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«Ich war fast ein Ketzer»

Roger Viazzoli: Nach 20 Jahren hiess es, per sofort Schlüssel und Ausweise abgeben. Das ist hart. swissinfo.ch

Zwanzig Jahre lang arbeitete Roger Viazzoli (50) im Schichtbetrieb bei der SAirgroup-Tochter Cargologic AG. Dann kam die Kündigung: per 31. Oktober 2001 wurde er entlassen.

Ein Dezembertag. Die Journalistin trifft sich mit dem entlassenen Roger Viazzoli. Es ist als hätte ein Regisseur ein Stück inszeniert. Das Bühnenbild bestehend aus Winter, grauem Hochnebel und der Autobahnraststätte Kempthal scheint perfekt dem Stück angepasst: Die Entlassung eines Cargologic-Angestellten.

Doch es wird nicht gespielt, weder Klassiker noch Komödie, für die Entlassenen der SAir-Group ist das bittere Realität. Auch wenn die knallharten wirtschaftlichen Tatsachen manchmal durchaus theatrale Züge tragen.

Von der Mechanik zur Fracht

Ursprünglich absolvierte Roger Viazzoli eine Lehre als Auto-Elektriker. Später arbeitete er in der Firma seines Vaters, die sich auf die Herstellung von Infusionspumpen spezialisiert hatte. Im väterlichen Betrieb verfeinerte er sein Können und «lernte noch mehr über Elektronik, und die Unterschiede zwischen Feinmechanik und Grobmechanik».

Da sich die Firma seines Vaters in Neuchâtel befand, seine Familie aber in Zürich lebte, bewarb sich Viazzoli, der zeitraubenden Pendlerei überdrüssig, bei der Fracht im Flughafen Zürich. Und es gefiel ihm auf Anhieb. Die Welt schrieb das Jahr 1982, als Viazzoli auf einem Gabelstapler durch die riesigen Frachthallen fuhr.

«Doch damals ging es noch menschlich zu und her, es herrschte ein gutes Klima, die Swissair war ein sozialer Arbeitgeber. Auch heute wird im ganzen Frachtbetrieb noch viel von Hand gearbeitet, jedoch hat sich das Volumen erhöht, ebenso die Anzahl der zu beladenden Flugzeuge.»

Von der Halle ins Büro

Bald wollte Roger Viazzoli mehr. Zuerst nahm er die Hürde des Supervisors, das heisst, er wurde verantwortlich für eine ganze Gruppe. Später besuchte er, neben seiner Schichtarbeit, noch eine Handelsschule. «Das war eine harte Zeit. Das hiess zeitweise, dass ich morgens um sechs nach Hause kam, duschte, mir die Mappe unter den Arm klemmte und in die Schule ging».

Mit seinen Erfahrungen und einem Rucksack voller Weiterbildung gelang Roger Viazzoli anfangs der 90er Jahre der Sprung von der Frachthalle in die Büroetage. Hier lernte er die andere Seite des Frachtverkehrs kennen. Das heisst Papiere und Zolldokumente zusammenstellen, disponieren der Frachtgüter, die beste Auslastung wählen, flexibel sein.

Später wurde er noch zum Schichtleiter ernannt: «Das heisst, wenn ich ‚on duty‘ war, musste ich dafür sorgen, dass die ‚deadline‘ eingehalten wurde, musste Probleme lösen, zu den 20 bis 30 Angestellten schauen». Es war kein selbstverständlicher Aufstieg für einen wie Roger Viazzoli, der sich immer auch erlaubte seine Meinung zum Ausdruck zu bringen, Entscheide zu hinterfragen.

Von der Umstrukturierung zur Entlassung

In seiner langjährigen Anstellung erlebte er etliche Umstrukturierungen in der Firma. Einige davon hielt er für richtig und nötig, andere für teuer und uneffizient. Und als Mario Corti das erste Mal davon sprach, dass der SAirGroup ein steiniger Weg bevor stehe, «da wurde mir klar, dass die Situation nicht gut war und es wahrscheinlich zu einer Katastrophe kommen würde».

Roger Viazzoli, der sich seit längerem Gedanken über einen möglichen Berufswechsel machte, hatte anfänglich zu den ganzen Ereignissen eine gewisse Distanz. Auch der Schicksals-Tag des «Groundings» schien eine gewisse Logik inne zu haben. Diese Ansicht vertrat Viazoli ohne Hemmungen, was nicht gut ankam: «Ich war fast ein Ketzer». Einer der Gründe, glaubt er, der ihn schlussendlich auch den Job kostete.

Als Mitglied der Personalkommission hatte er auch Einblick in den Kriterienkatalog, der angewandt wurde, um die erste Tranche der Mitarbeitenden zu entlassen. Und nach diesen Kriterien hätte Roger Viazzoli, mit seinen Fähigkeiten, der langjährigen Betriebszugehörigkeit, verheiratet und auch noch sechsfacher Familienvater (zwei der Kinder bereits erwachsen) sicherlich nicht zu den Erstentlassenen gehören dürfen.

«Ich glaube, ich war einfach zu kritisch. Die Lebensschule bringt das mit sich. Man hinterfragt, versucht sich ein eigenes Bild zu machen, glaubt nicht alles», erzählt Roger Viazzoli. Kommt hinzu, dass ihm als Personalkommissionsmitglied eigentlich nur im Einverständnis mit den Personalverbänden hätte gekündigt werden dürfen. Davon konnte aber keine Rede sein, der Fall ist deshalb auch Gegenstand von juristischen Abklärungen.

Mit der Vergangenheit in die Zukunft

Der blaue Brief wurde ihm also trotzdem in die Hand gedrückt. Dass die Kündigungsfrist nicht eingehalten wurde, wenige Tage später von Freistellung die Rede war und alle Entlassenen per sofort Schlüssel und Ausweise abgeben mussten, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.

«Jetzt war ich das erste Mal wirklich geschockt. Diese Art und Weise machte mich betroffen. Das hätte ich nie erwartet. 20 Jahre gearbeitet und dann dies. Keine Zeit, sich von den Kollegen zu verabschieden. Eine Woche lang hatte ich echt Mühe. Dann galt es, wieder nach vorne zu schauen».

Roger Viazolli hat das Glück, dass sein familiäres Umfeld stimmt. Er sieht seine Zukunft als Selbständigerwerbender und macht nicht die Faust im Sack. Er will prozessieren, kämpft um seine Rechte, er sieht Licht am Ende des Tunnels.

Natürlich ist er immer noch interessiert, was mit der SAirGroup noch alles passiert. «20 Jahre wischt man nicht einfach so weg. Man hat so viele Leute kennen gelernt. Wahrscheinlich geht es einem Formel-Eins-Freak ähnlich. Es fehlt der Benzindampf, der Lärm, der ganze Esprit. Es fehlt, das mag blöde klingen, das Feeling».

Brigitta Javurek

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