Lizenz zum Abschuss?
Für Wale wird's eng: Die grossen Walfang-Nationen fordern im Vorfeld der Konferenz der Internationalen Walfang-Kommission (IWC) von Ende Juli das Recht auf Walfang. Die Schweiz will für ein Regelwerk kämpfen, das den Walfang beschränkt zulässt. Die Umweltverbände setzen Fragezeichen.
«Obwohl seit 1986 ein internationales Fangverbot für Wale gilt, sind diese Tiere nach wie vor stark gefährdet. Zum einen gibt es immer noch Länder wie Japan und Norwegen, welche Wale jagen. Zum anderen lauern heute mehr denn je Umweltgefahren, die für Wale den frühzeitigen Tod bedeuten können: die Schrauben vorbeifahrender Schiffe, die fehlende Nahrungsgrundlage infolge massiver Überfischung oder die Verschmutzung der Ozeane.»
Diese Einschätzung stammt von Sigrid Lüber, Präsidentin der 29’000 Mitglieder und Gönner umfassenden Arbeitsgruppe zum Schutz der Meeressäuger (ASMS) mit Sitz in Wädenswil. Mit Spannung erwartet Lüber die Konferenz der Internationalen Walfang Kommission (IWC), welche vom 23. bis 27. Juli in London zusammentritt. Auch die Schweiz ist IWC-Mitglied: «Ich hoffe sehr, dass die Schweiz eine klar Wal-freundliche Haltung einnimmt.»
Von der Regulierung zum Verbot
Seit 1948 ist die Internationale Konvention zur Regulierung des Walfangs in Kraft, eine Übereinkunft, welche sich zum Ziel setzt, die Wale mittels Fang-Quoten nachhaltig zu schützen. Ausführendes Organ der Konvention ist die IWC, welche 1986 – in Anbetracht der prekären Situation zahlreicher Walarten – ein generelles und bis heute gültiges Verbot für den kommerziellen Walfang verabschiedete.
Nur bedingt akzeptiert wurde dieses Moratorium von Seiten der grossen Walfang-Nationen wie Japan oder Norwegen, welche noch immer ihre Harpunen nach den Meeressäugern schleudern. Diese Länder machen geltend, dass lediglich jene Arten gejagt würden, deren Populationen eine Jagd durchaus verkrafteten. Vom Aussterben bedrohte Wale genössen indessen Schonung.
Programmierter Konflikt
An der kommenden IWC-Konferenz von London ist für Konfliktstoff gesorgt: Während die Walfang-Nationen die Aufhebung des Fang-Moratoriums fordern, kämpfen andere Nationen für die konsequente Umsetzung des Verbots. Ferner sollen riesige Gebiete in Südatlantik und Südpazifik zu Schutzzonen ernannt werden.
Thomas Althaus, Leiter des Ressorts Artenschutz beim Bundesamt für Veterinärwesen, ist Mitglied der Schweizer Delegation in London: «Die Schweiz hat als Land, das sich nicht am Walfang beteiligt, in der IWC eine vermittelnde und koordinierende Rolle. Wir wirken darauf hin, dass die Konfliktparteien nicht aufhören, sich an einen Tisch zu setzen. Nur so kann die Konvention überhaupt am Leben erhalten werden.»
Laut Althaus will die Schweiz an der Konferenz in erster Linie darauf hinwirken, dass ein Bewirtschaftungs-Plan geschaffen wird: «Japan und Norwegen jagen in erster Linie Kleinwale. Davon gibt es in den Ozeanen Millionen. Diese Jagd schadet der Population im Grunde genommen also nicht. Wir wollen aber ein Bewirtschaftungs-Schema: Man muss zuerst genaue Kenntnisse der Grösse der jeweiligen Population gewinnen. Erst dann soll aufgrund klarer Richtlinien festgelegt werden, wie viele Wale man jagen kann, ohne dass dies eine Gefährdung der Art als Ganze nach sich zieht.»
Realitätsfremde Opposition?
Gar nicht anfreunden mit dem Gedanken an ein derartiges System kann sich die Walschützerin Sigrid Lüber: «Wenn indigene Völker heute noch Wale fangen, dann ist das eine Sache. Wenn aber reiche Industrie-Nationen aus reiner Profitgier Wale töten, lehne ich das grundsätzlich ab. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Fang-Quoten blosse Papiertiger sind.» Ins selbe Horn stösst auch Richard Lehner, Mediensprecher beim WWF Schweiz: «Es gibt heute keinen einzigen zwingenden Grund, weshalb man Wale jagen müsste.»
Diese Argumentation gehe an der Realität vorbei, meint Thomas Althaus: «Tatsache ist, dass heute Wale gejagt werden. Da ist es allemal besser, ein Regelwerk zu schaffen, welches den Walfang in klare Bahnen lenkt. Nur so können die einzelnen Tierarten nachhaltig geschützt werden.»
Felix Münger
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch