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Schweizer Presse: Euphorisch bis kritisch

Keystone Archive

Die milliardenschwere Finanzspritze von Bund, Kantonen und Wirtschaft für die neue Crossair hat in der Deutsch- und Westschweizer Presse keine Begeisterung ausgelöst. Viele Kommentatoren befürchten, dass es sich bei der neuen Airline um ein Fass ohne Boden handeln könnte. Mit scharfer Kritik wird aber gespart.

Fast euphorisch reagiert das Boulvard-Blatt BLICK, das gar von einem Meisterstück des Finanzministers spricht:

«Gerettet! In letzter Sekunde! Die Schweiz besitzt weiterhin eine Airline – dank eines historischen, gemeinsamen Kraftakts von Politik und Wirtschaft.»

Auch der Zürcher TAGES-ANZEIGER bewertet den gestrigen Entscheid als richtig, und zwar vor allem aus volkswirtschaftlichen Gründen für den Wirtschaftsstandort Zürich. Für den Tagi hat der Schulterschluss von Politik und Wirtschaft aber noch eine andere Dimension:

«Die neue Partnerschaft von Staat und Wirtschaft ist unter Schmerzen geboren worden. Beide Partner mussten manche Konzessionen machen. Gestern präsentierten sich drei Bundesräte und Spitzenvertreter der Wirtschaft gemeinsam der Öffentlichkeit. Ein Bild mit grosser, symbolischer Bedeutung. Ein Bild, das Hoffnungen weckt.»

Auch die AARGAUER ZEITUNG äussert sich zufrieden darüber, dass Bundesrat und Wirtschaft wieder mal am selben Strick ziehen. Sie sieht aber auch die Risiken dieses Unternehmens:

«Unbeantwortet ist die Grundsatzfrage, was passiert, wenn die staatliche Kapitalspritze nicht reichen sollte. Folgt dem ersten Schritt der nächste; ganz nach traditionellen Subventionsmustern? Das darf nicht sein. Gefordert sind damit klare staatliche Grenzen und Ausstiegschancen.»

Gemäss dem Berner BUND wird die Zukunft zeigen, ob der Entscheid vom Montag der richtige war. Jetzt aber gelte es, die Chance zu packen:

«Niemand weiss, ob die neue Fluggesellschaft nicht doch zum Fass ohne Boden wird. Nachdem der Entscheid aber gefallen ist, wäre es falsch, nur von den Risiken zu sprechen. Jetzt gilt es, die Aufbauarbeit energisch an die Hand zu nehmen. Denn die neue Fluggesellschaft hat auch Chancen.»

Alle seien jetzt gefordert, schreibt die NEUE LUZERNER ZEITUNG. Vor allem gelte es, jetzt wieder zu Vernunft zurückzufinden. Konkret:

«Weder war die Swissair je die Schweiz, noch wird es die künftige Crossair je sein. Fliegen ist nichts weiter als ein Geschäft – mit deutlichen Überkapazitäten. Und diese Überkapazitäten verbieten jede Form von kostspieligem, patriotisch motiviertem Grössenwahn.»

Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG spricht von erheblichen Risiken, dieses «gemischtwirtschaftlichen Blindflugs»:

«Sei es, weil die beiden unterschiedlichen Unternehmen nicht richtig zueinander finden, sei es, weil auch die neue Swiss Airline zu klein ist für einen deregulierten Weltmarkt mit wenigen Mega-Carriers oder weil das volatile Fluggeschäft ganz einfach länger braucht, bis es aus seiner bisher grössten Krise herausfindet.»

Auch die BASLER ZEITUNG schreibt von der Gefahr des Scheiterns angesichts des Weltmarkts – und gar von einem «Geschenk mit Tücken»:

«Die grosse Unbekannte ist die Entwicklung der Weltwirtschaft und damit auch des Flugverkehrs. Im Moment stehen die Zeichen sehr schlecht. Die Redimensionierung der Branche ist in vollem Gange, auch die Grossen bauen ab. Lufthansa hat bereits -zig Grossraumflugzeuge am Boden.»

Die BERNER ZEITUNG fordert Platz für Politik in der Zukunft und kritisiert die Haltung der Wirtschaft in der Vergangenheit:

«Die Wirtschaft, die glaubte, sich um Politik und Gesellschaft foutieren zu können, muss soziale Verantwortung wieder zu einer ihrer Leitlinien machen. Das Vertrauen, das man mit 2,5 Steuermilliarden in sie gesetzt hat, muss sie rechtfertigen – und der Politik den ihr zustehenden Platz zurückgeben.»

Für den CORRIERE DEL TICINO gibt es absolut keinen Grund zur Euphorie. Die Rechnung, die zu zahlen sei, sei saftig. Und der GIORNALE DEL POPOLO spricht von einem Abheben mit unbestimmtem Ziel:

«Un decollo a destinazione incerta».

Die Westschweiz reagiert kritisch auf den gestrigen Beschluss. Für LE TEMPS geht es hier nicht mehr um Wirtschaftspolitik sondern um Landesverteidigung. Und 24heures titelt:

«Des ailes, mais à quel prix! – Flügel, aber zu welchem Preis!»

Gaby Ochsenbein

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