Das Glück gepachtet
Schweizerinnen und Schweizer finden ihr Glück vor allem in konservativen Werten. Und eine Mehrheit empfindet es als beglückend, in der Schweiz zu leben, wie eine neue Studie zeigt.
Im Pavillon «Happy End» auf der Arteplage Biel spüren im Schnitt pro Tag rund 10’000 Besucherinnen und Besucher dem eigenen Glück nach. Auch wenn Momente des Glücks individuell erfahren werden, so stimmen doch die Ursachen, welche zu Glück führen, zum Teil überraschend überein – dies ist ein Ergebnis der Glück-Studie des GfS-Forschungsinstituts. Sie wurde am Dienstag an der Expo präsentiert.
Gesundheit zuoberst auf Hitliste
Gesundheit sei für das persönliche Glück am Wichtigsten, sagten 97% der Befragten in der Untersuchung, welche im Auftrag des Finanz-Konzerns Zürich gemacht worden war. In telefonischen Interviews waren Frauen und Männer der ganzen Schweiz im Alter von 16 bis 76 Jahren befragt worden.
Glücklich machen gemäss der GfS-Hitliste nach der Gesundheit auch gegenseitiges Vertrauen, finanzielle Absicherung und die Natur. Dies sei bemerkenswert, weil es sich dabei nur um «glücksvorbereitende Faktoren» handle, sagte Peter Spychiger-Carlsson, Vorsitzender der GfS-Geschäftsleitung.
Die «primären Glücksinhalte» erscheinen erst im zweiten Teil der Liste: Freunde und Verwandte, Freizeit und «in der Schweiz leben zu können». Als weniger wichtig werden dagegen Beruf und Arbeit oder auch Sexualität eingestuft. Peter Spychiger: «Der Schweizer ist sehr gut im Vorbereiten des Glücks. Hoffen wir, dass er es dann auch geniessen kann.»
Trautes Heim als Ziel
Auffallend ist, dass Gesundheit, Ehe, Partnerschaft, Verwandte und Freunde, finanzielle Situation und Freizeit für alle Altersgruppen etwa die gleich hohe Bedeutung haben. Diese traditionellen Glückswerte haben sich seit 70 Jahren kaum verändert. Die Gründung einer Familie ist für die 20-Jährigen von heute genauso erstrebenswert wie für die damals 20-Jährigen im Jahr 1942.
Diese Übereinstimmung zwischen Jung und Alt sei bedenklich, sagte Lutz Engelke, einer der Realisatoren des Pavillons «Happy End», in der Podiumsdiskussion nach der Präsentation der Studie: «Wie soll sich da ein Land verändern?».
Unterschiede zwischen den Altersgruppen ergeben sich hingegen bei den Werten Kinder, Sexualität sowie Beruf und Alltag. Kinder sind erst ab 30 Jahren ein Thema. Der Sexualität, dem Beruf und der Karriere messen vor allem die 25- bis 47-Jährigen Bedeutung bei.
In der Schweiz wohl – mit Einschränkungen
In einem Punkt sind sich Jung und Alt, Frauen und Männer, Romands, Tessiner und Deutschschweizer ganz besonders einig: Es sei ein Glück, in der Schweiz zu leben, sagen 75% der Befragten.
Den Drang nach Neuem und Unerwartetem, um glücklich zu sein, verspüren nur gerade die 16- bis 36-jährigen. Für den künstlerischen Direktor der Expo.02, Martin Heller, ist dieser fehlende Drang nach Neuem bei der «Generation der aktuellen Entscheidungsträger eine «Katastrophe».
70% der Befragten sind zuversichtlich, wenn sie an die Zukunft denken. 30% sind sehr zufrieden mit ihrem heutigen Leben, am zufriedensten die Deutschschweizer (42%).
Erstaunlicherweise bezeichnen sich nur gerade 25% der Tessiner als glücklich. Und wenn sie an die Zukunft denken, so malen sie ein deutlich düstereres Bild als die restliche Schweiz. Die ökonomischen Probleme des Tessins gewinnen durch diese Ergebnisse an Bedeutung.
Glück ist nicht sozial
Pessimistisch der Zukunft gegenüber eingestellt sind auch jene, die schlechter verdienen. Generell sind Leute mit höherem Einkommen und besserer Ausbildung gemäss Studie glücklicher, es fällt ihnen leichter, ihre persönlichen Ziele zu erreichen.
In dem Sinne sei Glück etwas Asoziales, meinte Peter Spychiger. Zudem stärke ein höheres Einkommen den Stolz auf den eigenen Erfolg: «Je grösser das Einkommen, desto mehr klopf ich mir auf die Schulter.»
Besonders zufrieden sind Verheiratete mit hohem Einkommen und einer guten Bildung. Singles mit durchschnittlicher Bildung und tiefem Einkommen sind eher der Meinung, auf der Schattenseite des Lebens zu stehen.
Mirakel Schweiz
Der Schweizer und die Schweizerin blieben für ihn weiterhin «ein Mirakel», erklärte Konrad Mrusek, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für die Schweiz. Die Studie zeige, dass die Schweizer glücklich seien. «Aber wo zeigen sie es dann?», fragte er und entwickelte die These: «Sie zeigen es nicht auf der Strasse, sondern zu Hause».
Amüsant fand Mrusek, dass die ältere Generation der Befragten in Adolf Ogi ein Glücksvorbild sieht. «Ogi ist ein untypischer Schweizer, er ist offen und kommunikativ, eine Mischung aus Naturbursche und Marketingtyp – so wie die Schweizer gerne sein möchten.»
Die Jüngeren setzten Simon Amman an die Spitze der Liste der Glücklichen. Martin Heller meinte dazu: «Heitere Gemüter mit einem gewissen Status an Prominenz scheinen sich als Vorbilder fürs Glücklichsein zu eignen.»
Kathrin Boss Brawand
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