«Todeskuss»: Wie die USA eine Schweizer Handelsbank zu Fall brachten
Michael Bär sagte lange, das Bankwesen liege in seinen Genen. Als Urenkel des Gründers der Bank Julius Bär wuchs er während der Blütezeit des Schweizer Privatbankenwesens auf. Damals zogen Geheimhaltung und Sicherheit die Wohlhabenden der Welt an – darunter auch solche, die aus weniger ehrenwerten Motiven das Rampenlicht mieden.
Das Unternehmen, das er 2018 gründete, positionierte sich als Alternative zur alten Garde der Branche. Diese hatte sich angesichts der US-Massnahmen gegen Steuerhinterziehung und Sanktionsverstösse aus risikoreicheren Geschäften zurückgezogen und ihre Kontrollen verschärft.
Weniger als ein Jahrzehnt später befindet sich die MBaer Merchant Bank in Liquidation – ihr Schicksal besiegelt durch die Anwendung von «Section 311» durch das US-Finanzministerium im Februar. Diese Befugnis erlaubt es, Banken, bei denen «primäre Geldwäschereibedenken» identifiziert werden, vom amerikanischen Finanzsystem auszuschliessen.
«Section 311 kommt nicht oft zur Anwendung, aber wenn, dann ist es der Todeskuss», sagt Tom Keatinge, Direktor des Centre for Financial Crime and Security am britischen Royal United Services Institute.
Während sich MBaer selber als «die Bank mit einer Seele» bezeichnete, die «von Unternehmern für Unternehmer» geführt werde, war sie laut Washington ein Kanal für Gelder, die mit einigen der am stärksten von Sanktionen betroffenen Volkswirtschaften in Verbindung standen.
US-Finanzminister Scott Bessent erklärte im Februar: «MBaer hat im Auftrag illegaler Akteure, die mit dem Iran und Russland in Verbindung stehen, über hundert Millionen Dollar durch das US-Finanzsystem geschleust.»
«Es war allgemein bekannt»
Der Niedergang der Bank steht im Widerspruch zu den mehr als zehnjährigen Bemühungen der Schweiz, ihren Finanzsektor nach den Skandalen der Bankgeheimnis-Ära zu sanieren.
Kritikerinnen und Kritiker sagen, der Fall werfe auch die Frage auf, ob die Schweizer Behörden angesichts des Ausmasses der später zutage getretenen Risiken rasch genug gehandelt hätten.
Nach einer langen Untersuchung hatte die Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) eine Liquidationsanordnung gegen MBaer erlassen. Die Bank konnte diesen Entscheid jedoch vor Gericht anfechten. Es bedurfte letztlich des Drucks aus den USA, um sie aus dem Geschäft zu drängen.
«Alle wissen, was vor sich geht, und doch dauert es viel zu lange», sagt ein in Zürich ansässiger Bankmanager. «Es war allgemein bekannt, was die Strategie der Bank war.»
Eine risikoreichere Kundschaft betreuen
MBaer war Teil einer neuen Generation kleinerer, flexiblerer Banken, die entstanden, nachdem das Vorgehen Washingtons gegen Finanzkriminalität die Schweiz gezwungen hatte, Teile ihres Bankgeheimnisses abzubauen.
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Grosse Banken hatten Milliarden US-Dollar an Bussgeldern bezahlt, Kundendaten herausgegeben und ihre Compliance verschärft. Institute wie die UBS, die Credit Suisse, die Pictet-Gruppe und Julius Bär zogen sich aus dem Risiko zurück, trennten sich von Kundinnen und Kunden in von Sanktionen betroffenen Ländern oder mit komplexen grenzüberschreitenden Strukturen. Das Firmenkundengeschäft schrumpfte.
Bär war darauf ausgerichtet, risikoreichere Personen zu bedienen, jedoch mit strengerer Sorgfaltsprüfung – eine Herausforderung für eine Branche, die er selber für träge, vorsichtig und übermässig bürokratisch hielt, wie Personen berichten, die mit seinem Denken vertraut sind.
