Schweizer Firmen warten ab
Novartis und Roche sehen sich durch die angekündigte Übernahme von Pharmacia durch Pfizer nicht unter zusätzlichem Fusionsdruck.
Novartis habe die Freiheit, auf eine valable Partnerin zu warten, sagte Konzernchef Daniel Vasella nach der überraschenden Übernahme-Ankündigung.
Dennoch werde ein Zusammenschluss auch für Novartis unumgänglich sein. Der Pharmamarkt befinde sich weiter in einer Konsolidierungsphase. In einigen Jahren würden verschiedene Marktteilnehmer zu klein sein, um selbständig dem Konkurrenzdruck standhalten zu können.
Über mögliche Heirats-Kandidatinnen wollte sich Vasella jedoch nicht äussern.
Novartis in jeder Richtung offen
Ein Zusammenschluss mit der Basler Konkurrentin Roche sei derzeit kein Thema. Novartis hatte die Bereitschaft für eine Partnerschaft signalisiert, war bei Roche aber auf Ablehnung gestossen.
Vasella betonte jedoch, Novartis sei in jeder Richtung offen. Eine Partnerschaft könne sowohl die Produktpalette des Unternehmens verbreitern, wie auch für einzelne Produkte oder Sparten zu einer verstärkten Marktpräsenz führen.
Novartis werde die Partnersuche sehr behutsam angehen. Eine Transaktion in dieser Grössenordnung sei derart aufwändig, teuer und schwierig für das Personal beider Unternehmen, dass man Nutzen und Risiken genau prüfen müsse.
Gelassenheit auch bei Roche
Auch bei Roche löste die Meldung über die Megafusion keine Panik aus. «Wir verfolgen diese Entwicklung mit grossem Interesse, sehen aber keinen Bedarf, unsere Strategie zu ändern», sagte Roche-Sprecher Daniel Piller.
«Wir setzen primär auf internes Wachstum in unseren beiden Standbeinen Diagnostica und Pharma. Dort wo es Sinn macht, werden wir selektiv Akquisitionen vornehmen, so wie im Fall der japanischen Chugai», sagte er weiter. Die Roche verfüge über die kritische Masse.
Ausserdem äusserte Piller Zweifel ob eine Fusion in dieser Grössenordnung überhaupt einen Mehrwert schaffe. Offen ist bei der Roche nach wie vor die Lösung für die Vitamindivision. Ein Verkauf, ein Spin-off oder andere Möglichkeiten sich von dieser Sparte zu trennen, würden überprüft.
Fragmentierte Industrie
«Im Gegensatz zu anderen Industrien ist die Pharmaindustrie immer noch sehr stark fragmentiert», sagte Michel Venanzi, Fondsverwalter bei der Privatbank LODH in Genf gegenüber swissinfo. Es brauche eine sehr grosse Marktmacht, um Produkte erfolgreich zu vermarkten. Die jüngste Übernahme könnte deshalb eine Kettenreaktion auslösen.
Auch Patrick Bürgermeister, Pharma-Analyst bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), rechnet mit weiteren Übernahmen. «Mit Profiten aus der Genetik- und Proteomikforschung ist erst in einigen Jahren zu rechnen. Fusionen werden deshalb eine Antwort sein, um die Zeit zu überbrücken bis neue Produkte aus diesem Forschungszweig vorliegen», sagte Bürgermeister gegenüber swissinfo.
Die Übernahme von Pharmacia durch Pfizer setze aber weder Novartis noch Roche unter zusätzlichen Fusions-Druck, sagte der ZKB-Analyst.
Ein neuer Pharmagigant entsteht
Bei der Übernahme von Pharmacia durch den weltgrössten Pharmakonzern Pfizer handelt sich um eine der bisher grössten Pharma-Übernahmen.
Pfizer baut damit seine Spitzenposition als weltgrösster Pharmakonzern weiter aus und steigert seinen Umsatz auf rund 48 Mrd. Dollar. Damit lässt der neue Pharmariese seine Konkurrenten weit hinter sich. Die Nummer 2, GlaxoSmithKline, erzielt einen Umsatz von 29,5 Mrd. Dollar, Novartis und Roche einen solchen von 19 Mrd., bzw. 17,2 Mrd. Dollar.
Zusammen verfügen Pfizer und Pharmacia über einen Forschungsetat von 7 Mrd. Dollar und ein mit Marktführern gefülltes Arzneisortiment. Dazu gehören etwa das Potenzmittel Viagra, der Cholesterinsenker Lipitor von Pfizer oder die Arthritis-Mittel Celebrex und Bextra von Pharmacia.
Mit der Transaktion wird Pfizer seine ohnehin schon starke Position als Nummer Eins auf dem US-Pharmamarkt weiter ausbauen. In Europa, Japan und Lateinamerika steigt der Konzern damit in die Führungsriege der Pharmabranche auf. Die Megafusion, die Pfizer 60 Mrd. Dollar Wert ist, muss noch von den US-Kontrollbehörden und den Aktionären beider Unternehmen gebilligt werden.
swissinfo und Agenturen
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