Alkoholpolitik: ein Pilotversuch
Das nationale Alkoholprogramm "Alles im Griff" sucht die Zusammenarbeit mit den Gemeinden. An lokalen Anlässen soll nicht mehr übermässig Alkohol fliessen.
Die Geschichte läuft praktisch jede Nacht an vielen Orten in der Schweiz (und nicht nur in der Schweiz) ab: Betrunkene ziehen grölend durch die Ortschaft, hier wird in einen Getränkeautomaten gepinkelt, da eine Fensterscheibe zertrümmert. Etwas später kommt der öffentliche Abfallkübel an die Reihe und landet im Fluss. Schliesslich wird gegen ein parkiertes Auto getreten. Die Beispiele können beliebig ergänzt werden.
Pilotversuch für Gemeinden
Durch Verkehrsunfälle, erhöhte Gewaltbereitschaft (Schlägereien, Gewalt an Frauen und Kindern), Vandalismus oder Nachtruhestörung erwachsen der Öffentlichkeit Schäden in Millionenhöhe. Betroffen ist die Allgemeinheit, die Bewohnerinnen und Bewohner einer Gemeinde. Während für Alkoholkranke ein ganzes Betreuungsnetz besteht, sieht es bei den «ab und zu Betrunkenen» eher düster aus.
Das soll sich ändern. Politiker und Behörden suchten mit lokalen Suchtberatungs-und Suchtpräventionsstellen nach neuen Wegen. Entstanden ist ein nationales Alkoholprogramm, das von der Zürcher Radix Gesundheitsförderung ausgearbeitet wurde. Ein Pilotprojekt, an dem Gemeinden teilnehmen können.
«Situativ Betrunkene»
Übermässiger Alkoholkonsum kann die Lebensqualität beeinträchtigen. Und zwar nicht nur diejenige der Täter, sondern auch diejenige der Opfer, sagt das Bundesamt für Gesundheit (BAG).
Man rechnet, dass die Schäden an Mensch und Material durch «situativ Betrunkene», sprich gelegentlich zuviel Alkohol Konsumierende, etwa gleich hoch ist, wie die Aufwendungen für Therapien und Betreuung der Alkoholiker.
Beispiel Pubfestival
Was nun kann denn eine Gemeinde konkret tun? Stefan Spring von der Radix erläutert dies gegenüber swissinfo am Beispiel der beliebten «Pubfestivals». Ein solches Festival findet in der Regel in einer Halle oder in einem Zelt statt. An diesen Festen wird häufig nichts anderes getan, als Alkohol konsumiert.
«Oft verkaufen an diesen Anlässen Angestellte an den Ständen Alkohol und kennen nicht einmal die geltenden Gesetze», sagt Spring und meint: kein Alkohol unter 16 Jahren, keine harten Drinks unter 18 Jahren. Klare Regeln für den Alkoholausschank! «Da führen wir künftig Kurse durch, um die Leute an der Verkaufsfront aufzuklären.» Eine Gemeinde kann verlangen, dass kein Alkohol unter 16- bzw. 18-jährige abgegeben wird.
Gemeinden sind gefordert
Auch an die örtliche Polizei werde man gelangen. «Die meisten Leute kommen mit dem Auto an solche Anlässe. Da soll die Polizei kontrollieren, in welchem Zustand sich die Besucherinnen und Besucher dann ans Steuer setzen», sagt Stefan Spring.
Auch könne ein verbilligter Taxidienst (wie die Heimbring-Organisation «nez rouge») zum öffentlichen Verkehr geschaffen werden. Zahlreiche andere Vorkehrungen seien möglich. «Die Gemeinden sollen eine lokale Alkoholpolitik schaffen.» Das gelte für alle Anlässe im Ort. Vom Jodlerfest bis zur Disco.
Am Pilotprojekt, das nun beginnt, nehmen rund 20 Gemeinden teil. Im Jahr 2002 läuft die Pilotphase. Dann wird Bilanz gezogen und ab 2003 will das BAG die Erkenntnisse dieser Alkoholpolitik der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.
Es wird spannend sein, ob das Projekt Erfolg haben wird. «Nichts gegen ein Glas Wein, aber es gibt Anlässe, wo die organisierenden Vereine die Hälfte oder mehr der Einnahmen durch Alkoholverkäufe realisieren», sagt Stefan Spring von der Radix Gesundheitsförderung.
Urs Maurer
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