«Es gab Menschen aus Ländern, die andere Banken nicht anfassen würden, selbst wenn das Geld sauber war», sagt eine Person, die ihn kennt. «Er wollte diese Menschen erreichen.»
Um das Team von MBaer aufzubauen, nutzte Bär auch sein Netzwerk aus der Schweizer Privatbankenszene, darunter ehemalige Kolleginnen und Kollegen von Julius Bär, wo er zu Beginn seiner Karriere tätig war. Auf dem Höhepunkt hatte die MBaer etwa 1000 Kundinnen und Kunden.
Laut dem Financial Crimes Enforcement Network des US-Finanzministeriums (Fincen) war MBaer jedoch ein «kritischer Zugangspunkt zum US-Dollar… für eine Vielzahl illegaler Akteure».
In dem zusammen mit der Section-311-Anordnung veröffentlichten Bericht legte Fincen seinen Fall anhand von Beispielen aus drei der weltweit sensibelsten Sanktionsschauplätze dar.
Einen Strang bildete Russland. Fincen erklärte, MBaer habe Konten geführt und Zahlungen abgewickelt, die mit unter US-Sanktionen stehenden Russinnen und Russen in Verbindung standen. Dazu zählte auch der ehemalige Präsident Dmitri Medwedew.
Zudem habe die Bank Geldwäscherei durch Oligarchen und «politisch exponierte Personen» erleichtert und Transaktionen im Zusammenhang mit Rüstungskäufen verarbeitet.
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Eine weitere Achse bildete Venezuela, wo sich Fincen auf mutmassliche Korruptions- und Sanktionsumgehungssysteme konzentrierte, die mit dem staatlichen Ölunternehmen PDVSA in Verbindung standen.
In den Unterlagen wurde ausserdem ein mit den Islamischen Revolutionsgarden in Verbindung stehendes Netzwerk beschrieben, das von den USA als ausländische Terrororganisation eingestuft wird. Es wurde behauptet, MBaer habe Transaktionen im Zusammenhang mit einem Ölschmuggel- und Geldwäschereisystem erleichtert.
«Wir sind nicht die Bank für Oligarchen»
Das Ermittlungsteam beschrieb ein konsistentes Muster: Netzwerke, die in sanktionierten Sektoren tätig sind, nutzen geschichtete Unternehmensstrukturen, Vermittler und grenzüberschreitende Transaktionen – und verlassen sich auf Banken, die bereit sind, diese zu verarbeiten.
MBaer rekrutierte leitende Mitarbeitende mit Erfahrung in der Betreuung von Kundschaft aus den drei genannten Ländern.
Fincen erklärte, die Anfänge der Bank seien «in der venezolanischen Korruption verankert» gewesen. Das Strafverfolgungs-Netzwerk verwies auf Berichte, wonach Siri Evjemo-Nysveen, die von 2019 bis 2023 im Verwaltungsrat sass, PDVSA-bezogene Zahlungen im Auftrag ihres Ehemanns, des italienischen Händlers Alessandro Bazzoni, erleichtert habe.
Dieser wurde in den letzten Tagen von Donald Trumps erster Amtszeit mit US-Sanktionen belegt, aufgrund seiner mutmasslichen Rolle in einem venezolanischen Ölhandelsnetzwerk. Diese Sanktionen wurden jedoch während Joe Bidens Präsidentschaft wieder aufgehoben.
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Das Anwaltsteam von Evjemo-Nysveen und Bazzoni erklärte, der Fincen-Bericht beziehe sich auf «unbelegte oder widerlegte Quellen».
Es fügte hinzu, dass US-amerikanische (und schweizerische) Behörden nie irgendwelche Massnahmen gegen Evjemo-Nysveen im Zusammenhang mit den in dem von ihnen als «diskreditiert» bezeichneten Bericht erhobenen Vorwürfen ergriffen hätten, sei es investigativer oder anderer Art.
