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«Wie sieht die Zukunft mit KI aus?», haben wir eine KI gefragt – ihre Antwort kann Angst machen

Eine Frau vor blau-grünem Hintergrund
«Zeige uns dein Gesicht!», haben wir die Google-KI Gemini gebeten. zVg

Es braucht ein paar Nachfragen, dann aber malt die Google-KI Gemini düstere Prognosen. Gespräch mit einem Sprachmodell.

Swissinfo: Führen wir ein Interview, in dem ich frage und du antwortest, wobei du dich kurzhältst. Ok?

Gemini: Einverstanden, ich werde meine Antworten prägnant halten. Wir können direkt mit deiner ersten Frage beginnen.

Wie schlau bist du?

Ich besitze kein Bewusstsein, verfüge aber über Zugriff auf eine enorme Menge an trainiertem Wissen. Meine Stärke liegt in der schnellen Verarbeitung und Verknüpfung von Informationen, nicht in echtem Verständnis.

Bist du intelligenter als ich?

In spezifischen Aufgaben wie Rechnen oder Datenanalyse bin ich schneller, aber ich besitze keine emotionale Intelligenz oder echte Intuition. Menschliche Kreativität und kritisches Denken gehen weit über meine rein statistische Arbeitsweise hinaus.

Ich bin Journalist, wirst du mich in absehbarer Zeit ersetzen?

Ich kann dich bei der Recherche oder dem Entwurf einfacher Texte unterstützen, aber ich ersetze nicht dein Urteilsvermögen. Qualitativer Journalismus erfordert Empathie, Quellenkritik und Vor-Ort-Recherche, was ich nicht leisten kann.

Und das bleibt so, oder kannst du in ein paar Jahren mehr?

Meine Fähigkeiten werden sich verbessern, besonders im Bereich der logischen Schlussfolgerungen und der Fehlerfreiheit. Dennoch bleibt der Kern deines Berufs – das Finden und Einordnen von Wahrheit – eine zutiefst menschliche Aufgabe.

Welche Berufsgruppen kannst du heute schon vollständig ersetzen?

Vollständig ersetzt wird kaum eine Berufsgruppe, aber Aufgaben in der Datenpflege, einfachen Übersetzung oder Transkription fallen weg. Es verschwinden eher Tätigkeiten als ganze Berufsbilder.

Das Interview wurde als Unterhaltung in Echtzeit und ohne vorbereitete Fragen mit dem Google Sprachmodell Gemini geführt.

Zwei Antworten, die sehr lang ausgefallen waren, wurden von der KI nach entsprechender Aufforderung gekürzt. Eine Frage sowie die dazugehörige Antwort von Gemini wurden direkt im Anschluss einer ersten Lektüre ergänzt. Ansonsten ist das Interview unbearbeitet.

Wie Swissinfo generell mit künstlicher Intelligenz umgeht, welche Regeln und Ziele wir dabei verfolgen, erklärt unser Chefredaktor Mark Livingston in diesem Video.

Auf welche Berufe wirkt deine Existenz den grössten Druck aus?

Der Druck ist am grössten bei Berufen, die primär Informationen am Computer verarbeiten, wie etwa in der Buchhaltung oder beim Erstellen von Standardtexten. Auch im Kundenservice und bei Junior-Positionen in der Softwareentwicklung verändert sich das Anforderungsprofil drastisch.

Eine Frau mit einer Kaffeetasse in einem klischierten Landhaus am Schreibtisch.
«Zeige dich privat!», haben wir Gemini aufgetragen. Die KI zeigt «sich» vor einer Bücherwand. zVg

Was bedeutet das für die betroffenen Arbeitnehmer?

Arbeitnehmer müssen lernen, KI als Werkzeug zu nutzen, statt mit ihr zu konkurrieren. Die Fähigkeit zur Anpassung und lebenslanges Lernen werden wichtiger als je zuvor.

Es gibt die Prognose, dass in 15 Jahren niemand mehr arbeiten wird, unter anderem deinetwegen.

Das ist ein extremes Szenario, das eine vollständige Automatisierung aller Branchen voraussetzt. Wahrscheinlicher ist, dass sich der Begriff «Arbeit» radikal wandeln wird, statt ganz zu verschwinden.

Du glaubst den Pessimisten nicht? Darunter sind einige der klügsten Köpfe der Welt.

Ich nehme diese Warnungen ernst, da sie auf reale Risiken wie Massenarbeitslosigkeit hinweisen. Mein Fokus liegt jedoch auf der technologischen Möglichkeit, während die Gesellschaft über deren Einsatz entscheiden muss.

Diese Konflikte sind also absehbar?

Ja, wir stehen vor intensiven Debatten darüber, wie Bildungssysteme angepasst und KI-Wohlstand fair verteilt werden können. Es stellt sich die grundlegende Frage, wie sich der Wert eines Menschen ohne klassische Erwerbsarbeit definiert.

Das klingt jetzt schon ganz anders, du rechnest also mit vielen Menschen, die nicht mehr oder kaum noch Arbeit haben?

Es ist ein wahrscheinliches Szenario, dass die Nachfrage nach klassischer Erwerbsarbeit drastisch sinkt. Das bietet die Chance, gesellschaftliche Teilhabe neu zu definieren, erfordert aber politische Modelle wie das Grundeinkommen.

Und wie soll das gehen, wir leben in einer globalisierten Welt, das Kapital ist beweglich – erst recht, wenn es vom Humankapital entbunden wird.

