Swissair-Debakel: 52’000 Stellen bedroht
Der Stellenabbau bei der Swissair ist möglicherweise weit schlimmer als befürchtet: Gewerkschaften rechnen damit, dass in der Schweiz bis zu 17'000 Stellen verloren gehen. Würden Zulieferer mitgerechnet, seien sogar 52'000 Stellen in Gefahr.
Die Gewerkschaften rechnen mit einer massiv kleineren neuen Fluggesellschaft als vorgesehen. «Das bisherige Phoenix-Szenario, wonach die Crossair 26 Kurz- und 26 Langstrecken-Flugzeuge von der Swissair übernimmt, ist völlig unrealistisch», erklärte Daniel Vischer, Präsident der Gewerkschaft VPOD Luftverkehr, am Donnerstag an einer Medienkonferenz.
Aufgrund der aktuellen Sachlage erwarte die Gewerkschaft, dass Crossair höchstens 10 oder möglicherweise gar keine Swissair-Flugzeugen übernehme. In diesem Fall seien aber auch die flugverwandten Betriebe der Swissar stark gefährdet, hielt VPOD- Sekretär René Zurin fest.
Aufgrund von Angaben aus den Betrieben gehe er deshalb davon aus, dass in der Schweiz 14’000 bis 17’000 Stellen und damit rund 75% der Swissair-Arbeitsplätze verloren gingen. Bislang war mit einem Verlust von weltweit 9’000 und in der Schweiz mit 4’100 der insgesamt 72’000 Swissair-Stellen gerechnet worden.
Landesweit 52’000 Stellen gefährdet
Der Abbau bei den Swissair-Firmen habe zudem massive Folgen für Zulieferbetriebe. Zurin rechnet deshalb mit einem Abbau von insgesamt 35’000 bis 52’000 Stellen.
«Der Öffentlichkeit und dem Personal muss endlich die Wahrheit gesagt werden», forderte er. Die Angestellten seien nicht bereit, für das Aufrechterhalten falscher Hoffnungen und für falsche Entscheide die Suppe auszulöffeln.
Mit einem Grossteil der Kündigungen ist noch diesen Monat zu rechnen. Für die Betroffenen ist auf dem Zürcher Flughafen ein Arbeitsmarkt-Zentrum Swissair eröffnet worden. Es soll ähnlich funktionieren wie die Regionalen Arbeits-Vermittlungen (RAV) in den Gemeinden.
Krisengipfel verlangt
Die Gewerkschaften VPOD und PUSH sowie der Kaufmännische Verband (SKV) forderten einen sofortigen Krisengipfel mit dem Management, Vertretern von Bund und Kantonen sowie den Spitzen der Personalverbände. «Nur so kann eine weitere Katastrophe vermieden werden», sagte Vischer.
Die Verbände und Gewerkschaften riefen Banken und Bund auf, die Finanzierung der Sozialpläne zu übernehmen. «Dazu sind 3 Mrd. Franken nötig», sagte SKV-Zentralsekretärin Susanne Erdös. Damit könne pro Kündigung rund 150’000 Franken zur Verfügung gestellt werden. Dies sei keine übertriebene Summe, sagte sie.
Bereits am Vortag hatte die UBS erklärt, dass sie sich nicht direkt an einem Sozialplan beteiligen, sondern höchstens Überbrückungs-Kredite dafür zahlen will. Auch die Credit Suisse Group teilte mit, dass der Sozialplan nicht unbedingt Aufgabe der Banken sei.
Crossair: Übernahme von 52 Flugzeugen weiter möglich
Die Crossair arbeite weiterhin mit dem Modell der Übernahme von 52 Swissair-Flugzeugen, erklärte Firmensprecher Andreas Schwander. Der Ball liege aber bei den künftigen Geldgebern.
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) machte keine Angaben zu dem vom Bund erwarteten Stellenabbau bei der Swissair: «Wir spekulieren nicht», sagte seco-Sprecher Alan Kocher.
«Voraussetzung für die Beurteilung der Konsequenzen auf die Arbeitsplätze ist das Vorliegen eines präzisen Business-Planes der neu entstehenden Fluggesellschaft», erklärte auch Daniel Eckmann, Kommunikationschef des Eidgenössischen Finanz-Departementes.
Texas Pacific interessiert
Die UBS hat am Donnerstag Kontakte mit der US-Investment-Gesellschaft Texas Pacific Group bestätigt. Die UBS habe Kenntnis von einem entsprechenden Schreiben, sagte eine UBS-Sprecherin. Nähere Angaben wollte sie nicht machen.
Am Mittwoch hatte die UBS den Kapitalbedarf für die neue Fluggesellschaft auf «mehrere Milliarden Franken» beziffert.
An der Börse büssten die Crossair-Aktien 10,17% auf ein Tagestief von 265 Franken ein. Die Swissair-Papiere legten dagegen um 31,64% auf 6,99 Franken zu.
swissinfo und Agenturen
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