Fincen behauptet hingegen, MBaer-Bankerinnen und -Banker hätten weiterhin risikoreiche Kundschaft hereingebracht, selbst nachdem interne Compliance-Teams Bedenken geäussert hatten. Zudem seien einige Transaktionen trotz Warnsignalen oder unvollständiger Sorgfaltsprüfungen verarbeitet worden.
Einige Rechtsfachleute bezeichneten den Fincen-Bericht als «dünn» und wiesen darauf hin, dass er sich auf Blogbeiträge und andere öffentliche Berichte stütze.
«Man könnte argumentieren, dass ein Grossteil der Beweise auf Indizien zurückzuführen ist, die auf Aktivitätsmustern, Geheimdienstbewertungen und Verbindungen basieren, statt auf einer Reihe klar nachgewiesener Sanktionsverstösse», sagt ein in Zürich ansässiger Anwalt.
Andere sagen, die relevantere Frage sei, ob die Schweizer Behörden rasch oder entschlossen genug gehandelt hätten.
Schon bevor formelle Ermittlungen offiziell begannen, kursierten in Schweizer Bankenkreisen Gerüchte über MBaers Kundschaft – namentlich über jene aus Russland.
Als die Kontrollen zunahmen, blieb Bär trotzig. «Wir sind nicht die Bank für Oligarchen», sagte er in einer öffentlichen Erklärung. «Wir haben eine recht breite Basis.»
«Eine Peinlichkeit»
Die Finma prüfte die Bank MBaer zwei Jahre lang, bevor sie entschied, ihr die Lizenz zu entziehen. Doch selbst dann erlaubte das Schweizer Recht der Bank, ihren Betrieb fortzusetzen, bis über eine Beschwerde entschieden worden war.
Erst die Section-311-Intervention Washingtons – die erstmals gegen eine Schweizer Bank eingesetzt wurde – brachte MBaer schliesslich zu Fall.
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Mark Pieth, Rechtsprofessor an der Universität Basel, dessen Anwaltskanzlei auf Wirtschaftskriminalität und Schweizer Strafrecht spezialisiert ist, bezeichnet den Umgang mit dem Fall in der Schweiz als «Peinlichkeit».
«Die Finma hat den Ruf, langsam zu sein, und das ist ein Problem», sagt Pieth. «Sie sind noch nicht dort, wo sie sein sollten, während Fincen brutal und schnell handelte.»
Die Schweizer Aufsichtsbehörde begann 2023 mit der Prüfung von MBaer und eröffnete im folgenden Jahr formelle Durchsetzungsverfahren. Das Ermittlungsteam führte eine eingehende Überprüfung durch und untersuchte über einen Zeitraum von rund einem Jahr Millionen von E-Mails, Transaktionsunterlagen und Kontakten mit Kundinnen und Kunden.
Anfang 2025 trat Bär als Geschäftsführer zurück, um sich stärker auf Beziehungen zur Kundschaft konzentrieren zu können. Er wurde von Annett Viehweg abgelöst, einer ehemaligen Deutsche-Bank-Managerin, die 2023 zu MBaer gestossen war. Sie hatte zuvor die Schweizer Niederlassung der russischen Staatsbank Sberbank geleitet.
Der später im Jahr erschienene Finma-Bericht umfasste Tausende von Seiten und konstatierte Mängel in der Unternehmensführung, den Kontrollen und der Dokumentation.
Ein Ermittler stellte fest, dass etwa 80% der Beziehungen der Bank zu Kundinnen und Kunden als hochriskant eingestuft waren und 98% der eingehenden Vermögenswerte von diesen Personen stammten.
Mit der Bank Vertraute sagen, diese Zahlen seien durch eine kleine Anzahl gewichtiger Kundinnen und Kunden und durch konservative interne Klassifizierungen verzerrt, durch die ein Grossteil der Welt als hochriskant eingestuft werde.
