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Wie die Schweiz zur Blasmusiknation wurde

Das letzte Eidgenössische Musikfest fand 2016 in Montreux statt.
Die letzte Ausgabe des Eidgenössischen Musikfests fand 2016 in Montreux statt. Keystone / Manuel Lopez

25’000 Blasmusikerinnen und Blasmusiker werden am Eidgenössischen Musikfest in Biel erwartet. Laut Veranstaltern ist es das grösste Blasmusikfest der Welt. Wie die Blasmusik in der Schweiz solche Dimensionen erreichte, ist bisher erstaunlich wenig erforscht.

«Blasmusik wird oft als etwas altmodisch wahrgenommen», sagte Yannick Wey, Musikwissenschaftler an der Hochschule der Künste Bern (HKB). Dieses Klischee habe ihr auch in der Forschung einen schweren Stand beschert: Für Musikwissenschaftlerinnen und Musikwissenschaftler galt sie lange als zu wenig «hohe Kunst».

Dabei spiele Blasmusik eine grosse Rolle im öffentlichen Leben der Schweiz. So seien viele Rituale – vom Dorffest bis zum hochrangigen diplomatischen Empfang – ohne Blasmusik kaum denkbar. «Sie begleitet solche Anlässe nicht nur musikalisch, sondern macht sie erst vollständig», so Wey.

Umso erstaunlicher sei, wie wenig man über die Anfänge dieser prägenden Klangkultur weiss. Diese Forschungslücke wird in einem vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Projekt nun erstmals systematisch angegangen. Zusammen mit Adrian von Steiger und Miryam Giger hat sich Wey auf Spurensuche begeben. In einem Forschungsprojekt an der HKB gehen sie den Anfängen der Schweizer Blasmusik nach: den ersten Musikgesellschaften vor etwa 200 Jahren, ihren Instrumenten, ihren Regeln – und der Frage, wie die Schweiz klang, bevor es Tonaufnahmen gab.

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Ein Musikant von damals würde staunen

Klar ist: Ein Blasmusiker aus einer der frühen Schweizer Musikgesellschaften wäre wohl überrascht, wenn er dieses Wochenende am Eidgenössischen Musikfest in Biel zuhören könnte. Schon die Grösse der Formationen hätte ihn erstaunt. Eine kleine Musik zählte damals vielleicht zwölf Spieler, eine grosse dreissig. Heute stehen bei grossen Formationen nicht selten sechzig Musikerinnen und Musiker auf der Bühne. Auch optisch hätte sich ein Musikant von damals wohl gewundert: über die einheitlichen, farbigen Uniformen etwa oder über den Dirigenten mit Taktstock.

Die spärliche Quellenlage deutet zudem darauf hin, dass es sich bei den Musikern vor 200 Jahren meist um junge Männer im wehrpflichtigen Alter handelte. Frauen waren eine seltene Ausnahme, auch wenn einzelne Quellen von reisenden Familienkapellen oder berühmten Klarinettistinnen berichten. Heute sind die Vereine bezüglich Alter und Geschlecht deutlich vielfältiger zusammengesetzt, wie Wey sagt.

Verändert hat sich auch der Klang. Heute streben Blasmusiken meist einen homogenen, ausgewogenen Gesamtklang an; die Register sollen ineinander verschmelzen. Vor 200 Jahren war dieses Klangideal laut Wey noch keineswegs selbstverständlich. Damals standen die einzelnen Klangfarben stärker nebeneinander.

Blasmusiker als «Early Adopters»

Auch die Instrumente waren weniger normiert als heute. «Heute kann ich mit einem 50 Jahre alten Instrument an eine Musikprobe gehen, und die Person neben mir hat ein Instrument, das im Prinzip gleich funktioniert und ähnlich aufgebaut ist. Vor 200 Jahren war das anders», sagt Wey.

Damals befanden sich viele Blasinstrumente im Umbruch. Trompeten mit drei Ventilen, wie man sie heute kennt, wurden erst entwickelt. Klarinetten hatten deutlich weniger Klappen als moderne Instrumente und ein anderes Griffsystem.

