Wie die Schweiz sich raschen Zugang zu Covid-Impfstoffen sicherte
Die lang erwartete Veröffentlichung der Verträge zwischen der Schweizer Regierung und Impfstoffherstellern hat gezeigt, wie weit die Schweiz gegangen ist, um sich einen raschen Zugang zu Covid-Impfstoffen zu sichern.
Mitte April veröffentlichte die Schweizer Regierung erstmals ungeschwärzte VerträgeExterner Link mit zwei Covid-Impfstoffherstellern – Moderna und Novavax. Der Schritt folgte auf ein Gerichtsurteil vom Februar, das die Regierung nach einem zweijährigen Rechtsstreit dazu verpflichtete, die Verträge gemäss Öffentlichkeitsgesetz zu veröffentlichen.
Die Veröffentlichung der Verträge markierte einen bedeutenden Sieg für die Transparenz, nachdem Politiker:innen und Medien ihre Frustration über die Weigerung des Bundesamts für Gesundheit (BAG), diese offenzulegen, zum Ausdruck gebracht hatten. Während das BAG argumentiert hatte, eine Offenlegung würde künftige Impfstoffverhandlungen der Schweiz behindern, fand das Gericht keine Hinweise darauf, dass die Veröffentlichung den nationalen Interessen schaden würde.
«Die Geheimniskrämerei des BAG hat doch noch ein Ende», schrieb Otto Hostettler, Redaktor beim BeobachterExterner Link und ein Beschwerdeführer im Verfahren gegen die Regierung. Es handelt sich um einige der ersten Verträge weltweit, die vollständig veröffentlicht wurden und Aufschluss darüber geben, welche Preise und Bedingungen die Schweiz und wahrscheinlich auch andere wohlhabende Länder zu akzeptieren bereit waren, um sich einen raschen Zugang zu Covid-Impfstoffen zu sichern.
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BAG schafft volle Transparenz zu Beschaffung von Covid-Impfstoffen
Andere Verträge der Schweiz mit den Impfstoffherstellern Pfizer, Janssen, AstraZeneca und CureVac wurden 2022 mit umfangreichen Schwärzungen veröffentlicht, einschliesslich der Preise. Diese waren nicht Gegenstand der Gerichtsurteile vom Februar.
Wie viel und wie riskant?
Gemäss den Verträgen zahlte die Schweiz rund 1 Milliarde US-Dollar (rund 920 Mio. Schweizer Franken im Jahr 2021) für Covid-19-Impfstoffe von Moderna und Novavax. Der Grossteil (980 Mio. US-Dollar) davon ging an Moderna zu einem Preis zwischen 32 und 35 US-Dollar pro Dosis und 40 US-Dollar für Fertigspritzen. Die Novavax-Impfstoffe, die der Bund mehr als ein Jahr nach Moderna im Dezember 2021 reservierte, waren günstiger. Diese kosteten 22 US-Dollar pro Dosis, was insgesamt rund 22 Millionen USD für eine Million Dosen ergab.
Verträge mit anderen Ländern sind nur teilweise öffentlich, was einen Vergleich erschwert. Hostettler berichtete, dass die deutsche Regierung 32 US-Dollar pro Dosis für den Impfstoff von Moderna gezahlt habe. Andere europäische Länder zahlten etwas weniger für denselben Impfstoff, während die USA etwa die Hälfte dieses Betrags zahlten. Die Moderna-Dokumente besagen, dass der dem BAG angebotene Preis genauso vorteilhaft gewesen sei wie der Preis, der anderen Ländern angeboten wurde, die im Sommer 2020 Verträge mit Moderna unterzeichneten.
Die Schweiz bestellte am 5. August 2020 die ersten 4,5 Millionen Dosen Impfstoff von Moderna, fast sechs Monate bevor dieser von der Schweizer Arzneimittelbehörde zugelassen wurde. Die Schweiz war auch bereit, einen grossen Betrag im Voraus zu zahlen, um auf der Liste für «vorrangige Lieferung» zu stehen. Dies brachte sie an die Spitze der Warteschlange mit einer Gruppe von Ländern (ausser den USA), die früh Verträge unterzeichnet hatten.
Bis zum Ende der Pandemie hatte die Schweiz 31 Millionen Dosen der damals neuartigen mRNA-Impfstoffe gekauft. Insgesamt bestellte die Schweiz 61 Millionen Dosen von den sechs Impfstoffherstellern für eine Bevölkerung von 9 Millionen Menschen. Dies war weit mehr als die Anzahl der Dosen, die letztlich verwendet wurden. Rund 17 Millionen Impfdosen wurden in der Schweiz verabreicht, und 8 Millionen wurden an andere Länder gespendet.
Aus dem Vertrag geht hervor, dass Moderna der Schweiz untersagte, Impfstoffe ausserhalb ihres Staatsgebiets weiterzuverkaufen oder zu übertragen. Eine parlamentarische Kommission stellte fest, dass die Schweiz 18,6 Millionen Dosen abgelaufener Covid-19-Impfstoffe vernichtete. Dies bedeutet, dass rund 60% der von der Regierung bezahlten Dosen weder im Inland noch im Ausland verwendet wurden.
