Gewinneinbruch und Kurssturz
Die Aktie des schweizerisch-schwedischen Technologiekonzerns ABB ist drastisch eingebrochen. Dies nach einem starken Gewinnrückgang im ersten Halbjahr 2002.
Der Konzerngewinn fiel in den ersten sechs Monaten im Vergleich zur Vorjahresperiode um 62% auf 101 Mio. Dollar (rund 150 Mio. Franken). Der Betriebsgewinn vor Steuern und Zinsen (EBIT) sei um 41% auf 368 Mio. Dollar zurückgegangen, teilte ABB am Mittwoch mit. Der Umsatz hat sich um 2% auf 10,9 Mrd. Dollar reduziert.
Damit lag ABB deutlich unter den Erwartungen von Analysten, die einen Reingewinn von 174 bis 227 Mio. Dollar und einen Betriebsgewinn zwischen 419 und 460 Mio. Dollar prognostiziert hatten.
Als Lichtblick entpuppte sich dagegen der Umsatz, der lediglich um 2% auf 10,9 Mrd. Dollar nachgab und damit leicht über den Schätzungen der Finanzgemeinde lag.
Crash an der Börse
Die Investoren reagierten auf die Halbjahreszahlen mit einer Verkaufswelle: An der insgesamt schwachen Börse in Zürich rauschte am Mittwoch die Aktie bisweilen um mehr als 40% auf 6,45 Franken in die Tiefe und schloss bei Handelsschluss 19,45% tiefer. Auch andere wichtige Blue-Chips gingen am Mittwoch in den freien Fall über, so verlor der Biotech-Konzern Serono bis Börsenschluss rund einen Fünftel an Wert, der Zürich Finanzkonzern gut 20%.
Keine Verbesserung zeigte sich am Donnerstag: In einem besseren Börsenumfeld verzeichneten als einzige Standardwerte ABB und Serono Verluste.
Sonderbelastungen schlagen durch
Verantwortlich für den Gewinneinbruch sind Restrukturierungskosten, Abschreibungen und «einmalige Belastungen» von insgesamt 185 Mio. Dollar. Für Umstrukturierungen seien im ersten Halbjahr 106 Mio. aufgewendet worden, hiess es.
Damit habe das im letzten Juli angekündigte Restrukturierungs-Programm bislang 337 Mio. Dollar der geplanten 500 Mio. Dollar gekostet, sagte ABB-Chef Jörgen Centerman an einer Telefonkonferenz. Seither hat ABB 10’900 Stellen gestrichen.
Ende Juni 2002 beschäftigte der Konzern weltweit noch knapp 150’000 Personen. Ende 2001 waren es noch über 156’000 Personen gewesen.
Mehr Asbestklagen
Belastet wurde das Ergebnis unter anderem auch durch die Asbestklagen in den USA gegen die ABB-Tochter Combustion Engineering, die in den 70er Jahren Krebs erregendes Asbest in Heizkesseln verbaut hatte.
Bis Ende Juni hatte die Zahl der Asbest-Klagen in den USA auf 102’700 zugenommen (93’500 Ende 2001). In der ersten Jahreshälfte seien 29’500 neue Klagen eingereicht worden, so ABB.
In über 20’000 Fällen konnte der Konzern eine Einigung erzielen, davon in über 40% ohne eine Entschädigung zu bezahlen. Die Beilegungskosten vor Versicherungs-Rückzahlungen seien gegenüber dem zweiten Semester 2001 von 69 Mio. auf 107 Mio. Dollar gestiegen.
Rückgang bei Aufträgen
Der Auftragseingang lag mit 11,9 Mrd. Dollar um 6% niedriger als in der Vergleichszeit 2001. Im zweiten Quartal dieses Jahres konnte jedoch wieder ein Anstieg bei Aufträgen und Umsatz registriert werden, betonte Konzern-Chef Jörgen Centerman.
Für das Gesamtjahr 2002 hält er daher seine Prognosen aufrecht und rechnet nach einem stärkeren zweiten Halbjahr mit einem Umsatz auf Vorjahreshöhe und einer Marge beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern von 4 bis 5%. Diese soll bis 2005 auf 9 bis 10% steigen.
Höhere Schulden
Die Nettoverschuldung stieg von 4,1 auf 5,2 Mrd. Dollar. Sie soll jedoch im Jahresverlauf um mindestens 1,5 Mrd. Dollar abgebaut werden. Dazu sollen auch Verkäufe von Teilbereichen beitragen.
Im zweiten Quartal 2002 hatte der Konzern das schwedische Immobilien-Portfolio veräussert. Im dritten Quartal soll die Finanzsparte folgen. Angekündigt wurde auch bereits der Verkauf der Gebäudetechnik.
ABB erhält Grossauftrag in Russland
Noch vor zwei Tagen hatte ABB positiv von sich reden gemacht: Der Konzern teilte mit, er habe einen Grossauftrag über 987 Mio. Dollar erhalten. ABB soll Verarbeitungs-Anlagen für die Erdöl- und Erdgasvorkommen sowie Hilfsanlagen auf der russischen Insel Sachalin im Ochotskischen Meer bauen.
Den Hauptteil der Projektarbeiten werde ABB allerdings an russische Unternehmen vergeben und in Zusammenarbeit mit Exxon Neftegas lokale Unterlieferanten bestimmen. Der Start der Ölproduktion ist für 2005 geplant.
Das Projekt Sachalin 1 ist gemäss den Angaben das grösste ausländische Direktinvestitions-Projekt in Russland und hat regenerierbare Ressourcen von rund 2,3 Mrd. Fass Öl und 17 Billionen Kubikfuss Gas.
swissinfo und Agenturen
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