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Gabriel Lüchinger – der Beziehungsmanager der Schweiz

Wenn der Iran und die USA oder die Ukraine und Russland zu Gesprächen nach Genf kommen, zieht Gabriel Lüchinger die Fäden.
Wenn der Iran und die USA oder die Ukraine und Russland zu Gesprächen nach Genf kommen, zieht Gabriel Lüchinger die Fäden. Keystone / Peter Schneider

Die Schweiz navigiert durch eine Welt, die kaum noch auf sie zugeschnitten ist. Wie hält sie Kontakt? Der Bundesrat vertraut auf die Fähigkeiten von Top-Diplomat Gabriel Lüchinger. Ein Portrait.

Braucht noch jemand die Schweiz? Ihre Neutralität ist im Inland umstritten und im Ausland erklärungsbedürftig. Der ehemalige Schweizer Bundeskanzler Walter Thurnherr beschreibt die Lage so: «Die Welt ist heute keine behäbige Gemeindeversammlung mehr, sondern ein Pausenhof ohne Aufsicht. Da wird mit ausgefahrenen Ellbogen gekämpft – und das ist für die Schweiz eine schmerzhafte Anpassung.»  Gerade Kleinstaaten sind auf Fairplay und Regeln angewiesen.

Konsequent im Hintergrund

Thurnherr zeichnet in der NZZ das Bild weiter: «Wir sind auf diesem Pausenhof eher die kleinen Zweitklässler. Doch da gibt es auch die grossen Sechstklässler, und wenn wir nicht aufpassen, haut uns ein Sechstklässler eine runter.» Darum müsse sich die Schweiz vielleicht mit den Viertklässlern absprechen.

Diese Absprache zu treffen, das ist der Job von Gabriel Lüchinger. Der 49-Jährige ist der Schweizer Spitzendiplomat, der konsequent im Hintergrund agiert.

Offiziell leitet Gabriel Lüchinger die Sicherheitsabteilung des Schweizer Aussendepartements. In anderen Ländern wird diese Position als nationaler Sicherheitsberater bezeichnet.

Tatsächlich ist er jedoch zum stillen Fahnenträger des Schweizer Multilateralismus geworden. Er redet mit allen. Und er tut es stets diskret – Medienkontakte meidet er.

Genf rückt diese Woche ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Am Dienstag kommt es zu weiteren Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland, mit dabei die USA. Am Donnerstag werden die Atomgespräche zwischen den USA und dem Iran fortgesetzt.

Sowohl mit dem Iran und den USA wie auch mit Russland und der Ukraine stand Gabriel Lüchinger in den letzten Wochen in intensivem Austausch.

Dass die Treffen in Genf stattfinden, zeige, dass die wichtigen Akteure Vertrauen haben in die neutrale Schweiz, sagt Thomas Greminger zu SRF; er ist Schweizer Diplomat und Direktor des Zentrums für Sicherheitspolitik in Genf. ««Es braucht weiterhin diese Neutralen, die in der Lage sind, solche Dialogplattformen zur Verfügung zu stellen.»

Das letzte Interview gab Lüchinger 2024, als er die Schweizer Friedenskonferenz für die Ukraine auf dem Bürgenstock organisierte. Heute sagt ein Mediensprecher des Schweizer Aussendepartements, Lüchingers Liste für Interview-Anfragen sei zu lang, eine weitere Anfrage mache keinen Sinn.

«Ungewohnte Aufgaben»

«Lüchinger ist ein Scharnier. Er wirkt unscheinbar, geniesst aber überall sehr viel Vertrauen», sagt eine Aussenpolitikerin über diese Arbeit. Ständerat Josef Dittli (FDP), ebenfalls Aussenpolitiker, sagt: «Er hat eine unglaublich hohe Sozialkompetenz. Er ist hochintelligent – und er hat immer Zeit, um zuzuhören.»

Lüchinger mit dem iranischen Sicherheitsberater Ali Laridschani 2025 in Teheran.
Lüchinger mit dem iranischen Sicherheitsberater Ali Laridschani 2025 in Teheran. x.com

Weitere Aussenpolitiker:innen beschreiben Lüchinger als «anständigen Mann mit klaren Gedanken, der seine Rolle kennt und die Aufträge erfüllt», als «ruhig und ausgeglichen». Sie nennen ihn gar «Musterbeispiel eines Diplomaten» und «Mann für alle Fälle». Kritik findet sich nicht.