Blas- und Militärmusiken – oft erfüllte ein und dieselbe Musikgesellschaft beide Funktionen – gehörten zu den frühen Anwendern solcher Neuerungen. Sie waren, wie Wey sagt, «Early Adopters» von Instrumenten, die sich in etablierten Orchestern oft erst viel später durchsetzten.

Klangforschung ohne Tonaufnahmen

Wie Blasmusik damals tatsächlich klang, lässt sich nur annähernd rekonstruieren. Tonaufnahmen gab es noch nicht. Schriftliche Quellen sind zwar vorhanden, doch sie erzählen selten vom Klang selbst. Erhalten sind vor allem Protokolle, Rechnungsbücher, Inventare und Bussenordnungen. Man erfährt, wer zu spät kam, welche Instrumente angeschafft wurden, wie viel sie kosteten und welche Regeln galten. Aber man erfährt kaum, wie eine Probe klang.

Einen seltenen Glücksfall fanden die Forschenden im appenzellischen Hundwil. Dort sind Instrumente einer ganzen Dorfmusik überliefert. Einige konnten restauriert, andere durch vergleichbare Objekte ergänzt werden. Mit Studierenden versuchte das Berner Forschungsteam, Musik aus jener Zeit auf diesen Instrumenten wieder zum Klingen zu bringen.

Besonders schwierig war das laut Wey bei den Klarinetten. Sie hätten sich seit dem frühen 19. Jahrhundert grundlegend verändert.

Eidgenössisches Fest 2011 in St. Gallen
Das Eidgenössische Musikfest ist auch ein geselliger Anlass, der Teilnehmende aus allen Sprachregionen des Landes zusammenbringt. Keystone / Regina Kuehne

Tradition im Wandel

Laut Wey zeigt die Forschung der Geschichte der Blasmusik, wie wandelbar diese immer war. Was heute als starre Tradition erscheint, war vor 200 Jahren eine bewegliche Praxis.

Vor diesem Hintergrund blickt Wey auch dem vielbeschworenen Vereinssterben gelassen entgegen. Er verweist auf historische Zyklen: Kulturelle Phänomene erleben Hochphasen und Rückgänge. «Eine Statistik der letzten 10 oder 20 Jahre beunruhigt mich noch nicht», sagt Wey. Zwar verlören manche Musikvereine Mitglieder, es gebe aber auch Gegenbeispiele. Die Stadtmusik Aarau etwa, in der Wey selbst mitspielt, habe in den vergangenen Jahren eine Verjüngung erlebt.

Ein Ereignis, das weit über die Musik hinausgeht

Vom 14. bis 17. Mai ist die Stadt Biel Gastgeberin des 35. Eidgenössischen Musikfests (EMF26). Dieser Anlass findet in der Regel alle fünf Jahre statt, doch die letzte Ausgabe, die 2021 in Interlaken hätte stattfinden sollen, wurde wegen der Covid-19-Pandemie abgesagt.

Insgesamt werden 532 Musikvereine mit rund 22’000 Musiker:innen in der zweisprachigen Stadt auftreten, um in den verschiedenen Kategorien einen Schweizermeistertitel zu erringen. Über 100’000 Besucher:innen werden erwartet, um die Konzerte und Auftritte mitzuerleben. Das Budget des Anlasses bewegt sich zwischen 5 und 6 Millionen Franken.

Ziel des Eidgenössischen Musikfests ist es, die Verbindungen zwischen den Regionen des Landes durch die Musik zu stärken und gleichzeitig die Vereinskultur zu fördern. Die erste Ausgabe fand 1864 in Solothurn statt. Der Anlass ist nicht nur musikalisch, sondern auch patriotisch und festlich – ganz im Sinne anderer eidgenössischer Feste (Schützenfest, Turnfest, Gesangsfest, Schwingfest). Die gastgebende Stadt verwandelt sich für einige Tage in einen Ort der Geselligkeit und des nationalen Zusammenhalts.

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