The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Lernen mit Leib und Seele

Der Bildungsklub für Menschen mit geistiger Behinderung ist beliebt. swissinfo.ch

In Zürich findet zurzeit eine spezielle Sommerakademie statt: Rund 50 Menschen mit geistiger Behinderung üben sich am Computer, machen Zirkus oder Exkursionen im Wald.

Die traditionelle Aktion wird vom Zürcher Bildungsklub finanziert, dem Pionier in der Erwachsenenbildung für geistig Behinderte.

Mit Leib und Seele organisiert Gottfried Hodel die Sommerkurse, die seit zwölf Jahren an der Paulus-Akademie in Zusammenarbeit mit dem Bildungsklub von Pro Infirmis in Zürich durchgeführt werden.

«Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen reisen aus der ganzen Schweiz an und sind zwischen 18 und 75 Jahre alt.»

Sechs Kurse stehen zur Auswahl. «Eigentlich zu wenig», findet Hodel. Es gebe viel mehr Anmeldungen, als man schlussendlich berücksichtigen könne. Aber, so Hodel: «Leider fehlt es wieder mal am Geld.» Seit Jahren seien die staatlichen Beiträge eingefroren.

Sich fühlen wie ein König



Die Kurse tragen Namen wie «Körper und Seele», «Computer/Internet», «Stimme-Gesang-Rhythmus», «Traumrollen im Zirkus-Varieté» oder «Sich fühlen wie ein König». Eine Gruppe beobachtet und bestimmt im Wald Pflanzen und Tiere.

Die Kursteilnehmer und –teilnehmerinnen sind mit vollem Eifer mit dabei, wie ein Augenschein zeigt. Die fremde Journalistin weckt Interesse, manche begrüssen mich, der eine und die andere suchen spontan Kontakt.

Stolz werden mir die halbfertigen Arbeiten präsentiert, ich werde ans Abschlussfest eingeladen, an dem alle Kursteilnehmenden ihre Arbeiten präsentieren.

Vielfältiger Computerkurs

«Computer und Internet» ist laut Hodel einer der begehrtesten Kurse. Stolz zeigt mir Fabienne aus dem Bünderland ihre neu erlernten Excel-Kenntnisse. Sie strahlt, als ich ihr versichere, dass einige meiner «normalen» Freunde und Freundinnen dieses Programm nicht anwenden können.

Und da ist Daisy, 75 Jahre alt. Sie schreibt eine Art Tagebuch. Ich lese und staune, wie alles begann, wie man sie als «nicht normal» einstufte, und wie sie weinte, weil sie nicht mit den anderen Kindern in die Schule durfte.

Lebe Deinen Traum



«Zerbrich den Spiegel, den andere Dir vorhalten», rezitiert Kursteilnehmer Silvio Rauch vom «Zirkus-Varieté-Kurs». Hier dreht sich alles um Träume, genauer gesagt um Lebensträume.

«Die Kursteilnehmenden haben als Rolle ihre Traumberufe gewählt», erklärt der Kursleiter. Die Truppe besteht aus einem Gärtner, einem Computerspezialisten, einem Zauberer, einem Schauspieler, einer Köchin, einem Model, einer Kindergärtnerin und einer Fotografin.

Begeisterung füllt den Raum, es wird hart an der Rolle gearbeitet, für die grosse Performance am Ende des Kurses.

20 Jahre Erwachsenenbildung



Mit Leib und Seele dabei ist auch Bernhard Krauss vom Zürcher Bildungsklub. Seit drei Jahren organisiert er beim Bildungsklub die Kurse für Erwachsene. Der Bildungsklub ist Teil von Pro Infirmis.

«Vor 20 Jahren war der Kanton Zürich der erste Kanton, der Erwachsenenbildung für Menschen mit geistiger Behinderung anbot. Mittlerweile gibt es in jedem Kanton einen Bildungsklub.»

Und im internationalen Vergleich komme die Schweiz sehr gut weg: Ausser in den deutschen Städten München und Würzburg gebe es in keinem anderen Land ein vergleichbares flächendeckendes Angebot.

Wellness und SBB sind der Renner



Wie wichtig Erwachsenenbildung für Menschen mit geistiger Behinderung ist, beweisen die Besucherzahlen: Letztes Jahr waren es knapp 900 Personen, die einen der über 100 Kurse besuchten.

Dazu Krauss: «Es lässt sich beobachten, dass die allgemeinen Trends mit einer gewissen Verspätung zu uns rüberschwappen. Vor zwei Jahren waren Computer-Kurse der absolute Renner. Heute ist Wellness angesagt.»

Rege besucht sei auch ein Kurs rund um die SBB: «Die Kursteilnehmenden lernen nicht nur das Unternehmen und den Bahnhof kennen, sondern auch, wie Reisen organisieren und planen.»

Mit sich selber auseinander setzen



In den letzten Jahren habe der Bildungsklub vor allem den Bereich Persönlichkeit stark ausgebaut.

«Die Menschen mit geistiger Behinderung setzten sich zunehmend mit sich selbst auseinander», erklärt Krauss. Angeboten werden Kurse wie «Männer unter sich», «Gefühle im Bauch» oder «Ich lerne Abschied nehmen».

In den Kursen könne man keinen «Einheitsbrei» servieren. Deshalb sei die Arbeit auch sehr anspruchsvoll. «Manchmal braucht es ein detektivisches Gespür, um herauszufinden, wie sich Wissen am besten vermitteln lässt», stellt Krauss fest.

Entsprechend stolz ist Krauss auf sein Team mit rund 50 Kursleitern und Kursleiterinnen. Bald haben alle wieder zu tun: Ende August beginnen die ersten Semesterkurse.

swissinfo, Elvira Wiegers

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft