Ethische Debatten über Spitzenmedizin
Die Schweizer Regierung hat eine neue nationale Ethikkommission für den Bereich Humanmedizin eingesetzt. Die Fachleute sollen gesellschaftliche Debatten über Organ-Transplantation, Fortpflanzungs-Medizin, Stammzellen-Forschung und therapeutisches Klonen ankurbeln.
Vor exakt 5 Jahren, am 5. Juli 1996, wurde das Klonschaf Dolly geboren. Die Angst vorm geklonten Menschen geisterte damals auch durch die Schweiz – doch während seither europaweit über Embryonen-Schutz und -Forschung debattiert wurde, blieb es hierzulande ruhig.
Unter der Präsidentschaft von Christoph Rehmann-Sutter, Philosoph und Ethiker an der Universität Basel, soll sich die neu geschaffene Kommission nun mit «ethischen Fragen zu den neuen Möglichkeiten und zu den Grenzen der Medizin auseinandersetzen», so die Mitteilung des Bundesamtes für Gesundheit. Insbesondere ist Aufgabe der Kommission, «die Diskussion über ethische Fragen in der Gesellschaft zu fördern».
Solche Debatten sind dringend gefragt. So wurde während des letzten Winters beispielsweise im englischen Parlament intensiv über die Möglichkeit des therapeutischen Klonens diskutiert. Und Ende Mai dieses Jahres fand auch in Deutschland eine heftige Debatte über Embryonenschutz statt.
Embryonen-Schutz aufweichen?
Nur auf den ersten Blick scheint in der Schweiz alles klar: Ein neues Fortpflanzungs-Medizin-Gesetz ist seit Anfang dieses Jahres in Kraft, wohl eines der strengsten Europas. Menschliche Embryonen dürfen hierzulande nicht aufbewahrt werden, auch ist es verboten, an ihnen zu forschen. Doch bereits regt sich Widerstand gegen diese rigorosen Beschränkungen: Nach dem Ja in Grossbritannien zum therapeutischen Klonen forderten auch in der Schweiz verschiedene Wissenschaftler, der Embryonen-Schutz solle aufgeweicht werden.
Zudem hat der Schweizer Nationalfonds, die Finanzierungs-Stelle für staatliche Forschung, zurzeit ein Gesuch auf dem Tisch für die Forschung mit importierten embryonalen Stammzellen. Die schweizerische Gesetzgebung verbietet zwar die Gewinnung von Stammzellen – doch die Arbeit mit importiertem Material ist erlaubt. Dies haben verschiedene Juristen bestätigt.
«Wir wollten der gesellschaftlichen Debatte nicht vorgreifen», begründet Marco Iten vom Nationalfonds, weshalb das Gesuch vorläufig auf Eis gelegt ist.
Forschungsfreiheit versus Menschenwürde
Gerade rund um Forschungs-Gesuche sind ethische Fragen zentral. In der Verwaltung wird zurzeit denn auch bereits an neuen Regelungen für diesen Bereich gearbeitet: an einem Gesetz über Forschung am Menschen.
Forschungsfreiheit versus Menschenwürde – auch da werden die Argumente der nationalen Ethikkommission gefragt sein. Und die Zeit drängt: Im Sommer 2002 soll das Forschungs-Gesetz bereits in die Vernehmlassung.
Eva Herrmann
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