Lüchinger besetzt eine Rolle, die die Schweiz nicht vorgesehen hat – aber braucht. SVP-Aussenpolitiker Roland Büchel spricht von «neuen, ungewohnten Aufgaben», die der Bundesrat ihm überträgt.

Handwerk der Guten Dienste

Er ist überall dabei, aber nie im Rampenlicht. Als das russische Regime den Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis in Moskau zum Kotau drängt – zur Kranzniederlegung am Grab des anonymen russischen Soldaten – wartet Lüchinger bei der Limousine.

Zu Zollgesprächen nach Washington fliegt er Economy Class. Er reist in den Iran, nach China und in den Nahen Osten. Er informiert stets all jene, die nicht dabei sein können, über alles, was sie interessieren könnte – ungefragt, akkurat und ohne eigene Interessen.

Das ist das Handwerk der Guten Dienste. Multilateralismus war lange das Netz, das die Schweiz im internationalen Geflecht durch die Zeit trug. Nun zerfällt es. Doch die Schweiz bleibt auf die Welt angewiesen – alleine schon wegen ihrer Exportwirtschaft.

Zollgespräche in Washington 2025: Lüchinger bewegt sich hinter dem Schweizer Wirtschaftsminister Guy Parmelin und Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter.
Zollgespräche in Washington 2025: Gabriel Lüchinger bewegt sich hinter dem Schweizer Wirtschaftsminister Guy Parmelin und Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter. Copyright 2025 The Associated Press. All Rights Reserved.

Als US-Präsident Trump 2025 Strafzölle von 39% verhängt, wird Lüchinger Sondergesandter für die USA. Wo Komplexität in Überforderung kippt, kommt er zum Einsatz.

Die SVP wählt ihn 2016 als Generalsekretär. 2018 wird er Berater von Bundesrat Parmelin.  2022 holt ihn das Schweizer Aussendepartement, als der russische Angriff auf die Ukraine dazu führt, dass die Schweiz ihren kopfschüttelnden Partnerländern ihre Neutralität erklären muss.

Stabiler Kontakt in einer nervösen Welt

Längst gilt Lüchinger als der bestvernetzte Diplomat der Schweiz. Er betreibt für die Schweiz die Kontaktpflege, die auf Regierungsebene schwieriger wird, weil Schaufenster-Diplomatie zur neuen Normalität geworden ist. Und weil die Fünft- und Sechstklässler auf dem Pausenhof ihre Spiele unter sich austragen.

Dazu kommt, dass in der Schweiz immer alles wechselt: Das Bundespräsidium im Jahrestakt, die Botschaftsposten im Vierjahresrhythmus. Für das Ausland waren die Top-Beamten und die wenigen Schweizer Staatssekretär:innen stets die stabilsten Ansprechpartner. Sie sind auch nach der nächsten Wahl noch da.

Einen Grundstein für Lüchingers Vernetzung legte die Ukraine-Friedenskonferenz auf dem Bürgenstock im Jahr 2024, ein äusserst ambitioniertes Projekt von Aussenminister Ignazio Cassis. Während andere Nationen der Ukraine Waffen lieferten und ihre Reihen schlossen, verwehrte die Schweiz ihre Waffen – und drohte ins Abseits zu geraten.  Es brauchte einen Befreiungsschlag, um die traditionelle Rolle der Schweiz in die neue geopolitische Situation zu tragen.

Gabriel Lüchinger im Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj während des Gipfeltreffens zum Frieden in der Ukraine auf dem Bürgenstock 2024.
Gabriel Lüchinger im Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj während des Gipfeltreffens zum Frieden in der Ukraine auf dem Bürgenstock 2024. Keystone / Michael Buholzer

Aussenminister Cassis wünschte sich, möglichst viele und möglichst bedeutende Staatschefs in die Innerschweiz zu holen – eine schwierige Aufgabe. Lüchinger operierte auf seiner Ebene. Er lobbyierte im Kreis der nationalen Sicherheitsberater, alles Leute mit direktem Draht in die Regierung. Da kennt man sich von Konferenzen. Da denkt man eher operativ als politisch, was Dinge oft vereinfacht.

