu können, mussten diese Betriebe auf Erspartes zurückgreifen, wodurch ihnen laut BLW Mittel zur Finanzierung von Ersatz- und Neuinvestitionen fehlten.
Der Anteil der Betriebe mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist gegenüber den 90er-Jahren insgesamt grösser geworden. Im Jahr 2000 existierten noch 70’537 Bauernbetriebe, das waren 28’200 Betriebe weniger als 1985.
Die Betriebsentwicklung hat zudem gezeigt, dass eine Verschiebung in Richtung grösserer Betriebe stattgefunden hat. Das Verhältnis zwischen Haupt- und Nebenerwerbsbetrieben lag konstant bei 70 zu 30 Prozent. Die Haupterwerbsbetriebe befanden sich sowohl 1990 als auch im Berichtsjahr zu rund der Hälfte in der Talregion und zu je einem Viertel in der Hügel- und Bergregion.
Grossen Schwankungen – insgesamt aber auf Kurs
Das BLW kommt zum Schluss, dass die Landwirtschaft mit der neuen Agrarpolitik im Marktbereich grösseren Schwankungen ausgesetzt, insgesamt aber auf Kurs sei. Die Neuorientierung habe nicht zu einem Bruch der Entwicklung geführt. Und die Rahmenbedingungen erlaubten es ökonomisch und ökologisch leistungsfähigen Betrieben, den Vergleichslohn zu erreichen.
Bei rund einem Drittel der Betriebe dürften die finanziellen Mittel nicht zur längerfristigen Sicherung der betrieblichen Existenz ausreichen. Die Grosszahl der Betriebe sei aber in der Lage, ausreichend finanzielle Mittel zu erwirtschaften, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.
Bauern nicht unzufriedener als übrige Bevölkerung
Eine im Frühjahr 2001 durchgeführte repräsentative Befragung zur Befindlichkeit der landwirtschaftlichen Bevölkerung hat laut BLW trotz allem gezeigt, dass bezüglich der Einschätzung des allgemeinen Lebensstandardes die Zufriedenheit in der Landwirtschaft gleichhoch ist wie in der übrigen Bevölkerung.
Mit der Erwerbsarbeit, der Familie, der Gesundheit sowie der Aus- und Weiterbildung sind die Bauernfamilien sogar leicht zufriedener als der Rest der Bevölkerung. Weniger zufrieden sind sie jedoch mit ihrer Einkommenssituation, mit der Stabilität der Rahmenbedingungen und mit der Freizeit.
Ökoindikatoren auf Zielkurs
Die ökologischen Leistungen der Landwirtschaft haben gemäss Bericht stark zugenommen. 95 Prozent der Betriebe befolgen die Regeln der Integrierten Produktion (IP). Die Zahl der Biobetriebe nahm um 3 Prozent auf 4’900 zu. 8 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden jetzt biologisch bewirtschaftet.
51 Prozent der Tiere haben heute Auslauf, 23 Prozent werden in tierfreundlichen Laufställen gehalten. Die Zuwachsraten betragen dabei 14 beziehungsweise 17 Prozent. Im Jahr 2000 wurden 50 Prozent weniger Antibiotika eingesetzt als noch 1995. Per Saldo seien die Ökoindikatoren der Landwirtschaft auf Zielkurs, heisst es im Bericht.
Fleischimporte überprüfen
Der Bund gab im letzten Jahr 3,7 Mrd. Franken für die Landwirtschaft aus. Diese Ausgaben liegen nach der Sozialen Wohlfahrt, den Finanzen, dem Verkehr und dem Militär nach wie vor an fünfter Stelle. Sie machen 7,9 Prozent der Gesamtausgaben des Bundes aus und erreichten den tiefsten Wert der letzten Jahrzehnte.
Bauernverband fordert behutsames Reformtempo
Aus Sicht des Schweizerischen Bauernverbandes (SBV) ist es «gewagt», tel quel festzustellen, die Agrarpolitik sei auf Kurs und der Verfassungsauftrag könne erfüllt werden. Denn der Agrarbericht 2001 decke doch die zum Teil schwierige wirtschaftliche und soziale Lage der Bauernfamilien schonungslos auf.
Bei weiteren Reformschritten müsse sehr behutsam vorgegangen werden. Die Politik müsse ein Reformtempo anschlagen, dem die Bauernfamilien mit Zuversicht und Überzeugung folgen könnten, forderte der SBV.
swissinfo und Agenturen
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