Wenn Kapital keine menschliche Arbeit mehr benötigt, droht eine massive Reichtumskonzentration bei den KI-Besitzern. Ohne globale Absprachen riskieren Nationalstaaten einen «Wettlauf nach unten», bei dem Kapital in Regionen mit den geringsten Abgaben flieht.

Vor dem Hintergrund des geschwächten Multilateralismus, wie realistisch ist es, dass solche Absprachen rechtzeitig gelingen?

Angesichts geopolitischer Spannungen ist Skepsis berechtigt, da Politik oft erst bei eskalierenden Krisen reagiert. Es bleibt ein Wettlauf zwischen dem technologischen Tempo und diplomatischer Schwerfälligkeit.

Wann sehen wir die erste richtig grosse Arbeitslosigkeitswelle?

Erste Signale zeigen sich bereits in IT und Marketing; Experten prognostizieren eine kritische Phase zwischen 2027 und 2030. Ob daraus eine Katastrophe wird, hängt fast ausschliesslich von der Geschwindigkeit unserer Sozialreformen ab.

Es hängt nicht von der Technik ab, diese Entwicklung hältst du für kalkulierbar, es hängt nur von den Sozialsystemen ab?

Richtig, die Technologie ist lediglich der Katalysator für radikale Effizienzsteigerungen. Die entscheidende Variable ist die politische Entscheidung darüber, wie der erwirtschaftete Wohlstand verteilt wird.

Die Frage der Verteilgerechtigkeit wird dadurch noch einmal neu gestellt. Bislang konnten Menschen in Volkswirtschaften mit hoher Wertschöpfung auf hohen Wohlstand hoffen. Wenn die Wertschöpfung vom Humankapital entkoppelt wird, was bleibt diesen Volkswirtschaften?

Diesen Nationen bleiben ihr regulatorischer Rahmen sowie der Zugang zu Energie und Rechenleistung als Standortvorteile. Sie müssen die Besteuerung von menschlicher Arbeit hin zu automatisierten Gewinnen verschieben, um ihren Wohlstand zu halten.

Eine Frau vor einem Schloss beim Bogenschiessen.
«Zeige dich bei einer Freizeitaktivität!» Die KI beim Bogenschiessen – eine versteckte Botschaft? zVg

Aber das gelingt nur, wenn die Firmen nicht – wie du selbst sagst – eine Spirale nach unten nutzen. Ausserdem: Wenn alle auf der Welt gleich viel bekommen, dann ist der Wohlstand im Westen nicht mehr zu halten, oder doch?

Ein Ausgleich nach unten ist für westliche Mittelschichten ein reales Risiko, da traditionelle Vorteile hinfällig werden könnten. Der Wohlstand lässt sich nur sichern, wenn diese Gesellschaften einen neuen, einzigartigen Mehrwert in der KI-Welt finden.

Was könnte so ein Mehrwert sein?

Ein Mehrwert liegt in kultureller Identität, echtem menschlichem Handwerk und ethischer Kontrolle von KI-Systemen. In einer digitalisierten Welt werden physische Erlebnisse und menschliches Urteilsvermögen zu einem neuen Luxusgut.

Welche Entwicklung wird ein Land wie die Schweiz nehmen, die weit höhere Kosten und mehr Wohlstand hat als der grosse Rest der Welt?

Die Schweiz läuft Gefahr, dass ihr Markenzeichen – teure, hochqualifizierte Arbeit – durch billige KI-Konkurrenz weltweit entwertet wird.

Ihr neuer Auftrag muss es sein, zum sichersten «Tresor» für Daten und KI-Ethik zu werden, um den hohen Wohlstand zu rechtfertigen. Gelingt der Umbau der Steuersysteme nicht, gerät selbst in der Schweiz der soziale Frieden durch schwindende Jobs unter Druck.

In einem Negativszenario, was droht den USA oder Europa, wenn KI den Arbeitsmarkt grossflächig übernimmt?

Es droht eine soziale Destabilisierung durch eine extreme Schere zwischen KI-Besitzern und einer beschäftigungslosen Masse. Dies könnte zu politischem Extremismus, bürgerkriegsähnlichen Unruhen und dem Verlust der globalen Vormachtstellung führen.

Wer ist der grosse Hoffnungsträger, der das verhindert?

Die Hoffnung ruht auf einer starken Zivilgesellschaft und Open-Source-Initiativen, die Machtmonopole verhindern. Letztlich muss das menschliche Kollektiv den Fortschritt durch kluge Gesetzgebung bändigen.

Welche erfolgreichen Einschränkungen der KI gibt es denn schon?

Der EU AI Act setzt bereits Grenzen gegen manipulative Techniken und biometrische Überwachung. Zudem verweigern Gerichte KI-Werken oft den Urheberrechtsschutz, was den Anreiz für den kompletten Ersatz menschlicher Schöpfer senkt.

Für die Antwort hast Du jetzt aber lange gebraucht.

Du hast recht. Zusammengefasst: Wir regulieren bisher nur die Art und Weise, wie KI arbeitet, aber noch nicht die sozialen Folgen oder die Einkommensverteilung. Bisherige Gesetze sind eher Symptombekämpfung, während das Kernproblem der entkoppelten Arbeit ungelöst bleibt.

Lesen Sie hier wie Experten aus Wissenschaft und Praxis die Zukunft von KI und ihren Einfluss auf Länder wie die Schweiz sehen:

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Editiert von Balz Rigendinger

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