Zudem wusste Lüchinger um die Kapazitäten des Schweizer Aussennetzes – er setzte dieses strategisch ein. «Wir haben alle Botschaften rund um die Welt auf die Piste geschickt mit der Bitte, die nationalen Sicherheitsberater anzugehen», erzählte er danach gegenüber Radio SRF.  

Gabriel Lüchingers steiler Weg nach oben

Lüchinger, Sohn eines Juristen, studiert Jura in Bern. Mit 22 Jahren kandidiert er als Nationalrat für die Junge SVP. In einem Leserbrief schreibt er im Jahr 1999 gegen die EU an: «Ich bin nicht bereit, auf unsere Offenheit gegenüber der Welt zu verzichten, nur um zu einer Organisation zu gehören, die korrupt und undemokratisch ist.»

Er setzt sein Studium in Helsinki fort, später folgen Studien in internationalen Beziehungen in Schweden. Zurück in der Schweiz arbeitet er für die SVP und im Verteidigungsdepartement. Er ist Oberst in der Armee und wird Militärattaché in den Schweizer Botschaften von Abu Dhabi und Kairo.

Sechs Jahre bleibt er im arabischen Raum, lernt seine heutige Frau kennen, eine Jordanierin, lässt sich vom arabischen Frühling begeistern. «Der Kampf der Jungen für die Demokratie hat mich stark geprägt», sagt er später.

Dann kontaktiert ihn die SVP, lockt ihn 2016 mit dem Job als Generalsekretär zurück in die Schweiz. Er wird zum engen Vertrauten des Parteipräsidenten, dem heutigen Bundesrat Albert Rösti. Kurz darauf wird er zum persönlichen Berater von SVP-Bundesrat Guy Parmelin.

Seine Karriere könnte so weitergehen. Später wird er als Bundeskanzler gehandelt, sitzt dafür aber in der falschen Partei. Auch als Chef des Schweizer Nachrichtendiensts wird er empfohlen.

Lüchinger zieht es jedoch in die Diplomatie. Er absolviert die strengen Auswahlverfahren des Aussendepartements. Dann ernennt ihn Aussenminister Ignazio Cassis zum Sicherheitschef. Das ist ein geschickter Schachzug, denn Cassis und sein diplomatisches Korps stehen unter Dauerbeschuss der SVP.

Strategisch geschickte Berufung: Der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis mit Gabriel Lüchinger,
Strategisch geschickte Berufung: Der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis mit Gabriel Lüchinger, Keystone / Eda / Pool / Alessandro Della Valle

Dieser Partei ist Weltoffenheit grundsätzlich suspekt. Um die Kritik zu stoppen, ist ein weltoffener Shootingstar der SVP die Idealbesetzung. Lüchinger selbst sagt 2024 über den Job: «Ich bin genau dort, wo ich hingehöre.»

Scheitern gehört zum Job

Doch kann dieser Mann auch scheitern? Durchaus: An der Ukraine-Konferenz auf dem Bürgenstock fehlte China, damals die einzige Macht mit Hebelwirkung. Bei den US-Zöllen fehlt der Schweiz nach wie vor ein verbindliches Abkommen, die Dossierführung liegt wieder beim Wirtschaftsdepartement.

Doch Glanz ist in Lüchingers Welt kein Kriterium. Zuletzt sah man ihn in Moskau, mit Aussenminister Ignazio Cassis. Im Namen der OSZE versuchten sie, Russland wieder in einen internationalen Dialog zu bringen. Die Erwartungen waren tief, Cassis wurde vorgeführt, die Mission stiess international auf Kritik.

Kurz zuvor wütete das islamische Regime gegen die eigene Bevölkerung. Lüchinger hatte den Draht zu Ali Laridschani, dem Sicherheitsberater des Regimes und einem der engsten Vertrauten von Religionsführer Ali Khamenei. Er telefonierte. Das Regime wütete unbeirrt weiter. Es war wie wohl alles, was er tut: Nicht vergeblich, sondern einen Versuch wert.

Editiert von Marc Leutenegger

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