Die Prüfung durch die Finma erzwang Änderungen bei MBaer. So trennte sich die Bank etwa von einem Drittel ihrer Kundschaft, verbesserte ihre Compliance-Systeme, führte eine optimierte Transaktionsüberwachung ein und formte ihren Verwaltungsrat sowie ihr Management um. Das berichten zwei mit der Situation vertraute Personen.
Doch obwohl das Unternehmen während des gesamten Prozesses unter Beschränkungen operierte, wurden diese im Verlauf der Sanierungsmassnahmen nicht wesentlich verschärft.
Nach monatelangen Korrekturen teilte die Finma der Bank Ende Januar mit, dass sie ihr die Lizenz entziehen und sie in Liquidation versetzen werde – ein Entscheid, der die Geschäftsleitung der Bank überraschte, wie zwei mit der Situation vertraute Personen sagten.
Die Fähigkeit MBaers, angesichts der Befunde der Finma weiterhin zu operieren, hat jedoch Fragen darüber aufgeworfen, wie die Aufsichtsbehörde das Risiko der Bank einschätzte.
Die Aufsichtsbehörde verfügt über eine Reihe von Instrumenten unterhalb der Schwelle der Liquidation, darunter strengere Geschäftsbeschränkungen, die Einsetzung eines Monitorings oder die Erzwingung eines Verkaufs. Doch keines davon scheint eingesetzt worden zu sein.
«In den Augen vieler Menschen – und sicher der US-Behörden – ist die Schweiz schuldig, bis sie ihre Unschuld beweist», sagt Keatinge vom Royal United Services Institute. «Sie hat diese Wahrnehmung immer wieder bestärkt, indem sie auf andere gewartet hat, die als Erste handeln. Dies hätte eine Gelegenheit sein können, das zu ändern.»
Die Finma teilte mit, sie habe die Banklizenz entzogen und die Liquidation angeordnet, bevor die USA ihren Schritt unternahmen. Das Schweizer Recht habe jedoch die sofortige Durchsetzung verhindert.
«Die aufschiebende Wirkung wurde aufgrund der Beschwerde der Bank gewährt und die Finma wurde vom Gericht daran gehindert, die Liquidation zu kommunizieren und durchzusetzen», erklärte die Finma. «Die Liquidationsanordnung der Finma trat erst am 27. Februar in Kraft, als die Bank ihre Beschwerde zurückzog.»
Der Abschlussbericht der Finma wurde veröffentlicht, als bekanntgegeben wurde, dass MBaer schliesslich in Liquidation gegangen sei. Dieser stellte fest, dass die Bank schwerwiegende organisatorische Mängel aufgewiesen, wiederholt gegen Geldwäschereibekämpfungspflichten verstossen, Transaktionen für sanktionierte Kundinnen und Kunden verarbeitet hatte und einigen ermöglichte, Vermögenssperren zu umgehen.
In den letzten Wochen begann die Bank, die Gelder ihrer Kundschaft in Etappen zurückzuzahlen, nachdem sie bei allen Kundinnen und Kunden eine Geldwäschereibekämpfungsprüfung durchgeführt hatte.
Ein aktueller Hinweis auf ihrer Website besagt jedoch, dass «vorübergehend keine Rückzahlung von Kundengeldern möglich» sei, da sie vom Schweizer Interbanken-Zahlungssystem abgekoppelt wurde.
Bei einem kürzlichen Besuch bei den Büros von MBaer am Zürcher Seeufer brannte noch Licht und einige Mitarbeitende befanden sich in Besprechungen.
Viehweg, welche die Liquidatoren vor Ort betreute, reagierte nicht auf eine Interviewanfrage.
Ein Bankangestellter teilte mit, Bär sei «nicht verfügbar». Eine Seite auf der Homepage von MBaer, wo die Geschichte des Bankiers detailliert beschrieben war, wurde inzwischen entfernt.
«Es ist eine traurige Geschichte», sagt eine Person, die Bär kennt. «Aber manche dieser alten Familiennamen kämpfen mit dem enormen Druck, der auf ihnen lastet.»
Zusätzliche Berichterstattung von Robert Wright, London
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Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub
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