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Geschäftsgeheimnis vor Transparenz

Myrtha Welti und Jean-François Bergier von der UEK während des Mediengespräches. Keystone

Die Synthese der Unabhängigen Experten-Kommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg(UEK) soll im kommenden Frühling veröffentlicht werden. Sechs Monate vor Ablauf ihres Mandats hat die UEK den Stand ihrer Arbeiten präsentiert und dabei nochmals den Entscheid des Bundesrates über die Rückgabe der archivierten Akten kritisiert.

Das Mediengespräch, zu welchem die Unabhängige Experten-Kommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg (UEK) am Mittwoch (04.06.) eingeladen hatte, war vor allem von einem Thema geprägt: Vom gestrigen Entscheid des Bundesrates betreffend der Rückgabe der Aktenkopien. Der Bundsrat hatte zugunsten der Wirtschaft entschieden. Die Unternehmen können von der UEK die Kopie von Dokumenten aus ihren Archiven zurückverlangen.

Insgesamt sind rund 130’000 Kopien vom Entscheid betroffen. Damit werde die Transparenz der Forschungsarbeit beeinträchtigt und ein falsches Signal ausgesendet, erklärte Generalsekretärin Myrtha Welti. Zudem werde der Quellenbestand zerstückelt und es gebe ein Glaubwürdigkeitsproblem, fügte der Historiker Jakob Tanner hinzu. In einigen Jahren jedoch sei es sehr gut möglich, dass der Entscheid des Bundesrates selber durch die Politik als nicht mehr optimal betrachtet werde, prophezeit der Historiker.

Tanner hofft, dass die Unternehmen an Transparenz interessiert seien und nur wenige Akten zurückfordern. Sein Kollege, Historiker Georg Kreis, wies allerdings darauf hin, dass sich einige Unternehmen schon bei der Öffnung ihrer Archive nicht sehr kooperativ gezeigt hätten. Der Bundesrats-Entscheid bestärke nun diese unkooperative Haltung. Kreis stellte zudem die These auf, dass der Bundesrat vor drei Jahren einen anderen Entscheid gefällt hätte.

Geschäftsgeheimnis oder Angst vor Transparenz

Myrtha Welti meinte, der Entscheid zeige, dass ohne ausländischen Druck die Schweiz anscheinend nicht bereit sei, ihre Geschichte zu überdenken. «Und man müsse sich schon fragen, vor was haben denn diese Unternehmen Angst?», sagte sie gegenüber swissinfo.

Peter Hutzli von economiesuisse bestreitet, dass die Unternehmen vor Transparenz Angst hätten, doch «das Geschäftsgeheimnis muss wie das Arztgeheimnis gewahrt bleiben». Die UEK habe schliesslich auch Kopien von Akten, die bis in die 90er Jahre reichten, vertraute Hutzli swissinfo an. Hutzli zeigte sich enttäuscht über die Haltung der UEK und erklärte, dass dies eine zukünftige Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Forschern beeinträchtigen werde. Er vermutet auch, dass alle 130’000 Aktenkopien zurückgefordert werden.

Synthese zwischen 400 und 500 Seiten

Die Arbeit der Kommission komme gut voran, sagte der Präsident der UEK, Jean-Francois Bergier. Die UEK will bis Ende Dezember dem Bundesrat ihre Synthese in einem Umfang von 400 bis 500 Seiten abgeben. Veröffentlicht wird der Bericht möglicherweise März oder April nächsten Jahres. Erscheinen wird er im Chronos-Verlag. Erste Studien und Beiträge sollen allerdings bereits Ende August der breiten Öffentlichkeit präsentiert werden, wie Bergier sagte. Die Themen der 17 Studien und sechs Beiträge umfassen folgende Themen: Industrie, Banken/Versicherungen, Finanzbereich im weiteren Sinne, Aussenwirtschaft, Flüchtlingspolitik.

In der, in vier Sprachen verfassten Synthese werden schliesslich verschiedenste Themen zusammengefasst, führte Historiker Jacques Picard aus. Picard erinnerte daran, dass der Schlussbericht Antworten auf ganz bestimmte Fragen geben soll, nicht aber einen vollständigen Überblick über die Gesamtproblematik im europäischen Kontext des Zweiten Weltkrieges. Damit sei die Vergangenheitsbewältigung der Schweiz noch nicht abgeschlossen, fasste Piccard zusammen. Georg Kreis betonte, dass es auch am Schluss offene Fragen geben werde. «Wissenschaft heisst auch, neue Fragen zu stellen.»

Carole Gürtler und Agenturen

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