Staatsgarantie erhöht Risikofreude
Weltweit haben Staaten Unternehmen gerettet, die selbstverschuldet in die Krise geschlittert sind. Die Spieltheorie untersucht auch das Risikoverhalten der Banker, sagt Wirtschaftsprofessor Martin Kolmar.
swissinfo.ch: Sie befassen sich beruflich mit der Spieltheorie. Sitzen Sie den ganzen Tag am Spieltisch?
Marin Kolmar: Schön wär’s, am Besten im Casino in St. Gallen. Leider – oder Gott sei Dank – ist dem nicht so.
Spieltheorie als Wissenschaft tönt ja vom Namen her etwas merkwürdig.
Ich versuche ganz einfach die Ideen der Theorie anzuwenden, um die Regeln und Gesetzmässigkeiten von menschlicher Interaktion besser zu verstehen und sitze dabei die meiste Zeit am Schreibtisch.
swissinfo.ch: Was versteht man unter dem Begriff Spieltheorie?
M.K.: In gewisser Weise hat die Spieltheorie am Spieltisch begonnen. Die Vorläufer haben sich intensiv mit Gesellschaftsspielen beschäftigt.
Der deutsche Mathematiker Ernst Zermelo, der auch in der Computerwissenschaft sehr berühmt wurde, hat sich beispielsweise die Frage gestellt, ob Schach schon mit der Festlegung von Schwarz oder Weiss eine Gewinnstrategie hat. Das heisst, dass man, wenn man schlau genug ist, schon mit der Zuweisung der Farbe weiss, wer gewinnt.
Seit dem frühen 20. Jahrhundert wissen wir: Es ist so. Aber bis heute hat (zum Glück?) noch niemand rausgefunden, wie genau die Zugreihenfolge sein muss, um mit Sicherheit gewinnen zu können.
Was man daraus lernen kann: In der Spieltheorie beschäftigt man sich mit etwas, das bei Schach ganz prototypisch angelegt ist, nämlich mit der Frage, wie strategische Interaktion funktioniert. Spieltheorie ist immer anwendbar in Situationen, in denen das Verhalten von Einem davon abhängt, was der Andere macht und umgekehrt.
swissinfo.ch: Haben sie ein einfaches Beispiel, um die Theorie zu veranschaulichen?
M.K.: Wir suchen eigentlich nach archetypischen Konflikt-Situationen, die wir dann anwenden können, um die verschiedensten Bereiche zwischenmenschlicher Interaktion besser verstehen zu können.
Sie überlegen sich beispielsweise mit Ihrem Lebenspartner, Ihrer Lebenspartnerin, was Sie am Abend machen wollen. Sie gehen lieber zum Fussball, ihr Partner lieber ins Theater.
Aber bevor sie den Abend alleine verbringen, gehen Sie lieber mit dem anderen mit. Das gilt auch für den Partner. Die Frage ist jetzt die: Wie verhalten Sie sich? Wer setzt sich durch? Diese Fragen untersuchen wir – schon seit Jahrzehnten.
Nun kann man sich fragen, warum man Steuergelder ausgeben soll, um sich mit einer solch trivialen Frage auseinanderzusetzen. Doch uns interessieren die grösseren, sozialwissenschaftlich relevanteren Fragen, die hinter einer solchen Problemstellung stehen, also im Beispiel etwa die Balance aus kooperativen und sich entgegengesetzten Interessen, die sich anderswo wiederfinden lassen.
swissinfo.ch: Wo findet die Spieltheorie in der Praxis Anwendung?
M.K.: Ein historisches Beispiel: In den 1940er-Jahren hat man die so genannten Zwei-Personen-Nullsummen-Spiele entwickelt, um die Logik des Kalten Krieges zu verstehen. Man hat damals schon verstanden, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg auf einen Konflikt zwischen USA und Sowjetunion herauslaufen wird.
Und um zu verstehen, wie ein solcher Konflikt funktioniert, hat man diese Klasse von Spielen entwickelt. Die Idee des «Gleichgewichts des Schreckens» ist im Wesentlichen von Spieltheoretikern begründet. Das war der Anfang.
Wenn man sich heute umschaut, verändert sich die Welt auf Basis spieltheoretischer Ideen, beispielsweise durch die Auktions-Theorie bei der Versteigerung von Mobilfunk-Lizenzen oder bei Ebay. Diese Auktionsformate haben spieltheoretische «Ingenieure» mit entwickelt.
swissinfo.ch: Kann man aus der Spieltheorie auch Schlüsse über die Entstehung der Finanzkrise ziehen?
