Presseschau vom 31.05.2003
Der G-8-Gipfel wird im Schweizerischen Tageszeitungs-Blätterwald aus unterschiedlichsten Blickwinkeln erfasst und beurteilt.
Eine Bemessung dessen weltpolitischer Bedeutung sowie die Auswirkungen auf die schweizerische Genfersee-Region stehen im Mittelpunkt der Kommentare.
Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG fragt, ob «mit dem Geist von Evian» aus der Krise herausgefunden werden könnte. Und weiter: «War es nun weise Voraussicht Präsident Chiracs, das Gipfeltreffen der acht sogenannten führenden Wirtschaftsnationen in Evian anzusetzen?»
Wer den Blick auf die zurzeit von Streiks und Demonstrationen umgepflügte politische Landschaft Frankreichs werfe, könnte dem zustimmen. In gebührender Distanz zum Nervenzentrum Paris, in angenehmer Nähe zu der mit deutscher Hilfe gut bewachten Schweiz liesse sich bei kohlesäurearmen Mineralwasser ruhiger tagen, meint die NZZ weiter.
Resultate gefordert
Sie fordert deshalb auch Resultate: «Als Minimalleistung wäre von den Präsidenten und Regierungschefs in Evian zu verlangen, dass sie die transatlantischen und innereuropäischen Zerwürfnisse überbrücken, und zwar so, dass die hochintegrierten Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen den Kontinenten keinen Schaden erleiden, die Basis für einen kräftigen Aufschwung gelegt werden kann.»
LE TEMPS macht sich Gedanken zur internationalen Bedeutung des G8-Gipfels:
«Dans l’agenda de George Bush, Evian n‘ est qu’une escale entre Cracovie et Aqaba» – In der Agenda von George Bush ist Evian nur eine Treppenstufe zwischen Krakau und Akaba.
Der BUND beschäftigt sich auch mit dem G-8-Gegengipfel im französischen Annemasse und den Globalisierungsgegnern in Genf und titelt diesen Artikel mit «Die Welt ist keine Ware».
20 Jahre Globalisierung
In die selbe Kerbe haut die BERNER ZEITUNG, wenn sie die «Schattenseiten des Weltmarktes» beschreibt: «Protest gegen den G-8-Gipfel in Evian ist ein Muss für jeden anständigen Globalisierungskritiker.» Um dies zu dokumentieren, macht sie einen Rückblick auf zwanzig Jahre Globalisierung und deren Schattenseiten.
«Geschossen wird nur im absoluten Notfall», lässt der BLICK Generalstabschef Christoph Keckeis zu Wort kommen. Die 5600 Schweizer Soldaten seien auf alles vorbereitet – auch auf den Gebrauch ihrer Schusswaffe.
Neoliberales Gedankengut im Kreuzfeuer
Ein paar Seiten später gibt das Boulevard-Blatt dem «Star der Globalisierungskritiker» eine Plattform. Die kanadische Bestellerautorin Naomi Klein wird über die Weltwirtschaft und Globalisierungs-Utopien gefragt und was wir aus dem tiefen Fall der argentinischen Volkswirtschaft lernen können.
Klein geisselt die neoliberale Ideologie der grossen Staaten und meint zum Irak-Krieg: «Der Irak-Krieg war die extreme Version des lateinamerikanischen Prozesses – Gewalt anwenden, um die Ressourcen eines Landes zu kontrollieren.»
Muss die Schweiz sich verstecken?
Gedanken über die Auswirkungen des G-8-Gipfels für die Schweiz macht sich der TAGES ANZEIGER. Der Kommentator bemängelt: «Gefragt wurde erst gar nicht. Der französische Präsident geruhte lediglich, die Schweizer Regierung von seinem Entscheid persönlich in Kenntnis zu setzen. «
Jacques Chirac hätte Kaspar Villiger angerufen um mitzuteilen, er bringe den G-8 Gipfel nach Evian. «Was hat denn ein Kleinstaat zu melden, wenn die Grossen entschieden hätten,» wird da schon eher rhetorisch gefragt. Ausserdem müsste die Schweiz der Welt beweisen, dass Genf der Herausforderung der G-8 gewachsen sei.
«Die Angst vor der Blamage ist typisch für die Schweiz und zutiefst provinziell», lautet das gnadenlose TAGI-Urteil.
Aber die Schweiz müsse sich wahrlich nicht verstecken: es sei das Verdienst der Schweiz, dass die Globalisierungskritiker dieses Jahr in einer grossen Stadt eine Plattform erhalten.
«Letztlich holt die Schweiz damit für die G-8-Staaaten die Kastanien aus dem Feuer: Die Stadt Genf nimmt die Gefahr von Ausschreitungen in Kauf und versucht, zu beweisen, dass Gipfeltreffen möglich sind, ohne die Bürgerrechte mit Füssen zu treten.»
Logisch deshalb das TAGI-Fazit: «Darauf könnte man stolz sein – statt unablässig über fehlende Polizisten zu jammern.»
swissinfo, Etienne Strebel
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