Lesen Sie dazu unseren Artikel aus dem Jahr 2023:
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Die grosse Verschwendung von Impfstoffen
Die Schweiz stimmte auch zu, die Haftung der Hersteller im Falle von Schäden zu begrenzen. Die Verträge zeigen, dass Moderna nur in Fällen von Vorsatz, Fahrlässigkeit oder Produktionsfehlern haftbar wäre. Für alle anderen Risiken – insbesondere seltene Nebenwirkungen – wäre die Regierung für potenzielle Schadenersatzforderungen verantwortlich.
«Das ist nicht völlig ungewöhnlich, aber in dieser Ausprägung eher ausserordentlich. Bei herkömmlichen Impfstoffen trägt der Hersteller deutlich mehr Verantwortung», so die EinschätzungExterner Link von SRF-Wirtschaftsredaktor Sven Zaugg. Allerdings würden während einer Pandemie international andere Regeln gelten.
Anne Lévy, die Direktorin des BAG, verteidigte die Impfstoffbeschaffungsstrategie in einem Interview mit dem SonntagsBlickExterner Link: «Es gab zu Beginn der Pandemie einen harten Wettbewerb um die Verfügbarkeit. Es war nicht klar, welche Firma die besten Impfstoffe hat. Stellen Sie sich vor, wir hätten auf den falschen gesetzt oder zu wenig bestellt!»
Es habe die Gefahr bestanden, dass sich die Schweiz als kleines Land keine Dosis hätte sichern können, sagt sie.
Wo bleibt die globale Solidarität?
Die Schweiz war wahrscheinlich nicht das einzige Land, das solche Bedingungen ausgehandelt hat, obwohl dies aufgrund mangelnder Transparenz schwer zu überprüfen ist. In der EU laufen noch immer Gerichtsverfahren, um die Verträge mit der Europäischen Kommission vollständig zu veröffentlichen.
Es ist nicht ungewöhnlich oder unangemessen, dass wohlhabende Länder mehr für Medikamente zahlen. Expert:innen für Gesundheitsgerechtigkeit sagen jedoch, die Sorge sei, wie Länder ihren Reichtum als Druckmittel nutzen, um sich schnelleren Zugang zu sichern, insbesondere wenn die Versorgung knapp ist. Viele wohlhabende Länder bestellten weit mehr Impfdosen als ihre Bevölkerungsgrösse.
«Anstelle einer kohärenten und geschlossenen globalen Reaktion war die Pandemie von einem chaotischen Flickwerk an Reaktionen geprägt», sagte der WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus, in einer Rede im Jahr 2023Externer Link. «Dies liegt an einem engstirnigen Nationalismus. Wir können gemeinsamen Bedrohungen nur mit einer gemeinsamen Antwort begegnen, die auf einem gemeinsamen Bekenntnis zu Solidarität und Gerechtigkeit beruht.»
Die Vereinbarung der Schweizer Regierung mit Moderna erkannte an, dass «für den Verkauf und die Lieferung des Moderna-Impfstoffs an Entwicklungsländer» über NGOs oder die WHO «andere finanzielle Bedingungen gelten können». Während der Pandemie lehnten jedoch viele Länder, einschliesslich der Schweiz, Aufrufe von Entwicklungsländern ab, auf Patentschutz zu verzichten, was die Versorgung erhöht hätte.
Im November 2021 waren nur 3% der Menschen in Ländern mit niedrigem Einkommen vollständig geimpft, verglichen mit über 60% in Ländern mit hohem Einkommen und Ländern mit oberem mittlerem Einkommen. Mehr als die Hälfte der im Jahr 2021 produzierten Impfdosen wurden im Voraus von Ländern mit hohem Einkommen gekauft, obwohl diese nur 13% der Weltbevölkerung ausmachen.
«Reiche Länder wie die Schweiz konnten sich Impfstoffe sichern, weil sie einen hohen Preis zahlen konnten. Es war logisch, dass Unternehmen wie Moderna sie bevorzugten», sagt Gabriela Hertig, Expertin für Gesundheitspolitik bei der Schweizer NGO Public Eye, gegenüber Swissinfo. «Länder mit niedrigem Einkommen konnten zudem nicht die Art von Haftung bieten, die Unternehmen wollten, was den Zugang zu Impfstoffen erschwerte.»
Die Vertragskonditionen hingen von verschiedenen Faktoren ab, sagte Lévy dem SonntagsBlick. Dazu gehöre, wie schnell ein Land einen Vertrag abschliessen konnte, wie rasch und verbindlich der Impfstoff geliefert werden konnte und die Grösse des Marktes.
Auch als kleines Land sei es der Schweiz «gelungen, früh gute Impfstoffe zu beschaffen – von verschiedenen Herstellern in den nötigen Mengen. Dadurch bekamen wir die Pandemie in den Griff», sagte Lévy.
Editiert von Marc Leutenegger/sb; Übertragung aus dem Englischen mit der Hilfe von KI: Claire Micallef
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