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SAirGroup: Reaktionen von Vorsicht über Abwarten bis zu Bestürzung

Die Klarheit der SAirGroup-Verantwortlichen wird positiv beurteilt. Die Massnahmen allerdings stossen teilweise auf harte Kritik. Keystone

Auch nach der Neuausrichung sind rechtliche Schritte gegen die Verantwortlichen nicht vom Tisch. Hotelplan wehrt sich für die Marke "Balair". Während die Schweizer Gewerkschaften für den neuen Umbau Verständnis zeigen, sprechen ihre französischen Kollegen von einem "Schweizer Schlamassel".

Das Reise-Unternehmen Hotelplan ist verärgert: Man will an der Charter-Fluggesellschaft Balair festhalten. Den Plan, die Mittel-und Langstreckenflüge auf Crossair und Swissair zu verteilen, lehnt Hotelplan ab.

Hotelplan verlangt zudem, dass an der Marke «Balair» festgehalten wird. Der Name müsse bleiben, es sei schon viel Geld in das Marketing investiert worden. Hotelplan-Verantwortliche verwiesen auf einen Vertrag, der vor einem Jahr unterzeichnet wurde: Dabei wurde die Marke «Balair» für zehn Jahre garantiert.

Ein weiterer Vertrag regelt, dass Hotelplan bei Änderungen im Zusammenhang mit der Balair von der SAirGroup zu informieren ist. Zudem müsse die SAirGroup «adäquate Lösungen» anbieten.

Rechtliche Schritte weiterhin wahrscheinlich

Die Schweizer Eidgenossenschaft als Minderheitsaktionärin (2,9 Prozent) «bedauert den Substanzverlust bei der SAirGroup». Der Sprecher der zuständigen Ministeriums zeigte sich aber zuversichtlich, dass der Konzern wieder zum Erfolg zurück findet. Das Ergebnis der SAirGroup sei erwartungsgemäss schlecht ausgefallen, was den Bund als Minderheits-Aktionär direkt betreffe. Eine Arbeitsgruppe des Bundes kläre mögliche rechtliche Schritte mit Blick auf die Generalversammlung ab.

Für den Winterthurer Anwalt Hans-Jacob Heitz, Sprecher einer Schutzvereinigung der Kleinanleger, sind die strategischen Ziele Cortis überzeugend. Die Sonderprüfung gegen die Spitze des Flugkonzerns SAirGroup sei jedoch noch nicht vom Tisch. Insbesondere sei die Rolle der Banken bei der Sanierung der Finanzen zu prüfen.

Parteien uneins

Die sozialdemokratische Partei der Schweiz unterstützt diese Haltung: Die SP fordert ein gerichtliches Nachspiel für die bisher Verantwortlichen der SAirGroup. Die Partei werde sich dafür einsetze, dass dem Verwaltungsrat von den Aktionären der öffentlichen Hand an der Generalversammlung die Decharge verweigert werde, so die SP-Pressesprecherin.

Auch die SVP blickt zurück und spricht von einem «Resultat des Wirtschafts-Filzes». Die mit diesem Vorwurf zumindest mitgemeinte FDP weist jede Schuld von sich. Die Freisinnigen haben die Präsentation von Mario Corti «wohlwollend» aufgenommen. Es werde geschätzt, dass sich der Konzernchef nicht scheue, die unternehmerischen Probleme auf den Tisch zu legen, sagte die FDP-Generalsekretärin. Dieser Meinung ist auch die CVP. Allerdings sei der Verlust «erschreckend» hoch.

Sabena: Noch vieles offen

Die belgische Regierung regierte zurückhaltend auf die Ankündigung der SAirGroup, bis zum Sommer definitiv über die Zusammenarbeit mit der Sabena zu entscheiden. «Wir müssen hart arbeiten, damit Sabena wieder zu einer rentablen Gesellschaft wird», sagte Minister Rik Daems.

Personal «will Suppe nicht auslöffeln»

Daniel Vischer, Präsident der Gewerkschaft VPOD Sektion Luftfahrt, gibt sich zufrieden mit der neuen strategischen Ausrichtung. Er begrüsse das Festhalten an der Dualstrategie mit Fluggeschäft und flugverwandten Geschäften. Er sei beruhigt, dass die SAirGroup ihr Bodengeschäft mehrheitlich beibehalten wolle.

Skeptischer äusserte sich VPOD-Präsident Eric Decarro: «Das Personal hat nicht die Absicht, die Suppe auszulöffeln, die ihr die frühere SAir-Leitung eingebrockt hat». Er hege den Verdacht, dass die angekündigten Massnahmen nur den Interessen der Kapitalgeber entgegen kommen.

Die Gewerkschaft werde die Hände nicht in den Schoss legen. «Je nach Entwicklung der Dinge wird der VPOD nicht davor zurückschrecken, Kampfmassnahmen zu ergreifen.»

Französische Gewerkschafter: «Schlamassel»

Die Ankündigung der SAirGroup, sich von der französischen Air Littoral zu trennen und die Zukunft von AOM und Air Liberté vorläufig noch im Ungewissen zu lassen, hat bei den französischen Gewerkschaften wie eine Bombe eingeschlagen. «Wir haben schlechte Nachrichten erwartet, aber nicht in diesem Ausmass», erklärte Tierry Eydoux von der Pilotengewerkschaft SNPL bei Air Littoral.

Sein Gewerkschaftskollege bei der AOM, Jean Immediato, drückte sich auf Anfrage noch klarer aus: «Die Augen waren bei den Schweizern grösser als der Magen. Das Schweizer Abenteuer in Frankreich ist ein einziger Schlamassel.»

Es sei konsternierend, dass die SAirGroup Air Littoral sofort fallen lasse. Die Haltung des Schweizer Konzerns sei «unmoralisch und inakzeptabel». Die Gewerkschaften seien bereit, bis zum Schluss zu kämpfen, kündigte Immediato an.

Wirtschaftswelt reagiert verhalten

Der Handel mit der Aktie der SAirGroup an der Schweizer Börse ist am Montag ausgesetzt worden. Dies sei auf Antrag des SAirGroup-Konzerns geschehen, teilte die Börse mit.

Bei den Analysten stiess die Bilanz der Luftverkehrs-Holding auf Zurückhaltung. Die getätigten Verkäufe seien nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Von verschiedenen Seiten wurden zudem malngelnde Informationen bezüglich der Rekapitalisierung bemängelt.

Moody’s Investors Service stuft die SAirGroup herunter. Die Bewertung für die langfristigen Erfolgsaussichten senkt die Rating-Agentur von A3 auf Baa3, die kurzfristige Leistungsfähigkeit von P-2 auf P-3.

Grund der bereits Ende Januar angedeuteten Herabsetzung seien die mittelfristig erwarteten geringeren Einnahmen sowie der bedeutende Kapitalbedarf der SAirGroup im laufenden Jahr, teilte Moody’s am Montag mit. Zudem sei es dem Flugkonzern nicht gelungen, die Partner-Airlines auf Kurs zu bringen.

swissinfo und Agenturen

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