M.K.: Nur zum Teil. Einige der Ursachen lassen sich mit Hilfe von spieltheoretischen Analyseverfahren besser verstehen.
Ein Beispiel, das zurückgeht auf John Maynard Keynes: Das Herdenverhalten auf den Finanzmärkten. Dort möchte jeder die Wertpapiere kaufen, die die grössten Wertsteigerungen haben werden.
Dies hängt aber von den Erwartungen aller anderen Marktteilnehmer ab. Wenn alle glauben, dass der Preis eines Papiers steigt, dann wird diese Erwartung selbsterfüllend, wenn alle denken, dass er fällt, ebenso.
Es gewinnt demnach nicht derjenige auf dem Finanzmarkt, der die besten Aktien in einem objektiven Sinn findet, sondern derjenige, der am besten versteht, was der durchschnittliche Anleger denkt, wie dieser Finanzmarkt funktioniert. Mit Hilfe spieltheoretischer Überlegungen kann man die Funktionsweise solcher Märkte besser verstehen.
Ein Punkt, bei dem die Spieltheorie sehr geholfen hat, ist die Frage, wie man mit den Rettungsmassnahmen für Banken und Unternehmen umgeht. Da ist klar, wenn Unternehmen schon vorher antizipieren können, dass sie am Ende gerettet werden, wird das ihr Verhalten beeinflussen. Sie gehen also viel höhere Risiken ein, wenn sie wissen, dass sie im Insolvenzfall vom Staat gerettet werden.
Der Staat hat also ein Interesse daran anzukündigen, dass er nicht retten wird. Gleichzeitig gibt es aber ein Interesse an der Rettung, wenn das Kind im Brunnen liegt. Ein solches sogenanntes Zeit-Inkonsistenz-Problem wurde sehr ausführlich von Spieltheoretikern untersucht.
swissinfo.ch: Hat die Entlöhnungs- und Boni-Frage bei Managern auch mit der Spieltheorie zu tun?
M.K.: Das wird schon sehr lange in der Prinzipal-Agent-Theorie von Spieltheoretikern untersucht. Diese versucht, das Handeln von Menschen in einer Hierarchie zu erklären.
Eine interessante und etwas provokative These ist, dass der CEO eines Unternehmens nicht deshalb so viel Geld erhalten muss, weil er so gut ist, sondern weil damit der Anreiz geschaffen wird, dass die in der zweiten Reihe CEO werden wollen.
swissinfo.ch: Wie wichtig ist die Spieltheorie im gesamten Komplex der Mikroökonomie?
M.K.: Viele wichtige Fachvertreter sagen, dass die Ökonomie eigentlich erst mit der Entwicklung der Spieltheorie zu einer Sozialwissenschaft geworden ist. Im Moment ist die Spieltheorie das Arbeitspferd der modernen Mikroökonomie, aber auch von anderen Teilbereichen wie der Makroökonomie oder der Finanzwissenschaft.
Beispielsweise die so genannte Industrieökonomie, die sich mit der Funktionslogik von Märkten mit unvollständiger Konkurrenz befasst, bei der also einzelne Unternehmen eine gewisse Marktmacht haben, ist völlig undenkbar ohne spieltheoretische Methoden. Aber auch die Makroökonomie ist heute in wichtigen Bereichen spieltheoretisch, beispielsweise in der Wachstumstheorie.
Christian Raaflaub, swissinfo.ch
Die Spieltheorie ist die Analyse, wie Menschen und Tiere in sozialen Konfliktsituationen entscheiden.
Dabei geht es um Situationen, bei denen der Erfolg des Einzelnen nicht nur vom eigenen Handeln, sondern auch von den Aktionen anderer abhängt (Kooperation).
Die Vorläufer der Spieltheorie gehen bereits einige Jahrhunderte zurück, so richtig in Schwung kam sie aber in den 1930er-Jahren mit einem Buch von Neumann und Morgenstern, den Begründern der modernen Spieltheorie.
Spieltheoretiker wurden bereits mehrmals mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet.
Die Modelle werden auch in Biologie, Soziologie, Politologie und Rechtswissenschaften angewandt.
Professor Martin Kolmar ist Direktor des Instituts für Finanzwissenschaft und Finanzrecht an der Universität St. Gallen und forscht im Bereich der Mikroökonomie.
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