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Von kollektiver Trunksuchtzu gepflegtem Besäufnis

Einst Nahrungsersatz - heute Genussmittel: Der Konsum alkoholischer Getränke ändert sich. Keystone

Ertränkten die Ärmeren in Zeiten der Industrialisierung ihre Sorgen und Nöte vor allem im Schnaps, greifen die Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz heute lieber zur Wein- oder Bierflasche.

Der frühere, hohe Schnapskonsum lässt sich mit den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen zur Zeit der Industrialisierung begründen. Während der hochkonjunkturellen «Gründerzeit» der beginnenden 1870er Jahre entwickelte sich eine Form kollektiver Trunksucht.

Schnaps galt besonders in den ärmeren Bevölkerungs-Schichten als Betäubungsmittel und Nahrungs-Ersatz. Das rief sozial engagierte Kreise auf den Plan, und der Bund schritt mit seiner 1884 begonnenen Alkohol-Gesetzgebung gegen den Missbrauch ein. Der Schnaps-Verbrauch sank in der Folge während des Zweiten Weltkrieges auf einen Tiefstwert von 99’000 Hektoliter pro Jahr.

Wein und Bier statt Schnaps

Spirituosen machten zwischen 1880 und 1884 neben Bier, Wein und Obstwein fast einen Drittel des gesamten Alkohol-Konsums aus. Heute beträgt der Schnapsanteil 16% respektive rund 263’000 Hektoliter pro Jahr.

Der Wein-Konsum liegt heute mit durchschnittlich 3,1 Mio. Hektolitern um fast 40% tiefer als 1880 – des Schweizers liebstes Getränk bleibt er allemal. Denn heute beträgt sein Anteil am gesamten Alkohol-Konsum doch 52%. Der Bierkonsum zog seit 1880 um mehr als 60% an. Sein Anteil am Gesamtkonsum liegt seit 50 Jahren bei etwa 30%.

Diese Zahlen sind der Broschüre «Alkoholverbrauch 1880 – 2000» der Eidgenössischen Alkoholverwaltung (EAV) zu entnehmen.

Grosse Schwankungen weist auch der Bierkonsum auf. In den 80-er Jahren des 19.Jahrhunderts wurden 1 Mio. Hektoliter getrunken. Nach mehreren Wellen-Bewegungen erreichte der Bierkonsum 1971/1975 mit durchschnittlich 4,8 Mio. Hektolitern einen Höchststand. Durchschnittlich beträgt er heute noch 4,2 Mio. Hektoliter.

Obstwein out – Wein in

Eklatant ist gemäss EAV-Zahlen der Rückgang des Obstwein-Konsums in den letzten 50 Jahren. Hatte sich der Konsum 1880 bis in die Nachkriegszeit 1945/49 von 640’000 auf 1,6 Mio. Hektoliter erhöht, ging er seither kontinuierlich auf heute 201’000 Hektoliter zurück. Sein Anteil am gesamten Alkohol-Konsum schrumpfte in den letzten 50 Jahren von 18 auf gerade mal 1%.

Der Wein erhöhte seinen Anteil am Gesamtverbrauch im gleichen Zeitraum um 10 auf 52%. Seit 1880/84 war der jährliche Weinverbrauch von 2 Mio. bis zur Jahrhundertwende auf 2,85 Mio. Hektoliter gestiegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sank der Weinkonsum auf einen Tiefstpunkt von 1,6 Mio. Hektoliter.

Seither nahm der Weinkonsum bis 1986/90 schrittweise wieder auf fast 3,3 Mio. Hektoliter zu. Dass der Weinkonsum inzwischen wieder auf 3,1 Mio. Hektoliter sank, führt die EAV auf die wirtschaftliche Rezession und möglicherweise auf ein stärker verbreitetes Gesundheits-Bewusstsein zurück.

swissinfo und Agenturen

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