Kommt das Leben aus dem Weltall?
Europäische und Lausanner Biologen versuchen, dem möglicherweise extraterrestrischen Ursprung des Lebens auf die Spur zu kommen. Bakterien werden dem Druck einer Weltraumfahrt und der Rückkehr in die Atmosphäre ausgesetzt.
Am 15. Oktober gehen die Bakterien auf ihre Reise.
Am 15. Oktober fliegt eine unbemannte Raumkapsel des Typs Foton von der russischen Weltraumbasis Plesetsk auf eine zweiwöchige Rundreise um die Erde.
Während des Flugs sollen rund vierzig europäische, kanadische und chinesische Versuche durchgeführt werden. Darunter «Stone» und «Cramino», zwei Projekte, die vor allem dank dem Institut für Grundlagenmikrobiologie der Universität Lausanne möglich sind.
Das Ziel: Testen, wie Bakterien und Aminosäuren (die Grundsteine jedes lebenden Organismus) eine Reise ins Weltall und die Rückkehr in die Atmosphäre samt dem extremen Druck und der grossen Hitze überleben.
Solid gepanzerte Bakterien
Um das herauszufinden, haben Lausanner Forscher eine Million Sporen des Bacillus subtilis in zwei Kieselsteine eingeschlossen. Es handelt sich dabei um eine vollständig ungefährliche Bakterie, die noch nie die geringste Krankheit übertragen hat.
Diese Sporen sind Zellen, die auf ihre einfachste Form reduziert sind. Alles Wasser wird ihnen entzogen und sie werden mit einer Membran umschlossen, die sie praktisch unzerstörbar macht.
Die beiden Kieselsteine mit diesen eigentlichen biologischen Überlebenseinheiten werden am Hitzeschild der Kapsel befestigt, welche sich bei der Rückkehr in die Atmosphäre bis zur Weissglut erhitzt.
Wenn die Sporen diese Behandlung überleben, ist der Beweis erbracht: Ein lebender Organismus kann in den Weltraum reisen. Ohne Sauerstoff, ohne Wasser und vor allem ohne Raumanzug.
Das genügt natürlich nicht als Beweis, dass das Leben auf der Erde aus dem All gekommen ist. Aber die Hypothese kann nicht mehr ausgeschlossen werden.
Wie alles begann…
Die Biologen wissen, dass die ersten Bakterien auf der Erde (unsere ältesten Vorfahren) vor 3,5 Millionen Jahren auf dem Grund der Ozeane erschienen.
Und genau dieses frühe Aufkommen von Bakterien lässt verschiedene Fachleute rätseln. Denn die Erde entstand vor etwa 4,5 Milliarden Jahren. 500 Millionen Jahre brauchte es dann, bis aus der Magmakugel der felsige Planet Erde wurde. Und gemäss den Berechnungen sollte es also «nur» eine halbe Milliarde Jahre gedauert haben, bis die ersten einzelligen Organismen entstanden.
Von chemischen Prozessen hin zu Aminosäuren und schliesslich eben Bakterien – für diese ganze Entwicklung sind diese halbe Milliarde Jahre recht kurz, so die Meinung von Experten.
Gibt es einen anderen Weg, wie das Leben hier auf der Erde entstand? – Nichts hindert uns daran, uns Welten vorzustellen, in denen es viel früher Leben gegeben hat als auf der Erde. Und die nächste dieser Welten ist der Rote Planet.
Leben auf dem Mars
«Wir wissen noch immer nicht, ob es auf dem Mars Leben gegeben hat oder noch gibt», räumt Gabriel Borruat vom Institut für Grundlagenmikrobiologie in Lausanne ein. «Aber da der Mars kleiner und weiter von der Sonne entfernt ist als die Erde, wies er sicher vor der Erde Bedingungen auf, die für die Entstehung von Leben günstig sind.»
Der Lausanner Forscher schliesst aber nicht aus, dass solch ursprüngliche Bakterien von viel weiter her gekommen sind. Also von einem anderen Planetensystem, das durch die Explosion seines Sterns im Raum pulverisiert wurde.
Für Gabriel Borruat ist die Existenz eines anderen Lebens in der Unendlichkeit des Weltraums jedenfalls sicher. «Ich betrachte das Leben als eine Dimension des Universums, gleich wie den Weltraum oder die Zeit», meint er, und legt damit für einen Moment die Strenge des Wissenschaftlers ab, der nur glauben darf, was bewiesen ist.
Primitive Weltraumschiffe
Es bleibt die Frage, wie Bakterien in Steinstücke eingeschlossen durch den Weltraum bis zu uns gelangen konnten.
«Als das Sonnensystem noch jung war, waren die Planeten intensiven Bombardierungen durch Meteoriten ausgesetzt», erklärt Borruat.
Und einige dieser Erschütterungen waren gewaltig genug, um Felsen mit einer so hohen Geschwindigkeit hinauszuschleudern, dass sie aus der Anziehungskraft ihres Ursprungsplaneten flogen, ob dies nun der Mars war oder sonst ein Planet.
Wenn diese Steinstücke Bakterien enthielten, genügte es dann, dass einer davon auf der Erde landete. Und so wäre das Leben auf unserem Planeten von ausserhalb gesät worden.
Natürlich ist diese so genannte «Panspermien-Theorie» weniger aufregend als jene der kleinen grünen Männchen, welche das Leben auf der Erde in den Labors ihrer futuristischen Weltraumschiffe geschaffen haben… Aber sie ist fundierter.
Und heute gelten ihre Anhänger, wie Gabriel Borruat und seine Kolleginnen und Kollegen, in der Welt der Wissenschaft nicht mehr als Spinner.
swissinfo, Marc-André Miserez
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